„Impfpflicht durch die Hintertür wird kommen“

Als Vorsitzender des „Ethikbeirats Coronaschutzimpfungen“ berät Professor Dr. Norbert Paul die Landesregierung bei ihrer Impfstrategie. Im Interview erzählt er, womit er noch nicht zufrieden ist und welche Punkte ihm sogar Sorgen bereiten.

„Impfpflicht durch die Hintertür wird kommen“

Professor Dr. Norbert W. Paul ist Mediziner, Direktor des „Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin“ an der Universitätsmedizin Mainz und gleichzeitig Vorsitzender des Klinischen Ethikkomitees. In dieser Funktion berät er auch die rheinland-pfälzische Landesregierung. Im Merkurist-Interview erzählt er, was sich an der Impf-Strategie ändern muss, warum eine „Impfpflicht durch die Hintertür“ kommen wird und wie uns die Pandemie als Gesellschaft verändert.

Merkurist: Herr Professor Dr. Paul, in Ihrer Funktion als Vorsitzender des „Ethikbeirats Coronaschutzimpfungen“ in Rheinland-Pfalz haben Sie Empfehlungen zur Impf-Priorisierung an die Landesregierung abgegeben. Jetzt sind die Impfungen in vollem Gange. Wie zufrieden sind Sie bisher mit dem Verlauf?

Prof. Dr. Paul: Insgesamt läuft es in Rheinland-Pfalz relativ gut. Mich bedrücken aber zwei Sachen. Zum einen ist das die wirklich spürbare Impfstoffknappheit. Zum anderen müssen wir noch mehr darauf achten, dass es in unserer höchsten Prioritätsgruppe noch einmal besonders vulnerable oder systemrelevante Gruppen gibt. Während auf der einen Seite beispielsweise schon sehr mobile 80-Jährige geimpft werden können, ist aktuell deutlich weniger als die Hälfte unserer Mitarbeiter in der Uniklinik in Priorität 1 durchgeimpft.

Was muss sich also ändern?

Wir müssen innerhalb der höchsten Priorität noch einmal priorisieren. Außerdem befinden wir uns gerade im Austausch mit dem Ministerium, um über eine Einzelfallbetrachtung zu sprechen. Es gibt tatsächlich viele Fälle, die man zunächst gar nicht im Blick hat, die aber früher geimpft werden müssten. Dafür etablieren wir jetzt ein rechtssicheres Verfahren. Außerdem werden wir über eine ‚Community Immunity‘ sprechen: In den nächsten zwei bis drei Wochen wollen wir verstärkt dort impfen, wo die Impfbereitschaft besonders hoch ist. Und langsam kommen auch insgesamt die Themen Impfbereitschaft und Impfpflicht auf.

Darüber wird auch in Politik und Gesellschaft viel diskutiert. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn betont eigentlich immer wieder: Es kommt keine Impfpflicht. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat allerdings kürzlich eine Pflicht für Pflegekräfte vorgeschlagen. Was halten Sie von der Debatte?

Ich denke, eine generelle Impfpflicht wird weder durchsetzbar noch sinnvoll sein. Ich selbst bin auch kein Freund der Impfpflicht, weil sie ein Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht ist. Auch den Vorschlag von Herrn Söder finde ich schwierig, weil das ein Blaming gegenüber den Pflegekräften wäre. Wir merken aber auf der anderen Seite, dass die Impfbereitschaft nicht so hoch ist, wie sie notwendig wäre, um die Pandemie zu beherrschen. In einigen Altenpflegeheimen liegt die Bereitschaft des Pflegepersonals beispielsweise nur bei um die 30 Prozent. Das heißt, eine Impfpflicht wird wahrscheinlich dann in den Blick geraten, wenn die Impfbereitschaft zu gering bleibt, auch wenn wir das eigentlich nicht wollen.

„Das medizinische System ist am Rande der Erschöpfung.“

Was würde passieren, wenn sich tatsächlich zu wenige Menschen impfen lassen würden?

Wir werden immer wieder in kleinere, vielleicht auf Städte oder betroffene Einrichtungen begrenzte Lockdowns kommen. Größere Veranstaltungen wie Stadionbesuche und Konzerte sehe ich dann auch nicht auf uns zukommen. Und das wird richtig bitter. Das wird uns geistig, kulturell, sozial und wirtschaftlich verarmen. Außerdem ist das medizinische System am Rande der Erschöpfung. Das gilt besonders für ärztliche KollegInnen und die Pflege. Aber seit Mitte März ist auch mein Arbeitstag mindestens zwölf Stunden lang. Wir alle arbeiten durch. Das ist schwer noch sehr lange durchzuhalten.

Was muss sich ändern, damit die Impfbereitschaft steigt?

Wir müssen Aufklärungsarbeit leisten und Mythen aufdecken, wie dass der Impfstoff unfruchtbar mache, er nicht lange genug entwickelt worden sei oder nur Alte und Vorerkrankte von ernsthaften Verläufen betroffen seien. Was aber am meisten und ganz von allein die Impfbereitschaft fördert, ist: Immer mehr Menschen kennen jemanden, der Corona hatte. Ich kenne allein sieben Ärztinnen und Ärzte, die positiv waren, davon zwei mit schlimmen Verläufen mit Intensivstation und Beatmung. Einer davon ist erst Mitte 30 und wusste sich als Mediziner zu schützen. Wenn man das sieht, wird man plötzlich sehr impfbereit.

Ähnlich emotional wie die generelle Impfpflicht wird auch eine Impfpflicht durch die Hintertür diskutiert. Private Unternehmer wie Gastronomen, Clubbetreiber und Veranstalter könnten beispielsweise entscheiden, Ungeimpfte nicht in ihr Lokal hineinzulassen. Wird das so kommen?

Ich bin davon überzeugt, dass die Impfpflicht durch die Hintertür kommt, weil das im Privaten tatsächlich jeder selbst entscheiden darf. Wenn beispielsweise das „Red Cat“ oder ein anderer Club wieder aufmacht, darf es sagen: „Heute Nacht nur für Geimpfte.“ Der Staat wird dagegen relativ wenig tun können.

„Die Impfung ist keine kugelsichere Weste gegen das Coronavirus.“

Finden Sie das richtig?

Ich finde das schwierig, weil es ein merkwürdiges Spiel mit Diskriminierung und Privilegien wäre. Außerdem darf man zwei Dinge nicht vergessen. Zum einen wird es Menschen geben, die sich nicht impfen lassen können. Beispielsweise wegen einer Schwangerschaft oder weil sie eine Vorerkrankung haben. Zum anderen ist der Gedanke „Ich bin geimpft, also bin ich safe“ eine Fehleinschätzung. Die Impfung ist keine kugelsichere Weste gegen das Coronavirus. Man kann möglicherweise immer noch Überträger sein und weiß nicht, wie lange der Impfstatus anhält. Auch geimpft werden wir erst einmal in einer neuen Normalität leben.

Wie sieht diese neue Normalität aus und wann wird sie kommen?

Ich hoffe, dass wir mit Corona irgendwann so leben können, wie wir es jetzt mit Influenza tun. Ich glaube, die Masken werden bis auf weiteres bleiben. Nicht überall, nicht konsequent, aber im Nahverkehr oder im Flieger werden sich viele Menschen ohne Maske wahrscheinlich fühlen wie im Auto ohne Sicherheitsgurt. Ähnlich wie es in asiatischen Ländern normal ist. Optimistisch würde ich sagen, wir kommen Ende dieses Jahres in diese neue Normalität, pessimistisch wäre es im Herbst nächsten Jahres. Dazwischen wird es aber sicherlich graduell Erleichterung geben.

Wie wird die Maske als Dauerthema unsere Gesellschaft verändern?

Was sich auf jeden Fall jetzt schon geändert hat: Wo uns früher vielleicht komische Gestalten in dunklen Ecken Angst gemacht haben, sehen wir jetzt jeden, der uns mit schiefsitzender Maske entgegenkommt, als Gefahr an.

Ist das nicht schrecklich?

Natürlich, ich bin auch kein Freund davon. Aber momentan ist die Situation so.

Auch sonst stellt uns die Pandemie gesellschaftlich vor große Herausforderungen. Gesundheitsminister Jens Spahn sagte zu Beginn der Pandemie „Wir werden einander viel verzeihen müssen“. Ist das so?

Da ist was dran, weil wir alle unter Unsicherheit entscheiden. Politiker, aber auch wir in der Klinik entscheiden jeden Tag neue Dinge und versuchen, die bestmögliche Entscheidung zu treffen. Ich wäre beunruhigt, wenn es an solchen Entscheidungen keine Kritik gäbe, möchte aber Kritik deutlich von manipulativer Propaganda unterscheiden. Verschwörungstheorien und Pandemiefantasien, die von einer großen Coronalüge sprechen, sind eine Form der Ideologisierung, die am Ende des Tages Menschenleben kostet.

„Jeder von uns ist auf Vergebung angewiesen“

Ist das Verzeihen nach so heftigen Debatten überhaupt noch möglich?

Da bin ich hoffnungsloser Optimist. Jeder von uns tut, erlebt und entscheidet Dinge, die im Rückblick schlecht oder vielleicht sogar böse waren. Jeder von uns ist auf Vergebung angewiesen, deshalb glaube ich, dass es gelingen wird. Eine Voraussetzung macht das Verzeihen einfacher: Nämlich, dass am Ende alles gut geht. Wenn wir jetzt in eine Situation geraten, in der Existenzen die Luft ausgeht, noch höhere Sterberaten kommen und wir der Lage nicht mehr gewachsen sind, dann wird das Verzeihen sehr schwierig. Aber so weit sind wir noch nicht, so weit wird es, davon bin ich überzeugt, nicht kommen, wenn wir geduldig und solidarisch bleiben.

Das Interview führten Ralf Keinath und Michelle Sensel.

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