Kabarettist Frank-Markus Barwasser: „Mainz hat viel Charme“

Die Kunstfigur „Erwin Pelzig“ kennen viele. Dahinter steht Frank-Markus Barwasser. Der Journalist und Kabarettist lebt seit fast drei Jahren in Mainz. Wir haben ihn zum Interview getroffen.

Kabarettist Frank-Markus Barwasser: „Mainz hat viel Charme“

Als Kunstfigur „Erwin Pelzig“ tourt der Kabarettist Frank-Markus Barwasser aktuell durch Deutschland. Seine Heimat hat der gebürtige Franke seit fast drei Jahren allerdings in Mainz. Wir haben mit ihm über die Mainzer Fastnacht, „Erwin Pelzig“ und die Frage gesprochen, welcher Wein besser ist: der rheinhessische oder der fränkische.

Herr Barwasser, Sie wohnen ja schon einige Zeit in Mainz. Wie gefällt es Ihnen hier und konnten Sie sich schon ein wenig einleben?

Frank-Markus Barwasser: Wenn man aus einer Großstadt wie München hierher zieht, dann ist das natürlich eine gewisse Umstellung. Aber Mainz hat auch als kleine Großstadt viel Charme. Und von Anfang an fiel mir auf, wie sehr die Mainzer ihre Stadt lieben. Das hat etwas Mitreißendes und das habe ich nur in wenigen anderen Städten so wahrgenommen. Außerdem lebt man hier ja in einem Ballungsraum von fünf Millionen Menschen, in dem sich immer etwas bewegt. Das verhindert Provinzialität.

Zwei Punkte möchte ich in Mainz allerdings besonders hervorheben, die mich als Zugereistem stark beeindrucken: Erstens die anziehende Erhabenheit des Rheins und zweitens die schlechten Radwege in der Innenstadt. Was den zweiten Punkte angeht, kenne ich das Prinzip allerdings auch aus anderen Orten: Wozu brauchen wir Radwege, wir haben doch eine sehr gute Uniklinik. Was ich hier aber tatsächlich am meisten vermisse, das sind die Biergärten. Gut, der Biergarten an sich ist eine bayerische Institution. Aber wie kann es sein, dass es in einer Stadt mit so viel jungen und feierfreudige Menschen viel zu wenig Freischankflächen gibt?

Sie kommen ja aus Unterfranken. Ist deren Mentalität im Vergleich zu den Mainzern sehr unterschiedlich?

Gar nicht so sehr. Sowohl Würzburg, die Stadt in der ich geboren und aufgewachsen bin, als auch Mainz, sind Wein-Städte. Das prägt die Menschen anders als in Bier-Städten. Die Leute sind hier grundsätzlich sehr freundlich und entspannt. Ich habe mit dem Auto mal ein ziemlich dämliches und nicht ganz legales Wendemanöver auf einer mehrspurigen Straße hingelegt und kurzzeitig den Verkehr blockiert. In München wäre ich dafür gesteinigt worden. Hier haben alle gewartet. Das konnte ich kaum glauben.

Was sagen Sie als Kabarettist zu den Büttenrednern in der Mainzer Fastnacht? Wäre es auch für Sie eine Option, einmal eine Büttenrede zu halten?

Nein, bestimmt nicht. Wie gesagt, ich bin ja in Würzburg aufgewachsen und der Fasching dort war nun wirklich nicht so prägend wie es die Fastnacht in Mainz ist. Da fehlt mir wohl die Sozialisation. Außerdem ist es ja das Prinzip der Fastnacht, dass dort normalerweise eben keine Profis am Werk sind. Verstörend finde ich allerdings, wenn ich in Beiträgen bei „Mainz bleibt Mainz“ plötzlich Texte oder Pointen von mir wiederfinde, die schamlos geklaut worden sind. Zweimal war das schon der Fall. Das geht natürlich nicht, aber was soll ich machen? Dann nehme ich es eben zähneknirschend als Kompliment.

Ansonsten habe ich ja kein Problem mit der Fastnacht. Die Leute hier sind mit so einer Liebe dabei und ich finde, wenn man hier lebt und das überhaupt nicht mag, dann soll man entweder verreisen oder richtig mitfeiern. Familienbedingt stehe ich beim Jugendmaskenzug jetzt auch immer mit an der Straße und auch beim großen Umzug bin ich mit unserem Sohn vor Ort.

Wie ist es mit den Persönlichkeiten, die Sie in ihren Sendungen „Neues aus der Anstalt“ und „Pelzig unterhält sich“ durch den „Kakao“ gezogen haben? Sind diese Leute in den letzten Jahren dünnhäutiger geworden?

Naja, jemanden einfach nur durch den Kakao zu ziehen, war ja in meiner Talksendung nie das Ziel, denn ich wollte ja etwas erfahren von den Gästen. Nun wird der Ton im Land ja insgesamt rauer und die Hemmschwellen liegen niedriger, nicht nur in den sozialen Netzwerken. Kann schon sein, dass da mancher dünnhäutiger wird, aber das ist ja auch nachvollziehbar.

Deshalb sollte man als Wortkünstler erkennbar machen, dass hinter jeder Kritik, auch hinter jeder Zuspitzung und Schmähung, eine kreative Leistung, ja eine gewisse Ernsthaftigkeit steckt. Unter dem Deckmantel der satirischen oder künstlerischen Freiheit plump draufzuschlagen, ist unintelligent und billig.

Ist Ihrer Meinung nach Satire dafür geeignet, jungen Menschen Politik näher zu bringen und zu zeigen, was in unserem Land falsch läuft?

Ja, in der Tat. „Die Anstalt“ und auch die „Heute-Show“ führen ja häufig zum Erstkontakt zwischen Zuschauern und bestimmten politischen Themen. Das Genre sollte ja schon immer nicht nur unterhalten, sondern auch aufklären und informieren. Der letzte Punkt scheint immer wichtiger zu werden und oft fragt sich das Publikum, warum es scheinbar bestimmte Informationen erst durch Kabarettsendungen wie die „Anstalt“ erhält und nicht durch die klassischen Nachrichtenjournale.

Aber das stimmt so ja nicht ganz, denn die Anstalt & Co beziehen ihre Informationen ja überwiegend aus den klassischen Print- und Onlinemedien und dem Fernsehen. Für den normalen Konsumenten ist es halt sehr aufwändig, einen Überblick zu bekommen. Deshalb steckt hinter diesen Shows wahnsinnig viel Arbeit und zeitintensive Recherche. Die Faktenbasis, auf der eine Kritik aufgebaut ist, sollte immer stimmen. Deshalb wird vor solchen Sendungen jedes Faktum, jede Zahl genau überprüft. Unsereiner kann und soll sich ruhig angreifbar machen durch seine satirischen beziehungsweise kabarettistischen Rückschlüsse, die er aus den Fakten zieht. Er sollte sich aber niemals angreifbar machen wegen schlampiger Recherchen.

Sie haben ja lange als Journalist gearbeitet. Hat es Ihnen dabei geholfen, aus Ihren Talkshow- Gästen Informationen herauszukitzeln?

Klar, das war sogar sehr hilfreich, denn der Antrieb eines jeden Journalisten sollte ja auch immer eine große unvoreingenommende Neugierde sein. Wenn sich Kabarett und Journalismus dann kreuzen, so wie das in meiner Sendung der Fall gewesen ist, musste auch noch der Anspruch eingelöst werden, bestimmte Fakten oder gar die Wahrheit, was immer das auch sein mag, niemals einer Pointe zu opfern.

Wie viel Frank-Markus Barwasser steckt in der Kunstfigur Erwin Pelzig?

Heute steckt in Pelzig sehr viel mehr von mir als das früher der Fall war. Ich bin froh, dass es nicht umgekehrt ist. Die Komik der Figur ergibt sich heute auch nicht mehr so sehr aus dem Dialekt. Bei „Pelzig hält sich“ war er manchmal kaum noch auszumachen, das war dann schon fast ich, der da saß. Geblieben ist das Kostüm und das passt ja oft gar nicht mehr zu den Inhalten der Figur, gerade in meinem aktuellen Bühnenprogramm. Aber die konsequente Brechung des Klischees von Pelzigs äußerer Erscheinung durch die Gedanken, die ihn antreiben, sind ja auch ein Reiz. Denn eine Figur wie Pelzig zwingt mich dazu, komplizierte Dinge immer wieder so auf den Punkt zu bringen, dass sie verständlich werden. Pelzig ist ein Übersetzer. Er erklärt viele Dinge ganz anders, als ich das tun würde.

Hand aufs Herz: Trinken Sie lieber Wein aus Franken oder Rheinhessen?

Ich bin inzwischen ein echter Liebhaber der rheinhessischen Weine. Da gibt es großartige Gewächse. Neulich war ich mal wieder in München in einem Weinlokal. Die hatten keine schlechte Weinkarte, aber kaum etwas aus der hiesigen Region. Der Wirt und ich sind dann ins Gespräch gekommen und ich habe ihm einiges empfohlen. Wenn er Wort gehalten hat, müsste er jetzt mindestens drei Rheinhessen auf der Karte haben. Also Sie sehen: Ich integriere mich vorbildlich!

Vielen Dank für das Gespräch, Frank-Markus Barwasser!

Das Interview führten Michelle Oesterheld und Michael Meister.

(ps)

Logo