Gerhard Trabert: „Wir können nicht warten, sonst sind 50 Prozent meiner Patienten tot“

Der Mainzer Arzt Gerhard Trabert hat viel um die Ohren. Wie er die Arbeit mit den Wohnungslosen, seinen Job an der Hochschule und sein Privatleben unter einen Hut bekommt, darüber hat er mit uns gesprochen.

Gerhard Trabert: „Wir können nicht warten, sonst sind 50 Prozent meiner Patienten tot“

Seit mehr als 25 Jahren setzt sich Gerhard Trabert schon für Wohnungslose in Mainz ein - und ist dafür mittlerweile deutschlandweit bekannt. Wir haben mit dem Mainzer Arzt vom Verein „Armut und Gesundheit“ über seine Arbeit, die Probleme während der Corona-Krise und dem Balance-Akt zwischen der Arbeit und seinem Privatleben gesprochen.

Merkurist: Herr Trabert, können Sie erzählen, was der Sänger Phil Collins mit Ihrem Arztmobil zu tun hat?

Gerhard Trabert: Das ist eine kuriose und schöne Geschichte. Phil Collins stiftete dem deutschen Caritasverband 200.000 D-Mark zur Gesundheitsversorgung wohnungsloser Menschen in Deutschland aufgrund der Einnahmen durch seinen Song „Another Day in Paradise“. In diesem Lied geht es um eine wohnungslose Frau, der er immer auf dem Weg in sein Musikstudio am Straßenrand begegnete. Ich habe 20.000 D-Mark für die Anschaffung unseres ersten Arztmobils beantragt und das Geld glücklicherweise auch bekommen.

„Ich habe immer davon geträumt, dass Sir Phil Collins irgendwann nochmal nach Mainz kommt und er diesen Song auf Deutsch singt.“ - Gerhard Trabert

Mit der damals ebenfalls im Projekt mitarbeitenden Sozialarbeiterin Anita Zimmermann, die zugleich auch Sängerin ist, haben wir einen deutschen Text für diesen Song geschrieben. Auf unsere Bitte hin hat die Agentur von Phil Collins uns die Erlaubnis erteilt, dieses Lied auf Deutsch für Benefizzwecke zu veröffentlichen und live zu spielen. Zudem haben wir eine Benefiz-CD arrangiert, auf der auch dieses Lied zu hören ist. Ich habe immer davon geträumt, dass Sir Phil Collins irgendwann nochmal nach Mainz kommt und er diesen Song auf Deutsch singt.

Seit mehr als 25 Jahren setzen Sie sich schon für Wohnungslose in Mainz ein. Wie sind Sie eigentlich dazu gekommen?

In den 70er Jahren habe ich in Wiesbaden Soziale Arbeit studiert und danach unter anderem im Krankenhaussozialdienst der Uni-Klinik in Mainz gearbeitet. Da mich die Medizin schon immer interessierte, begann ich schließlich ein Medizinstudium in Mainz. Zu der damaligen Zeit war ich aktiver Leichtathlet im USC Mainz und bot in diesem Heim eine Sportgruppe für wohnungslose Menschen an. Während dieser Tätigkeit habe ich dann erfahren wie es den Menschen, die von Wohnungslosigkeit betroffen sind, ergeht - insbesondere auch hinsichtlich ihres gesundheitlichen Zustandes.

Was führt zu diesem schlechten Gesundheitszustand?

Es war auffallend, dass viele einen schlechten Gesundheitszustand hatten, teilweise auch unter Erkrankungen litten, aber in aller Regel nicht zum Arzt gegangen sind. Häufig wurden sie abgewiesen und respektlos behandelt, es gab zu komplizierte administrative Hürden die zu bewältigen waren, teilweise lag auch eine Fehleinschätzung bezüglich des eigenen schlechten Gesundheitszustandes vor.

Während eines Auslandsaufenthaltes in Indien, als ich als Arzt in einem Leprakrankenhaus arbeitete, lernte ich das aufsuchende Gesundheitsversorgungskonzept kennen. Man wartete nicht bis die Leprapatienten ins Krankenhaus kamen, sondern man ging beziehungsweise fuhr zu den Menschen, in den Stadtteil oder das Dorf, dort wo sie lebten, und bot die medizinische Hilfe vor Ort, im Lebensraum der Betroffenen, an. Dieses aufsuchende niedrigschwellige Versorgungskonzept habe ich dann übernommen und in Mainz, im Hinblick auf die Gesundheitsversorgung von wohnungslosen Menschen, realisiert. Ich war damals der erste Arzt in Deutschland, dem die Kassenärztliche Vereinigung Rheinhessen erlaubte, wohnungslose Menschen aufzusuchen und medizinisch zu versorgen.

Wie ist das für Sie, wenn jetzt andere Leute auf Sie zukommen, Ihre Arbeit ehren und etwas Ähnliches aufbauen wollen? Was gibt Ihnen das für ein Gefühl?

Es ist ein ambivalentes Gefühl. Auf der einen Seite ist es ein Skandal, dass es uns immer noch gibt. Ich habe nicht gedacht, dass ich die ärztliche Versorgungstätigkeit mehr als 25 Jahre lang machen würde. Dies deutet auf eine gravierende Schwachstelle in unserem Versorgungssystem hin, die dringend geschlossen werden muss. Leider wird unser soziales Gesundheitssystem immer grobmaschiger, sodass immer mehr Menschen durch dieses Netz fallen. Wobei der Bedarf immer größer wird.

Ich finde es natürlich sehr gut, wenn Menschen sich engagieren, wenn Ärztinnen und Ärzte, Krankenpfleger oder Sozialarbeiter, eine Gesundheitsversorgung für arme Menschen aufbauen wollen. Dies zeigt aber auch, dass etwas im System nicht stimmt. Hier werden Menschen ungerecht behandelt, hier können Menschen ihnen zustehende Rechte nicht wahrnehmen. Wir können allerdings nicht warten, bis die Politik diese Versorgungsstrukturen verändert hat, denn bis zu diesem Zeitpunkt, sind wahrscheinlich 50 Prozent meiner Patienten tot. Darum müssen wir weiterhin praktisch konkret für die Menschen da sein und zugleich politisch aktiv sein, um nachhaltig die Versorgung zu verbessern.

Gibt es ein Erlebnis, das Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist oder haben Sie etwas besonders Schlimmes erlebt?

Es gibt sehr viele Geschichten, zum Beispiel die Begegnung mit einem wohnungslosen Mann, der im Gonsenheimer Wald lebte. Wir wurden von Bürgern informiert, dass da jemand in einer Hütte leben würde. Als ich ihn besuchte, hat er kein einziges Wort mit mir gesprochen. Wir haben durch Mitarbeiter in anderen Sprachen, in Polnisch, Russisch, Französisch, Englisch versucht, verbalen Kontakt aufzunehmen. Ohne Erfolg!

Wir sind aber weiterhin regelmäßig zu ihm mit unserem Arztmobil in den Wald gefahren. Wir haben ihm Essen und Wasser gebracht und immer wieder gefragt, wie es ihm geht und einfach ein wenig erzählt, obwohl er nichts gesagt hat. Nach zwei Monaten habe ich ihm einen Schlafsack gebracht, da die Außentemperaturen immer kühler wurden. Da hat er, zu meiner Verblüffung, das erste Mal gesprochen. Er sagte: „Doktor, ich brauche keinen Schlafsack. Ich habe Stroh.“ Meine erstaunte Antwort: „Sie können ja reden.“ Darauf sagte er lapidar: „Ja, natürlich.“ Wir haben uns dann sehr lange über die Gründe seines Schweigens ausgetauscht. Er berichtete mir von vielen negativen Erfahrungen, die er mit anderen Menschen machen musste.

Was würden Sie sagen, was sind die Gründe, warum Menschen sich entscheiden, auf der Straße zu leben?

Bei wohnungslosen Menschen kommt es sehr häufig vor, dass sie in ihrer Biografie einen Schicksalsschlag erleiden mussten, der einen gravierenden Einschnitt in ihrem Leben darstellte. So berichtete mir zum Beispiel ein wohnungsloser Mann, dass er mit ansehen musste, wie seine Frau und sein Kind vor ihm auf dem Zebrastreifen überfahren wurden. Das sind dramatische und traurige Lebensgeschichten, die man dann erfährt, wenn man Zeit zum Zuhören investiert und Vertrauen aufgebaut hat.

„Wenn wir so etwas Dramatisches erlebt hätten und hätten kein soziales Netzwerk, das uns auffängt in so einer Situation, würden wir vielleicht auch auf der Straße leben.“

Diese Schicksalsschläge, diese Lebensgeschichten führen einem, glaube ich, auch noch deutlicher vor Augen, dass ein Leben auf der Straße, eine Wohnungslosigkeit, gar nicht so weit weg von uns allen ist. Wenn wir so etwas Dramatisches erlebt hätten und hätten kein soziales Netzwerk, das uns auffängt in so einer Situation, würden wir vielleicht auch auf der Straße leben, da wir aufgrund der Trauer nicht einfach ein bürgerlich normales Leben weiterleben könnten.

Wie schaffen Sie es, Ihre Arbeit als Professor, Ihre Hilfe für die Wohnungslosen, Ihr Engagement und Freizeit für sich unter einen Hut zu bringen?

Die Arbeit im Verein „Armut und Gesundheit“ ist nur als Teamarbeit zu leisten, denn allein kann man sowas nicht realisieren. Es müssen Menschen zusammenarbeiten, auf die sie sich verlassen können, denen sie Tätigkeiten delegieren und selbstverantwortlich übertragen können, und dabei wissen, dass dies empathisch und professionell umgesetzt wird. Und dies alles getragen von einer wertschätzenden Einstellung unseren Patienten und Klienten gegenüber. Wir haben derzeit etwa 20 Mitarbeiter, die in Teil- oder Vollzeitarbeitsverhältnissen bei uns angestellt sind. Zusätzlich unterstützen uns ungefähr 30 bis 40 ehrenamtliche Mitarbeiter. Damit sind wir fast ein kleines mittelständisches Unternehmen.

Nehmen Sie sich auch Zeit für sich selbst?

Für mich ist ein körperlicher Ausgleich sehr wichtig, deshalb gehe ich in den Weinbergen fast täglich joggen. Gerne treffe ich mich aber auch mit Freunden zum Reden. Man muss sich Regenerationsbereiche schaffen, sonst geht das nicht, aber die Arbeit selbst ist natürlich auch etwas, was mir unheimlich viel gibt. Ich gebe nicht nur, ich bekomme auch sehr viel durch die Arbeit, die Art und Weise der Begegnung mit Menschen, zurück.

Das Interview führten Denise Frommeyer und Michelle Oesterheld. (df)

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