„Wir dürfen uns nicht von Arschlöchern vorschreiben lassen, wann wir zu lachen und zu weinen haben“

Seit Jahren ist der Mainzer Kabarettist Tobias Mann erfolgreich auf Deutschlands Bühnen unterwegs und im Fersehen präsent. Nun tritt er wieder in Mainz auf. Im Interview spricht er über Krieg, Corona, seine Liebe zu Mainz und sein neues Programm.

„Wir dürfen uns nicht von Arschlöchern vorschreiben lassen, wann wir zu lachen und zu weinen haben“

Eigentlich wollte Tobias Mann vor Jahren noch eine Laufbahn als Akademiker an der Johannes Gutenberg-Universität einschlagen. Doch letztlich entschied sich der Mainzer für eine Karriere als Kabarettist - und dies ziemlich erfolgreich. So präsentiert er zahlreiche Fernsehformate und tourt mit seinen Programmen regelmäßig durch Deutschland. Nun ist er auch wieder in Mainz vor Ort. Am Samstag (14. Mai) tritt er in Finthen auf. Merkurist erzählt er, was das Publikum in seinem neuen Programm erwartet, ob er nochmal bei „Mainz bleibt Mainz“ zu sehen sein wird und wie Corona sein Leben beeinflusst hat.

Merkurist: Herr Mann, während der Corona-Pandemie hatten viele Künstler quasi zwei Jahre lang „Berufsverbot“. Wie haben Sie diese Zeit verbracht?

Tobias Mann: Ich hatte zu Anfang das große Glück, dass ich noch mit meinem Kollegen Christoph Sieber die ZDF-Show „Mann, Sieber!“ (2015 - 2020) hatte. Da haben wir einmal eine Sendung komplett im Home-Office gedreht. Er war in Köln, ich in Mainz. Kommuniziert haben wir über Skype und uns dann selbst gefilmt. Dann hatte ich noch einige Autokino-Aufritte. Ich habe also immer versucht, irgendwie mit dem Publikum in Kontakt zu treten und auf der anderen Seite kreativ weiterzuarbeiten. Jetzt aber legen wir wieder richtig los.

Aktuell ist der Krieg in der Ukraine ein Thema, das die Menschen bewegt. Kann man so ein Thema überhaupt kabarettistisch aufbereiten?

Je emotionaler, je anspruchsvoller, je komplexer ein Thema ist, desto genauer musst du arbeiten. Da verbieten sich schnelle Gags und Pointen. Und was man immer prüfen muss: Geht der Scherz auf Kosten der Opfer? Dann ist er natürlich nicht gut. Aber prangerst du damit etwas an, kann es gelingen, Ungerechtigkeiten durch Satire der Lächerlichkeit preiszugeben. Dann ist das gut. Egal ob es um Terroristen geht, durchgeknallte Staatschefs, Verbrecher oder eine Mischung aus allem: Wir können und dürfen uns nicht von irgendwelchen Arschlöchern vorschreiben lassen, wann wir zu lachen und wann wir zu weinen haben. Am Ende ist ein Abend, wie ich ihn mache, auch dazu da, um mal Luft zu holen. Wenn man keine Luft mehr holt, hat man irgendwann keinen Atem mehr, um weiterzumachen.

Sie präsentieren gerade ihr aktuelles Programm „Mann gegen Mann“. Welchen Themen widmen Sie sich darin und unter welchen Bedingungen entstand das Programm?

Ich war während der Pandemie viel zu Hause und habe verschiedene Dinge an mir bemerkt, die ich im inneren Dialog so auf die Bühne bringen wollte. Ich streite quasi so ein bisschen mit mir selbst. Wie war früher meine Einstellung zu bestimmten Dingen? Wie ist meine Einstellung heute? Was finde ich daran beängstigend? Ein Beispiel: Wenn in der Nachbarschaft eine Party ist und ich dann denke ‘Jetzt haben wir 23 Uhr, jetzt können sie auch irgendwie mal leise sein.’ Das bekämpfe ich innerlich, weil ich eigentlich ein Party-Typ bin. Das sind so bestimmte Prozesse, die einsetzen, denen man sich ganz bewusst entgegenstellen muss – Mann gegen Mann sozusagen.

Sie sind Musiker, spielen mehrere Instrumente. Wollen Sie damit auch gesondert auf Tour gehen?

Mein Programm besteht ja immer aus Liedern und Texten. Aber was ich viel zu selten tue, ist mit anderen zusammen zu musizieren. Das ist etwas, das ich sehr vermisse, weil ich es früher viel gemacht habe. Ich war in einer Schulband und hatte später auch meine Band, „Aca&Pella“. Ich stand beispielsweise mal mit den „Bummtschaks“ auf der Bühne. Sowas genieße ich total. Mein großer Traum ist es deshalb, irgendwann mal ein Musikprogramm zu machen. Dem Publikum wäre das aber wohl schwieriger zu vermitteln, weil die Leute doch eher den Kabarettisten Tobias Mann kennen und dann nicht wissen, ob sie den ganzen Abend nur Musik hören wollen. Aber da kann ich jetzt auch mal an dieser Stelle Werbung machen: Meine Lieder sind auch sehr satirisch, kabarettistisch. Und ich glaube das wird gut, wenn ich das irgendwann mal mache.

Sie sind früher bei „Mainz bleibt Mainz“ aufgetreten. Werden wir Sie künftig noch einmal in der Fernsehfastnacht sehen?

Ich werde immer mal wieder gefragt: Willst du nicht wieder auftreten? Es gibt ja diese unausgesprochene Regel: Wer sein Geld mit Humor verdient, soll nicht mehr in der Fastnacht auftreten - weil er damit ein „Humor-Profi“ ist. Der Gedanke dahinter ist, dass die Fastnacht traditionell von Menschen präsentiert wird, die das nicht beruflich tun – es aber natürlich trotzdem sehr gut machen. Diesem Gedanken bin ich zunächst gefolgt. Ich finde es aber völlig okay, wenn jemand es damit anders hält. Ich verurteile das nicht. Nur für mich persönlich fühlte sich das seinerzeit wie die richtige Entscheidung an. Hinzu kamen dann selbstverständlich auch terminliche Engpässe, die zwangsläufig mit dem Leben als deutschlandweit tourendem Berufskomiker zusammenhängen. Also: Ich habe nie mit der Fastnacht abgeschlossen nach dem Motto: „Ich will das nicht mehr“.

Ich mache es ja auch ab und an, wenn ein Jubiläum ansteht, mich also beispielsweise der GCV, mein geliebter Heimatverein, anfragt. Dann bin ich sofort zur Stelle und zeige Präsenz. Es ist dann halt etwas Einmaliges und keine regelmäßige Geschichte. Aber ich will nicht ausschließen, dass ich irgendwann mal, wenn ich keinen Bock mehr habe, auf Tour zu gehen, wieder die Fastnachtsbühne betrete.

Treten Sie lieber im Fernsehen auf oder auf der Bühne?

Ich liebe das Solo-Spielen, weil ich mein eigener Regisseur bin, weil ich das tun kann, was ich möchte. Auf der Bühne geht es um nichts anderes, als um das, was der Künstler sagt, macht und was das Publikum daraus macht. Das ist dieser Dialog, der komplett direkt ist, ohne Kameras dazwischen und das ist, was ich am meisten liebe. Das habe ich jetzt gerade wieder gemerkt bei den Gastspielen: Ich hatte so viel Spaß. Ich merke das immer, wenn ich zu lang spiele. Dann verplaudere ich mich und gucke auf die Uhr und merke: Oh Gott, wie lange hast du wieder gespielt. Da verliere ich tatsächlich mich selbst, aber nicht im negativen Sinne, dass ich nicht mehr weiß, was ich tue, sondern weil ich so Freude dran habe. Wenn ich mich jetzt entscheiden müsste zwischen Fernsehen und Bühne, würde ich sofort sagen: Bühne!

Haben Sie Angst, irgendwann einmal „gecancelt“ beziehungsweise boykottiert zu werden?

Ich bin mit dem Begriff „Canceln“ zurückhaltend. Oft werden diejenigen, die sich als Opfer der sogenannten Cancel Culture darstellen, lediglich stark kritisiert, verschwinden aber mitnichten aus der Öffentlichkeit. Sicherlich gibt es auch andere Fälle, aber selbst die finden in der Regel noch ihr Publikum, wenn auch auf anderen Kanälen. Ein Shitstorm zieht üblicherweise recht schnell vorüber. Und doch: Die Gefahr, missverstanden zu werden, ist sicherlich größer als in Vor-Internet-Zeiten. Gerade bei Satire und Ironie entstehen viele Probleme durch das Verkürzen von Inhalten, eine irre Reaktionsgeschwindigkeit und den Wettlauf um die immer krassere Zuspitzung, was durch das Medium diktiert wird. Deswegen präsentiere ich mich und meine Arbeit derzeit wieder seltener bei Twitter und Co., dafür aber mehr auf der Bühne, wo alles, was ich sage, in einem größeren Kontext steht.

Sie treten jetzt am 14. Mai in Finthen auf. Warum gehen Sie bewusst auch in die Mainzer Vororte mit Ihrem Programm?

Ich finde es schön, dass das kulturelle Leben jetzt auch wieder direkt vor der Haustüre stattfinden kann, also in den Vororten. Da wurde mit dem Umbau der Bürgerhäuser viel getan. Da kann man eben auch mal dort auftreten und die Leute haben die Chance, einen Künstler vor Ort und nicht nur im Unterhaus oder im Frankfurter Hof zu sehen.

Wie würden Sie die Beziehung zu Ihrer Heimatstadt Mainz beschreiben?

Ich werde häufig gefragt, warum ich noch in Mainz wohne. Viele können das offenbar nicht verstehen. Ich sage dann immer: Das kann nur jemand fragen, der Mainz nicht kennt. Das sage ich aus voller Überzeugung. Ich bin wirklich durch und durch Mainzer und liebe es, hier zu leben. Dadurch, dass ich eh schon so viel unterwegs bin, habe ich hier einen Ort, wo ich nach Hause kommen kann und an dem meine Familie, Freunde und Verwandtschaft leben. Ich halte Mainz für äußerst lebenswert, ich fühle mich hier wohl und freue mich, wenn ich über eine Brücke komme und Mainz sehe. Ich mache immer und überall Werbung für mein Mainz.

Vielen Dank, Herr Mann!

Das Interview führten Lucy Dieth und Michael Meister.

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