Mainzer Muslim: So läuft der Ramadan in Corona-Krise ab

Nicht nur auf die christlichen Gottesdienste hat die Corona-Krise Auswirkungen: Auch für Muslime ändert sich im Fastenmonat Ramadan einiges. Wir haben mit einem Muslim aus Mainz-Kostheim gesprochen – so erlebt er den Ramadan in der Corona-Krise.

Mainzer Muslim: So läuft der Ramadan in Corona-Krise ab

Ramadan in Zeiten von Corona: Weil seit Mitte März Kontaktbeschränkungen gelten, können Muslime das Fastenbrechen nicht wie sonst zelebrieren (wir berichteten). Doch wie läuft das genau ab? Wir haben mit Muzafar Mehmood gesprochen. Er kommt aus Mainz-Kostheim, ist in der Wiesbadener Ahmadiyya-Gemeinde aktiv und arbeitet als Videoredakteur bei einem muslimischen TV-Format (wir berichteten). Im Interview spricht er über den Sinn des Fastens und die Auswirkungen der Corona-Krise.

Muzafar, warum fastet man im Ramadan eigentlich?

Beim Fasten geht es hauptsächlich um die spirituelle Weiterentwicklung als Mensch. Quasi eine Art Sinnes- und Bewusstseinserweiterung. Man versucht, alle körperlichen Bedürfnisse einzuschränken, (wie Essen, Trinken, Schlafen), um sich stärker auf das Geistliche zu konzentrieren. Ein Mittel dazu ist das Meditieren.

Und wie sieht so ein Fastentag dann konkret bei dir aus?

Der Tag beginnt eigentlich sehr früh mit einem Gebet um etwa 4 Uhr. So früh kann ich ganz in Ruhe meditieren und werde nicht gestört. Danach hat man bis kurz vor 5 Uhr Zeit zu essen und zu trinken. Dann lege ich mich nochmals kurz hin, bis ich mit der Arbeit beginne. Wir Muslime beten ja mehrmals am Tag – mittags, nachmittags, abends. Zu diesen Zeiten ziehe ich mich kurz zurück, um zu beten. Gefastet wird fast 16 Stunden, also bis zum Sonnenuntergang. In dieser Zeit esse und trinke ich nichts. Mir persönlich fällt das nicht so schwer, mein Körper hat sich schnell daran gewöhnt. Ich kenne aber Freunde, die besonders am Anfang etwas länger brauchen, bis sie sich auf den Ramadan eingestellt haben. Nach dem Sonnenuntergang breche ich mit meiner Familie gemeinsam das Fasten. Wir beten danach noch und so neigt sich ein Tag dem Ende zu.

Wie sieht es mit Sport aus?

Ich mache gerne Sport und auch im Ramadan verzichte ich nicht darauf. Vorgestern war ich 90 Minuten mit dem Fahrrad unterwegs. Und morgen werde ich laufen gehen. Aber anstatt eine Stunde wie gewohnt, werde ich versuchen 30 Minuten zu laufen. Man schaltet quasi einen Gang runter. Und am Besten geht das kurz vor dem Fastenbrechen. Denn so kann man direkt nach dem Sport auch wieder viel trinken. Übrigens: Alle Menschen, die krank oder alt sind, müssen sowieso nicht fasten. Fasten sollen nur erwachsene Menschen, die komplett gesund sind.

Wie genau läuft das Fastenbrechen ab?

In den letzten Jahren war es meistens so, dass wir gemeinsam in der Moschee oder im großen Familienkreis das Fasten gebrochen haben. Wir haben auch oft Freunde und BürgerInnen in die Moschee eingeladen, um gemeinsam das Fastenbrechen zu feiern. Das geht natürlich dieses Jahr nicht. Daher breche ich das Fasten mit meiner Frau und unserem einjährigen Sohn, der natürlich nicht fastet. Das ist auch sehr schön, vor allem wenn man mit seinem Partner eine gemeinsame Herausforderung über den Tag bewältigt und dann am Abend gemeinsam das Fasten bricht. Man muss aber auch sagen: Das Fastenbrechen ist ja nur ein kleiner Teil des Ramadans.

„Alles was in der Gemeinschaft getan wird, wird natürlich schon beeinträchtigt“

Was ändert sich noch durch Corona?

Das Fasten an sich wird durch Corona ja nicht beeinträchtigt, der Verzicht auf Nahrung ist ja nur ein kleiner Teil. Es geht im Ramadan um eine spirituelle Weiterentwicklung. Man übt sich im sogenannten Dschihad. Denn Dschihad bedeutet eigentlich: Der Kampf gegen ein falsches Ego, gegen niedrige Begierden, gegen das Lügen und die Ungeduld und so weiter. Also quasi alles, was unmoralisch ist. Dinge, die man als Laster vielleicht mit sich trägt und die einem im Weg stehen, um sich spirituell weiterzuentwickeln.

Klar, im Ramadan kommt man häufiger zusammen. Zum Gebet in der Moschee, zum Freitagsgebet oder zum gemeinsamen Fastenbrechen. Alles was in der Gemeinschaft getan wird, wird natürlich schon beeinträchtigt. Im Ramadan sind die Moscheen immer besonders voll. Das vermisst man natürlich gerade schon ein wenig. Das ist für uns alle eine neue Situation, die wir vorher so nicht kannten.

Wie hoch ist die Akzeptanz bei dir und den anderen Muslimen aus deiner Bekanntschaft für die Corona-Maßnahmen?

Ganz ehrlich? Sehr, sehr hoch. Und alle Muslime, die ich persönlich kenne, sehen das genauso. Das liegt an einem Gebot im Islam. Für uns Muslime ist es Pflicht, sich an die Gesetze des Landes zu halten, in dem man lebt. Punkt. Was würde einem auch das Fasten bringen, wenn ich gegen dieses Gebot Gottes verstoßen würde? Denn letztlich fastet man ja für Gott.

Natürlich wünscht man sich und betet auch dafür, dass es uns allen bald wieder besser geht und wir zur Normalität zurückkehren können. Aber bis dahin, üben wir uns in Geduld. Und in Geduld üben, passt ja auch irgendwie zum Ramadan.

Siehst du an der Corona-Krise auch etwas Positives?

Ja, Corona hat uns auch viele schöne Seiten der Gesellschaft gezeigt: Unser Mitgefühl füreinander, die Solidarität untereinander, all das macht mich sehr froh. Auch unsere muslimische Gemeinde hat sich sofort daran beteiligt. Wir waren einer der Ersten, die eine Nachbarschaftshilfe initiiert haben, sind gemeinsam in Gruppen (damals gab es die Beschränkung noch nicht) Blut spenden gewesen und unsere Frauen in der Gemeinde haben hunderte von selbstgenähten Masken der Diakonie in Wiesbaden übergeben. Es ist einfach schön zu sehen, wie so viele Menschen sich engagieren.

Du kommst aus Mainz-Kostheim und bist in einer Wiesbadener Gemeinde. Siehst du dich eher als Mainzer oder Wiesbadener?

Die Frage ist schon fast unverschämt (lacht). Wir in Kostheim sehen uns natürlich als Mainzer. Ich bin in Mainz geboren, habe dort mein Abi gemacht und von hier aus sieht man ja Mainz auch am besten. Bis vor einigen Jahren war unsere „Ahmadiyya Muslim Gemeinde KdöR“ für Mainz und Wiesbaden zuständig. Mittlerweile gehört AKK (Amöneburg, Kostheim, Kastel) formell zur Wiesbadener Gemeinde, man hat aber trotzdem einen engen Kontakt nach Mainz. Und übrigens ist es doch schön, wenn die Wiesbadener so auch etwas von uns Mainzern profitieren. Wie sagt man so schön: Sharing is caring. (ms)

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