Aerosol-Experte: „Das hätte Tausende Tote verhindern können“

Welche Rolle spielt die Saisonalität bei Coronaviren? Warum lockern andere Länder und wir noch nicht? Und wie sieht eine sinnvolle Pandemiebekämpfung aus? Wir haben mit Aerosol-Experte Dr. Gerhard Scheuch gesprochen.

Aerosol-Experte: „Das hätte Tausende Tote verhindern können“

Er gilt als einer der weltweit führenden Aerosol-Experten: der Physiker Dr. Gerhard Scheuch. Auch in der Corona-Pandemie erklärt er in den Medien, wie sich Aerosole im Raum verteilen. Dabei weist er unermüdlich darauf hin, dass Ansteckungen im Freien sehr unwahrscheinlich sind, während in Innenräumen die Gefahr lauert. Auch bei Merkurist kritisierte Scheuch die Mainzer Maskenpflicht am Rhein und die Ausgangssperre. Seit neuestem klärt er in einem Podcast über das Thema Aerosole auf. Im Merkurist-Interview erzählt er, warum Saisonalität eine große Rolle bei Coronaviren spielt, was bei der Pandemie-Bekämpfung falsch gelaufen ist und warum Karl Lauterbach für ihn manchmal „trumpeske“ Züge hat.

Herr Dr. Scheuch, es ist noch nicht lange her, da stiegen die Inzidenzzahlen beängstigend an, nicht wenige Experten warnten vor noch schlimmeren Zahlen im Sommer. Sie dagegen haben Mitte März in einem Gespräch mit Merkurist gesagt: Die Zahlen werden spätestens Anfang Mai runtergehen. So ist es jetzt auch gekommen. Was hat Sie damals so sicher gemacht?

Mit Prognosen muss man immer vorsichtig sein. Ich würde auch niemandem vorwerfen, dass er da bewusst völlig falsch gelegen hat. Aber wir wissen eigentlich von anderen Coronaviren, dass sie eine Saisonalität zeigen. Auch von der Influenza wissen wir: Die Grippewelle geht immer nur ganz kurz, von Februar bis Ende März. Coronaviren sind aggressiver, aber auch da ist der Winter einfach deren Freund – und unser Feind.

Woran liegt das genau?

Das hat verschiedene Gründe: Erstens halten wir uns im Winter viel mehr in Innenräumen auf als im Frühjahr oder Sommer. Zweitens lüften wir auch mehr, wenn es draußen nicht so kalt ist. Drittens spielt auch die Luftfeuchtigkeit eine Rolle. Die ist im Winter in den Innenräumen sehr niedrig. Und die Viren scheinen das zu mögen. Viertens: Unsere Schleimhäute werden in der trockenen Luft empfindlicher. Das merken Sie bei einem Langstreckenflug. Dann haben Sie eine ausgetrocknete Nase, der Hals tut weh und das Virus hat es dann leichter, uns zu attackieren. Fünftens ist auch das UV-Licht ein Faktor, den Viren nicht mögen. Und sechstens ist das Immunsystem im Winter schwächer als im Sommer. Diese ganzen Faktoren führen zur Saisonalität. Abgesehen davon kommt bei uns noch hinzu, dass der Effekt der Impfung langsam durchschlägt.

Dennoch wurden Modellprognosen veröffentlicht mit bis zu 230.000 Fällen pro Tag ab Frühjahr oder Sommer.

Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass diese Horrorszenarien eintreten würden. Ein Kollege von mir hat mal gesagt: Man müsste den Epidemiologen die Exponentialfunktion auf dem Rechner sperren (lacht). Weil die Zahlen da immer nur in eine Richtung gehen. Und wenn sie hochgehen, geht es immer weiter hoch. Aber dass exponentielles Wachstum auch irgendwann abbricht, man aber nicht genau wissen kann, wann es abbricht, das ist eben die Crux. Man hat vielleicht auch ein bisschen mit dem Faktor Angst gespielt. Ich war immer jemand, der versucht hat, realistisch die wissenschaftlichen Tatsachen zusammenzutragen. Und als Aerosolforscher war mir klar: Draußen finden eben so gut wie keine Ansteckungen statt. Wenn wir also nur eine Stunde am Tag länger rausgehen, dann reduziert sich das Infektionsgeschehen um fünf Prozent. Andere Aerosolforscher waren auch zuversichtlich, dass sich der saisonale Effekt bemerkbar macht.

Ist dennoch eine neue Welle im Sommer möglich?

Das ist schwer vorherzusagen. Es gibt auch immer wieder mal im Sommer ein Infektionsgeschehen. Es ist ja nicht nur das gute Wetter. Gerade in den USA hat man es gesehen, als es richtig warm wurde: Da gingen die Zahlen in den Südstaaten nach oben. Ich habe mal in den USA gelebt – da geht man im Sommer in Texas und Florida nicht vor die Tür. Dann ist es draußen 40 Grad heiß und in Florida kommt noch 100 Prozent Luftfeuchtigkeit dazu. Das ist natürlich gut für das Virus, das sich dann in den Innenräumen einnisten kann.

„Es liegt am Verhalten der Leute. Das ist oft viel entscheidender als alle Maßnahmen, die man einführt.“

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat eine andere Theorie für die sinkenden Zahlen. Er sagt, dass schon die Diskussion über strengere Maßnahmen für eine Verhaltensänderung in der Bevölkerung gesorgt habe. Stichwort Osterruhe. Was sagen Sie dazu?

Da bin ich ganz bei ihm. Man sieht, dass in den Landkreisen die Wellen ganz unterschiedlich ablaufen können. Das Infektionsgeschehen spielt sich lokal ab. Das zeigt: Es liegt am Verhalten der Leute. Das ist oft viel entscheidender als alle Maßnahmen, die man einführt. Und wann verhält sich jemand anders? Wenn er die Gefahr um sich herum spürt. Das sind die entscheidende Faktoren – und die kann man nicht berechnen. Es ist ein Geschehen mit 82 Millionen Unbekannten. Andere Länder sind weniger ängstlich als wir in Deutschland. Wir hatten soweit ich weiß nie eine Inzidenz über 250. Portugal hatte 1075, England 600, Irland 900, Frankreich 600, Schweiz 666. Wir kriegen bei 100 ja schon Angst und machen einen Lockdown. Andere Länder öffnen bei 300, die Schweiz öffnete bei einer Inzidenz von knapp 200. Diese Ängstlichkeit hilft uns natürlich auch, weil die Leute ihr Verhalten frühzeitig ändern und wir gar nicht auf solch hohe Zahlen kommen.

„Ausgangssperre? Wir Aerosolforscher wehren uns gegen diesen Begriff.“

Erklären Sie sich so auch die Entwicklung in Hamburg? Dort wurde recht früh eine Ausgangssperre beschlossen und die Zahlen gingen runter. Sie haben die Ausgangssperre immer wieder kritisiert.

Auch dort ist Angst geschürt worden: Ihr müsst jetzt mit Masken joggen und solche Sachen, die überhaupt keinen Einfluss auf das Infektionsgeschehen haben. Aber die Leute kriegen eben Angst, verhalten sich anders und dann gehen die Inzidenzen runter. Ich bin gar nicht gegen die Maßnahme an sich. Wir Aerosolforscher wehren uns aber gegen diesen Begriff. In unserem offenen Brief haben wir deutlich gemacht, dass das Wort Ausgangssperre den Leuten signalisiert: Draußen ist es gefährlich, bleibt im Haus. Aber es ist genau umgekehrt. Man hätte es einfach anders nennen müssen. Zum Beispiel: striktes Kontaktverbot nach 20 Uhr. Stattdessen hat das dazu geführt, dass Leute zu mir gesagt haben: „Herr Scheuch, ich habe ein ganz schlechtes Gewissen, ich war am Sonntag am Rhein spazieren.“ Das kann doch nicht wahr sein!

Haben Sie den Eindruck, dass die Leute draußen sogar vorsichtiger sind als drinnen? Man sieht ja immer wieder, dass zum Beispiel die Fenster nicht geöffnet werden.

Ja, das ist absurd. Die Leute laufen draußen mit Maske rum und setzen sie dann im Büro ab. Das Gegenteil wäre richtig.

„Man hat gerade dort, wo viele Menschen zusammenleben, nicht eingegriffen.“

War es aus aerosolwissenschaftlicher Sicht der größte Fehler in der Pandemie, dass man diesen Unterschied zwischen draußen und drinnen nicht deutlich gemacht hat?

Man kommt jetzt langsam drauf. Mittlerweile sagt sogar Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, dass es draußen zehn Mal ungefährlicher ist als drinnen. Stimmt zwar nicht, draußen ist es hundert Mal, wahrscheinlich sogar tausend Mal ungefährlicher, aber die Richtung stimmt immerhin schon mal. Ein noch größerer Fehler war: Man hat gerade dort, wo viele Menschen zusammenleben, nicht eingegriffen. Wir haben seit letztem Sommer gepredigt: Bitte stellt in Altenheimen und in Pflegeheimen mobile Raumluftfilter auf. Die Leute lüften einfach nicht alle halbe Stunde. Das hätte Tausende Tote verhindern können. Aber daraus müssen wir für die Zukunft lernen.

Sie sind auf Twitter aktiv und versehen ihre Tweets mit dem Hashtag #openairstattausgangssperre. Welche Rückmeldungen bekommen Sie da?

Zu 95 Prozent positiv. Ich werde natürlich auch heftig beschimpft, aber das wird jeder, der sich in die Öffentlichkeit wagt. Man wird da in die Öffnungsecke gestellt oder sogar in die rechte Ecke. Ich bin aber in keiner Ecke, ich mache nur Wissenschaft. Deshalb lasse ich das an mir abprallen.

„Meiner Meinung nach verängstigt Karl Lauterbach die Leute.“

Sie haben auf Twitter auch die ein oder andere Spitze gegen Karl Lauterbach gesetzt. Warum?

Meiner Meinung nach verängstigt Karl Lauterbach die Leute. Und ich muss sagen: In letzter Zeit wirkt er auch ein bisschen trumpesk. Er stellt Dinge als Tatsachen dar, die einfach nicht stimmen. Ein Beispiel: In der Talkshow von Maybrit Illner wurde er gefragt, warum andere Länder schon öffnen, während wir noch im Lockdown sind. Dann hat er als Beispiele Irland, England, Portugal und die Schweiz genannt. Und angeblich hätten diese Länder schon viel früher knallharte Maßnahmen ergriffen. Das waren inklusive der Schweiz aber Länder, die hatten viel, viel höhere Inzidenzen als wir. Die haben eben nicht rechtzeitig Maßnahmen eingeführt, die hatten Sieben-Tage-Inzidenzen von 600 bis 1000. Wenn ein Land aber schon so eine hohe Inzidenz hat, dann können sie beschließen, was sie wollen, dann geht es steil nach unten. Und die Schweiz hat etwa bei einer Inzidenz von 200 gelockert. Es stimmt einfach nicht, was Karl Lauterbach da gesagt hat. Genauso war es, als er den Mallorquinern vorgeworfen hat, sie würden bei ihren Zahlen schummeln. Da verlässt er manchmal den wissenschaftlichen Pfad. Und das, obwohl er eigentlich sehr belesen und sehr intelligent ist. Ich diskutiere auch gerne mit ihm.

Sind andere Politiker schon auf Sie zugekommen?

Ja, wir waren beim Bundesgesundheitsministerium eingeladen, beim Bundesverfassungsgericht, ich darf im nordrhein-westfälischen Landtag sprechen. Der offene Brief hat etwas bewirkt. Wir hatten im letzten Jahr schon ein Positionspapier veröffentlicht, ein sehr aufwändiges Pamphlet, das hat niemanden interessiert. War vielleicht der falsche Zeitpunkt.

„Man muss auch im Winter alles tun, um die Leute rauszukriegen.“

Können Sie skizzieren, wie eine sinnvolle Pandemiebekämpfung im Winter aussehen könnte?

Man muss auch im Winter alles tun, um die Leute rauszukriegen. Es war zum Beispiel kontraproduktiv, die Skilifte oder andere Freizeitanlagen zu schließen. Ich würde auch den Weihnachtsmarkt aufmachen. Eben alles, was die Leute an die frische Luft bringt. In Innenräumen gilt folgendes: mit möglichst wenigen Leuten treffen, kurz treffen, im größtmöglichen Raum treffen, lüften, lüften, lüften, Raumluftfilter installieren und Masken tragen. Man muss nicht alles davon machen, aber eben möglichst viele dieser Maßnahmen kombinieren.

Sie haben eben den Weihnachtsmarkt erwähnt. Aber jede Öffnung erhöht doch die Mobilität, zum Beispiel werden die Busse voller.

Das ist natürlich ein Punkt. Wir wissen, dass in Verkehrsmitteln, auch im Auto, eine Ansteckungsgefahr besteht. Das sind Innenräume. Da muss man die Fenster aufmachen und Maske tragen. Trotzdem sage ich: Wenn ich dafür eine längere Zeit im Freien verbringe, kann ich auch die verhältnismäßig kurze Anreisezeit mit Schutzmaßnahmen in Kauf nehmen. Denn die Versammlungen im Freien spielen für das Infektionsgeschehen praktisch keine Rolle, egal, ob man mit vielen oder wenigen Leuten zusammen ist. Es bildet sich keine stehende Aerosolwolke aus. Im geschlossen Raum kann dagegen ein Infizierter 50 oder 100 Leute auf einmal anstecken – etwa bei einer Fastnachtssitzung.

Rechnen Sie denn damit, dass im kommenden Herbst die nächste Welle kommt und wir dann vor denselben Problemen stehen könnten?

Das ist schwer zu sagen, ich bin Aerosolforscher und kein Zukunftsforscher. Wir sollten uns aber auf jeden Fall vorbereiten und einen Plan B in die Schublade legen. Ich wünsche uns allen, dass das Impfen reicht, aber ich würde mich nicht darauf verlassen. Wenn es eine Mutante gibt, bei der die Impfstoffe nicht wirken, sähen wir im Herbst blöd aus, wenn wir uns nur auf das Impfen verlassen hätten. Plan B kann aber nicht wieder der halbjährige Lockdown sein. Wir brauchen gezielte Maßnahmen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führten Michelle Sensel und Ralf Keinath.

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