Gerhard Trabert: „Es ist ein Skandal für diese reiche Gesellschaft“

Die Corona-Krise hat auch die Arbeit des Mainzer Arztes Gerhard Trabert verändert. Welche Auswirkungen die Pandemie auf ihn und sein Team sowie auf die Wohnungslosen hatte, lest Ihr in Teil 2 unseres Interviews.

Gerhard Trabert: „Es ist ein Skandal für diese reiche Gesellschaft“

Wohnungslosen Menschen helfen - das hat sich der Mainzer Arzt Gerhard Trabert zur Aufgabe gemacht. Im ersten Teil des Interviews hat Trabert mit Merkurist darüber gesprochen, wie er die Arbeit mit den Wohnungslosen, seinen Job an der Hochschule und sein Privatleben unter einen Hut bekommt. Wie die Corona-Krise seine Arbeit beeinflusst und welche Unterstützung er sich von der Stadt wünscht, darum geht es im zweiten Teil.

Während der Corona-Krise stehen Wohnungslose vor neuen Herausforderungen. Was würden Sie sagen, wo liegen hier die größten Probleme?

Gerhard Trabert: Ich habe bis heute das Gefühl, dass politische Entscheidungsträger immer noch nicht begriffen haben, dass von Armut betroffene Menschen eine der Hauptrisikogruppen darstellen. Sie sind häufig chronisch krank, haben oft auch mehrere Erkrankungen. Das Leben auf der Straße hat bei wohnungslosen Menschen die Abwehrkräfte, die Immunabwehr geschwächt. Wir haben sofort zu Beginn der Pandemieschutzdiskussion eine Presseerklärung herausgegeben und alternative Unterbringungsmöglichkeiten sowie die Verlängerung, der normalerweise nur im Winter aufgestellten Containerschlafmöglichkeit, eingefordert. Dem ist man auch gefolgt.

Für viele Wohnungslose, die weiterhin im Freien, an verschiedenen Plätzen in der Stadt lebten, war allerdings zu Beginn der Schutzmaßnahmen der Umstand, dass die Stadt öffentliche Toiletten geschlossen hat, ein gravierendes Problem. Damit hatten sie keinen Zugriff auf sauberes Wasser und konnten auch nicht auf die Toilette gehen. Dazu kam, dass es kaum noch Pfandflaschen in der Stadt zu sammeln gab, weil kaum noch Menschen unterwegs waren. Ein weiteres Problem war der Versorgungs- und Betreuungsrückzug verschiedener sozialer Einrichtungen, aus Angst vor Ansteckung.

Wie hat das die Arbeit von Ihnen und Ihrem Team verändert?

Wir haben im Team klar entschieden, dass wir unser medizinisches und soziales Angebot aufrecht erhalten. Ich bin meinem Team sehr dankbar, dass alle so engagiert mitgemacht haben, obwohl wir auch mit dem Problem konfrontiert waren und sind, dass sehr viele Ehrenamtliche, gerade Ärzte und Ärztinnen, selbst zur Risikogruppe gehören, und nicht weiter bei uns mitarbeiten konnten.

Deshalb war unser Arbeitsteam dann auch nicht so breit aufgestellt, aber die die weiter aktiv waren haben eine tolle Arbeit geleistet. Wir haben eine Infekt-Sprechstunde angeboten. Bei jedem Patienten, der zu uns auf die Zitadelle kam, wurde zunächst Fieber gemessen, um den Verdacht auf eine Covid-19-Infektion schnell zu erkennen. Wenn es Anzeichen einer Infektion gab, wurde der Patient in unserem Arztmobil untersucht und gegebenenfalls eine Corona-Abstrichdiagnostik durchgeführt. Die, die keine Infekt-Anzeichen hatten, durften in unsere Behandlungszimmer der Ambulanz ohne Grenzen, aber auch nur maximal zwei bis drei Personen, damit auch im Wartebereich der räumlich einzuhaltende Abstand sichergestellt werden konnte. Wir mussten dann natürlich immer zwei Ärzte und Ärztinnen sowie zwei Pflegekräfte im Einsatz haben, damit beide Sprechstundenbereiche stattfinden konnten. Wir haben engagiert weitergearbeitet und wie gesagt, da bin ich meinem Team auch sehr dankbar, dass alle das mitgetragen und geleistet haben.

„Das Leben auf der Straße ist stressig und anstrengend, gerade jetzt während der Corona-Pandemie.“

Sie haben sich dafür eingesetzt, dass Wohnungslose zeitweise im Hotel „INNdependence“ unterkommen konnten.

Das war eine interessante und neue Erfahrung war mich, dass hier die Kommunal- und Landespolitik aufgrund unserer Forderungen im Hinblick auf die Versorgung von wohnungslosen Menschen schnell und pragmatisch reagiert hat. So hat das Land Rheinland-Pfalz vier Zimmer zur Verfügung gestellt und kurze Zeit später die Stadt Mainz weitere 25 Einzelzimmer. Das war in dieser Zeit etwas ganz Wichtiges, denn wohnungslose Menschen sind oft chronisch krank und haben nicht selten dazu auch noch mehrere Erkrankungen und gehören damit zu einer Risikogruppe was die Gefahr einer Covid-19-Ansteckung betrifft.

Nach zweieinhalb Monaten konnte das Hotel wieder den normalen Übernachtungsbetrieb eröffnen, was dann natürlich bedeutete, dass die wohnungslosen Gäste ausziehen mussten. Unsere Sozialarbeiterinnen vom Verein Armut und Gesundheit, gemeinsam mit dem Thaddäusheim konnten fast ein Drittel der Bewohner direkt in ein Mietverhältnis vermitteln, ein weiteres Drittel konnte im Wohnheim oder in anderen Notschlafstellen unterkommen, während ein Drittel leider wieder zurück auf die Straße entlassen wurde. Das in einer so kurzen Zeit so viele Menschen in ein normales Mietverhältnis vermittelt werden konnten, ist schon ein toller Erfolg gewesen.

Ist Ihnen nach dem Hotelaufenthalt eine positive Veränderung bei den Personen aufgefallen? Haben Sie wieder Lebensmut und Freude am Leben entwickelt?

Der Respekt und die Wertschätzung, aber auch durch die sozialarbeiterische Betreuung und unser Paten-System, das die individuelle ehrenamtliche Betreuung durch junge Menschen beinhaltete, war eine wichtige Erfahrung für die betroffenen Menschen. Ich denke, dass diese positive Erfahrung, auch wenn dies ja nur für einen relativ kurzen Zeitraum war, den Selbstwert, die Bedeutsamkeit der eigenen Person und damit den Lebensmut bei dem Großteil der wohnungslosen Menschen wieder erhöht hat. Wieder an sich selbst zu glauben, an die eigenen Fähigkeiten und Ressourcen, aufgrund einer solchen positiven Erfahrung der wertschätzenden Begegnung, ist für viele ein entscheidender Schritt, das eigene Leben dann wieder aktiver selbst in die Hand zu nehmen und zu sagen: „So, jetzt versuche ich doch wieder eine Wohnung oder was auch immer zu finden.“

Welche Erkrankungen belasten die Wohnungslosen eher - psychische oder körperliche?

Man kann generell sagen, dass bei allen von Armut betroffenen Menschen, fast alle Krankheiten häufiger vorkommen, sowohl physische als auch psychische Erkrankungen. Krankheit führt zunehmend in Deutschland zu einer Verarmung. Nicht selten zum Verlust der Arbeit und infolgedessen zu einem sozialen Abstieg. Ökonomische Armut führt umgekehrt aber auch zu höheren Erkrankungsraten. Das Leben auf der Straße ist stressig und anstrengend, gerade jetzt während der Corona-Pandemie.

Würden Sie sich mehr Unterstützung von Stadt und Land wünschen?

Ich möchte gerne anerkennen, dass die Stadt und auch das Land schnell reagiert haben und mit der Möglichkeit der Unterbringung im Hotel, sowie mit der Verlängerung der Unterbringung in den Containern einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsversorgung und Schutz vor einer Infektion wohnungsloser Menschen geleistet haben. Das war positiv, das hat nicht jede Stadt gemacht.

Es gibt aber auch Kritikpunkte, zum Beispiel das Thema Mundschutzmasken-Ausgabe, da habe ich die unentgeltliche Ausgabe von Masken gefordert, das macht weder die Stadt noch das Land. Das Land signalisierte in einer Stellungnahme, man könnte ja Schals und Tücher nutzen, aber Schals und Tücher haben nicht den Schutzfaktor, den ein normaler OP-Mundschutz erzielt. Und jeder Empfänger von sozialen Transferleistungen hat kein Geld für diese Zusatzausgaben. Dafür ist nichts im Budget von Arbeitslosengeld-II-, oder Sozialgeldempfänger vorgesehen. Ein Wohnungsloser bekommt diesen Hartz-4-Satz durch 30 geteilt pro Tag ausgezahlt, was bei gestiegenen Lebensmittelpreisen und den zusätzlichen Ausgaben für Hygiene und Schutz einfach nicht mehr ausreicht. Da hat die Pandemie gezeigt, dass Menschen die arm sind, noch mehr benachteiligt werden und wahrscheinlich noch ärmer werden. Wie unter einem Brennglas werden diese gesellschaftlichen Unterschiede jetzt noch deutlicher. Ein Skandal für diese reiche Gesellschaft! Das Coronavirus trifft eben nicht jeden gleich.

Das Interview führten Michelle Oesterheld und Denise Frommeyer. (mo)

Den ersten Teil des Interviews lest Ihr hier:

Logo