Mainzer Gastronom: „Manchmal ist es ein bisschen wie im Kindergarten“

Für Gastronomen waren die vergangenen Monate eine Berg- und Talfahrt - von der Schließung zu Lockerungen und Wiedereröffnung. Wie es den Betrieben damit geht, hat uns ein Mainzer Gastronom im Interview erzählt.

Mainzer Gastronom: „Manchmal ist es ein bisschen wie im Kindergarten“

Seit dem Beginn der Corona-Krise ist in den Alltag vieler in den vergangenen Wochen eine gewisse Normalität zurückgekehrt - auch in die Gastronomie. Dass das nicht nur Vorteile hat, erzählt ein Mainzer Gastronom gegenüber Merkurist. Dabei möchte er anonym bleiben. Sein Hauptthema: das Verhalten der Gäste.

Merkurist: Was beschäftigt Sie gerade besonders?

Mainzer Gastronom: Ich will mich auf gar keinen Fall darüber beschweren, dass so viel los ist. Es ist alles Geld, was wir auch brauchen, wir hatten ja auch mehrere Monate geschlossen. Aber wir sind in so kurzer Zeit auf einem Niveau angekommen, das man fast nicht mehr stemmen kann. Die Gastronomie und viele Arbeitsplätze haben in den vergangenen Monaten darunter gelitten. Diese Arbeitskräfte fehlen jetzt. Mit so einem Sommer hat fast niemand gerechnet. Es ist fast mehr als im letzten Jahr. Man darf überall den Außenbereich vergrößern und das ist für viele auch die Rettung gewesen. Allerdings hätte fast niemand gedacht, dass es so durch die Decke geht.

Was war für Sie der Punkt, öffentlich darüber zu sprechen?

Ich bin schon lange in der Gastronomie, aber sowas wie am letzten Samstag habe ich noch nicht erlebt. Alle Tische waren voll, den hintersten Gast sah man fast gar nicht mehr und meine Kollegen waren nur am Rennen. Das war der Abend, nach dem wir gesagt haben, es wäre cool, wenn wir den Gästen erklären können, was gerade abgeht.

„Ich betone auch immer wieder, es ist echt Jammern auf hohem Niveau, aber trotzdem fehlt mir das Verständnis.“ - Mainzer Gastronom

Die Leute wollten immer wieder eine „letzte Runde“ und natürlich sind wir Gastgeber und das auch gerne, aber irgendwann müssen wir auch zu machen. Und damit stößt man oft auf Unverständnis. Es ist schwer, diese letzte Runde durchzubringen. Und die dauert schon mal eine gute Stunde.

Ich betone auch immer wieder, dass es echt Jammern auf hohem Niveau ist, aber trotzdem fehlt mir bei vielen Gästen das Verständnis. Und klar gibt es bei uns als Gastgeber eine schwimmende Grenze. Aber gerade jetzt muss man nicht über alles diskutieren.

Was ist Ihnen am Verhalten der Gäste während der Corona-Krise am meisten aufgefallen?

Es ist manchmal ein bisschen wie im Kindergarten. Die Regeln gehen den Menschen immer mehr auf die Nerven, das merkt man schon. Aber die Regeln sind da, und es sind nicht mehr viele. Und wenn die Gäste sich daran halten, ist das auf jeden Fall eine große Unterstützung und eine Art Wertschätzung uns gegenüber. Wir dürfen mit den Daten sowieso nichts tun. Die Zettel werden abgeheftet und dann nach einer bestimmten Zeit geschreddert. Das ist auch für uns lästig, aber gerade einfach notwendig.

Man hat das Gefühl, dass Corona bei vielen auch schon außen vor ist. Das merkt man schon, das Bewusstsein dafür sinkt immer mehr. Klar nervt es, immer wieder seine Adresse aufzuschreiben. Aber da kann gerade keiner was dran ändern und da hilft es auch nicht, darüber zu diskutieren oder schlechte Bewertungen zu verteilen. Es ist einfach gerade Pflicht.

An welchem Punkt haben Sie angefangen, sich über die aktuelle Situation Gedanken zu machen und mit Ihren Kollegen darüber zu sprechen?

Man ist fast nur mit anderen Gastronomen befreundet und verbringt Zeit mit ihnen. Und nach Feierabend tauscht man sich dann aus und sagt: „Boar, so wie heute war es noch nie“. Und das ist dann am nächsten Tag wieder so und am Tag darauf auch. Dann haben wir uns zusammengesetzt und überlegt, woran es liegt.

Eigentlich ist man als Gastronom nicht in einer Position, einen Appell auszusprechen, aber ich denke, gerade jetzt kann man schon auch mal so frei sein und sagen: „So sehen wir das Ganze“. Man muss sich immer noch vor Augen halten, dass gerade noch eine weltweite Pandemie herrscht.

Was möchten Sie den Gästen gerne sagen?

Wir haben einen Plan. Wir wissen, was wir tun, und wir machen das auch nicht erst seit gestern. Die Gäste müssen uns da auch ein Stück weit vertrauen. Wir versuchen ihnen zu sagen: „Wir wissen, dass Du da hinten winkst, wir wissen auch, dass wir noch ganz viele Sachen im Kopf haben und auch wenn Du direkt in die Bar kommst und dort bestellst, geht es nicht schneller.“ Auch wenn es voll ist, wir haben das im Griff und jeder bekommt seine Bestellung. Auch wenn das dann vielleicht mal ein paar Minuten dauert.

Zudem möchte ich den Gästen sagen: Wenn es Regeln gibt, dann haltet euch bitte auch an die Regeln. Richtig viele Leute haben ihre Maske dabei, ziehen sie dann aber nicht auf oder ziehen sie zum Scherz auf die Augen. Das ist für uns aber nicht lustig, denn es sind Regeln und wir kriegen Ärger, wenn die nicht eingehalten werden.

Was nehmen Sie aus den letzten Monaten mit?

Es waren zwei krasse Extreme. Erst war alles zu, keiner wusste, ob er wirtschaftlich überlebt und dann wird einem drei Monate später der Laden komplett eingerannt. Das ist dann auch komisch. Es sind Extreme, die innerhalb von kurzer Zeit passieren. Es ist auch als Gastronom schwierig, darauf zu reagieren: Am Anfang musste man Mitarbeiter entlassen und zwei Monate später hat man so viele Gäste, dass man schauen muss, dass man dafür wieder genug Personal hat.

Ich hoffe, dass das Bewusstsein der Gäste für die Zeit, in der wir uns gerade befinden, in den nächsten Monaten wieder wächst. Am Anfang war die Dankbarkeit der Gäste nämlich da und sie haben gesagt: „Super, dass ihr wieder geöffnet habt“. Das hat sich aber auch schnell wieder geändert. Ich fände es super, wenn die Arbeit in der Gastronomie wieder mehr Ansehen bekommen würde.

Das Interview führte Michelle Oesterheld. (df)

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