Die Mainzerin Anja ist in den sozialen Medien unter ihrem Alias „frustrierte Alte“ bekannt. Auf Instagram folgen ihr derzeit fast 80.000 Menschen und auf TikTok weitere 37.000. Dort postet sie Content zu den Themen Feminismus und soziale Ungleichheit und sorgt mit ihrer sarkastischen Art auch immer wieder für lustige Momente. Wir haben mit Anja gesprochen und sie zu Christian Ulmen, den Wahlergebnissen in Rheinland-Pfalz, Hass im Netz und „Feminismus-Fatigue“ befragt.
Merkurist: Was machst du, wenn du nicht gerade deinen Content produzierst?
Anja: Ich arbeite hauptberuflich in einer Kneipe. Wenn ich nicht gerade Content drehe, hänge ich wirklich viel in dieser Kneipe ab. Dort kenne ich einfach jeden und bin häufig in sehr interessante Gespräche mit Kollegen und Stammkunden verwickelt. Dadurch bekomme ich eigentlich alles mit, was in der Stadt so passiert.
Wie ist die Idee entstanden, mit deinem Content zu beginnen?
Ich habe vor zwei Jahren auf TikTok mit einem „Dating-Recap“ angefangen, bei welchem ich meine Tinder-Dates zusammengefasst habe. Das war mein erstes Video und es ist direkt viral gegangen. Danach hatte ich innerhalb von einer Woche 10.000 Follower. Zunächst habe ich dann weiter Dating-Videos hochgeladen, aber irgendwann, auch auf Grund vieler ungewollter Ratschläge von älteren Männern, keine Lust mehr auf Social Media gehabt und erstmal eine Pause eingelegt. Privat habe ich mich dann entschieden, erstmal Männer zu fasten. Das bedeutet, ich habe in jeglichem Kontext auf Männer verzichtet, sie weder gedatet noch auf irgendwelche Nachrichten geantwortet. Ich musste dabei für mich hinterfragen, warum ich eigentlich Dating-Apps nutze, und bin zu dem Schluss gekommen, dass wir alle unser Leben viel zu sehr nach Männern ausrichten. Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass dieses Problem strukturell ist, und mein Interesse, mich mit feministischen Themen auseinanderzusetzen, ist gewachsen.
Wie definierst du Feminismus?
Ich sehe den Feminismus als Spektrum mit vielen verschiedenen Formen. Wenn ich mich selbst einordnen müsste, würde ich das beim Gleichstellungsfeminismus tun. Das heißt, alle Menschen kommen gleich auf die Welt, aber Männer und Frauen werden unterschiedlich sozialisiert. Ich denke mir, warum soll eine Frau nicht auf dem Bau arbeiten können und ein Mann nicht weinen dürfen?
Wo fallen dir patriarchale Strukturen besonders auf?
Es ist dieser Alltagssexismus, der mich wirklich nervt. Dass man als Frau immer alles dreimal wiederholen muss und dass alles kommentiert wird, zum Beispiel ob die Kleidung zu kurz, zu lang oder zu weit ist — da kannst du wirklich nur verlieren. Außerdem wird uns Frauen häufig nicht mit angemessenem Respekt begegnet und immer wieder werden uns die eigenen Erfahrungen abgesprochen.
Wie verschaffst du dir zum Beispiel in der Kneipe Gehör?
Ich bin zum Glück sehr schlagfertig, was zum Teil aber auch daran liegt, dass ich alle möglichen Situationen schon im Vorhinein überdenke. Wenn ich mit schwierigen Männern zu tun habe, setze ich auf aktives Zuhören und versuche, den Kern des Problems zu erkennen. Dann versuche ich, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich in meine Situation zu versetzen, und appelliere an ihre Empathie.
Empfindest du manchmal „Feminismus-Fatigue“, also ein Gefühl der Erschöpfung oder Frustration bei deiner feministischen Arbeit?
Ich habe nie das Gefühl, dass meine Arbeit nichts bringt, aber es macht verdammt müde, weil man alles so oft wiederholen muss. Was mir dann wieder Kraft gibt, weiterzumachen, sind die vielen positiven Nachrichten anderer Frauen, die ich täglich erhalte. Besonders berührend sind Nachrichten von älteren Frauen, die mir schreiben, dass sie Dinge immer als normal hingenommen haben und durch mich jetzt anfangen, diese zu hinterfragen. Sie schreiben mir dann manchmal auch, sie hätten jemanden wie mich früher schon gebraucht, und da merke ich, welchen Beitrag ich leiste.
Was würdest du anderen Frauen raten?
Setzt Grenzen! Es gibt häufig Situationen, in denen man ein negatives Bauchgefühl hat. Das kann durch Momente entstehen wie eine ungewollte Berührung beim Vorbeigehen oder die Aufforderung, doch einfach mal mehr zu lächeln. Genau dann ist es wichtig, aktiv Grenzen zu setzen. Wer dann mit Aggression oder einer Abwehrhaltung reagiert, hat vermutlich das erste Mal eine Grenze aufgezeigt bekommen. Man kann also die erste Person sein, die jemandem Grenzen aufzeigt, und das ist eigentlich super positiv.
Siehst du es als die Aufgabe von Frauen, Männern ihr Fehlverhalten aufzuzeigen?
Nein, ich denke, jede Reaktion auf Fehlverhalten hat ihre Daseinsberechtigung. Es gibt Frauen, die werden laut und solche, die ruhig erklären, was falsch gelaufen ist, aber auch einfach Frauen, die blödes Verhalten ignorieren oder sogar mitlachen. Es kostet halt auch einfach Kraft und Mut, sich dem zu stellen. Ich denke, am Ende ist es ein Zusammenspiel. Männer sollten anfangen, das eigene Verhalten zu hinterfragen und auch einfach mal zuhören und lernen und Frauen sollten ihren Wert kennen und Grenzen benennen.
Was sollten Männer deiner Meinung nach noch tun?
Ich glaube, der erste Schritt ist, ein Bewusstsein für patriarchale Strukturen zu entwickeln. Ich finde es so absurd, dass wir alle in der Schule beigebracht bekommen, dass man für andere einstehen soll oder dass man Schwächeren hilft und dass das im Erwachsenenleben dann einfach irgendwann aufhört, weil mir der Gegenüber nicht passt oder eben eine Frau ist. Damit sollten wir wieder anfangen.
Bekommst du häufig Hass-Kommentare?
Hass-Kommentare bekomme ich eigentlich täglich. Die Anzahl und Art der Kommentare hängt dabei häufig von den Inhalten ab. Am schlimmsten ist es, wenn ich Videos gegen Rechtsextremismus mache, was für mich Hand in Hand geht mit feministischen und antirassistischen Themen. Da erhalte ich dann auch schon mal in aller Öffentlichkeit Mord- oder Vergewaltigungsdrohungen. Häufig sogar von Personen, die dort mit Klarnamen angemeldet sind. Dann merke ich wirklich, wie sehr sich die Grenze des Sagbaren verschoben hat.
Wie gehst du mit diesem Hass um?
Anfangs habe ich die Kommentare noch angezeigt, aber schnell gemerkt, wie wenig das bringt. Inzwischen schreibe ich gerne mal Arbeitgebern und Arbeitgeberinnen oder auch mal der Ehefrau. Das ist zwar sehr zeitintensiv, lohnt sich aber häufiger. Bei einem Fall hat ein Mann etwas wirklich sehr Frauenfeindliches kommentiert und ich habe dann herausgefunden, dass er mit anderen Profilen KI-generierte Kindervideos liket und dort seine Telefonnummer in die Kommentare postet. Als ich dann gesehen habe, dass dieser Mann Kinder in einer Sportmannschaft trainiert, habe ich es als meine Pflicht angesehen, das öffentlich zu machen. Auch für private Gespräche mit Menschen, die solche hasserfüllten Kommentare schreiben, nehme ich mir gerne die Zeit. Selbst wenn es von 100 Leuten am Ende nur einer checkt, ist das ein Gewinn.
Was sagt dein Umfeld zu deinem Content?
Ich habe ein eher kleines Umfeld, das hauptsächlich aus dem Kneipen-Kontext stammt und die waren einfach von Anfang an dabei und haben alles gefeiert, was ich mir aufgebaut habe. Immer wenn ich neue Follower dazugewinne, schreiben sie mir süße Nachrichten und motivieren mich, immer weiterzumachen. Sorgen macht sich mein Umfeld trotz des Online-Hasses nicht. Sie wissen alle, dass ich damit gut umgehen kann.
Was sagst du zum aktuellen Fall Christian Ulmen?
Ich finde es an erster Stelle sehr schrecklich, was Collien Fernandes angetan wurde. Ich finde es allerdings sehr überraschend, wie überrascht andere Menschen darüber sind. Es gibt so viele Betroffene von digitaler und alltäglicher Gewalt, dass wir eigentlich alle einen Täter kennen müssten, aber irgendwie kennt nie jemand einen. Das System ist einfach darauf ausgelegt, dass Männer solche Dinge tun können und dass Frauen nicht geglaubt wird. Da ist es egal, ob es sich jetzt um diesen Fall oder um beispielsweise die Epstein Files handelt. Es sollte den Opfern zugehört und nicht mit juristischen Begriffen wie der Unschuldsvermutung um sich geworfen werden. Einfach mal zu sagen, es ist sau schrecklich, was dir passiert ist, dürfte nicht so schwer sein.
Der Fall wurde auch deswegen in Spanien angezeigt, weil sie dort gesetzlich schon deutlich weiter sind. Daran sollte sich die deutsche Politik ein Beispiel nehmen.
Was sagst du zu den aktuellen Wahlergebnissen in Rheinland-Pfalz?
Ich habe erst mal geheult, weil ich wirklich Angst habe und sich die Ergebnisse so sehr nach einem Rückschritt anfühlen. Vor allem stört mich, wie die Unterschiede wieder so in den Vordergrund gestellt werden. Dann denke ich mir manchmal, dass wir irgendetwas von außen bräuchten, um uns alle daran zu erinnern, dass wir doch eigentlich im selben Boot sitzen. Dass die AfD so viele Menschen für sich gewinnen konnte, erschreckt mich. Auch wenn ich verstehen kann, dass vor allem Menschen im ländlichen Raum wütend sind, weil sie sich nicht gehört oder abgehängt fühlen. Wie sie mit dieser Wut umgehen, ist es, was mich stört. Insbesondere wenn sich Aussagen wiederholen, die wir alle aus der Geschichte kennen und aus denen wir eigentlich hätten lernen sollen.
Eine konservative Politik bringt außerdem auch immer ein konservatives Rollenbild mit sich, weshalb ich denke, dass auch ein CDU-Ministerpräsident für Frauen Rückschritt bedeutet.
Studien zeigen: Junge Männer werden immer konservativer und junge Frauen immer progressiver. Wie erklärst du dir diese Kluft?
Junge Männer bekommen häufig zuhause noch das Rollenbild des starken Mannes, der Leistung erbringen muss und nicht weinen darf, beigebracht, aber die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen passen dazu nicht mehr. Frauen brauchen keinen Versorger mehr, da sie häufig finanziell unabhängig sind. Sie legen daher mehr Wert auf die emotionale Intelligenz und Zuwendung ihrer Partner. Wenn Jungs in ihrer Entwicklung dann etwas lost sind, fehlt es ihnen an positiven männlichen Vorbildern, die einfach mal sagen: Du musst gar nichts.
Um so ein positives Vorbild zu werden, muss man sich dann einfach mal eingestehen, wo man selbst vielleicht veraltete Vorstellungen hat und das ansprechen. Wer seine eigenen Problemfelder kennt, fühlt sich auch nicht angegriffen, wenn Frauen sich über Männer aufregen und so können vielleicht beide Seiten wieder etwas zueinanderfinden.
Was steht für dich als nächstes an?
Neben meinen Videos schreibe ich aktuell mein erstes Buch mit dem Titel „Schankmaid“. Darin werden verschiedene Kurzgeschichten zum Thema Alltagssexismus vorkommen. Es werden in dem Buch keine Vorwürfe erhoben, das macht es sehr zugänglich und zu einem guten Einstieg in das Thema Feminismus. Die Kapitel starten immer mit einer eher witzigen Anekdote und enden dann aber mit ernsten Zahlen. Es kommt am 1. Mai raus, kann aber schon vorbestellt werden.
Anjas Content findet ihr auf Instagram (frustrierte.alte) und TikTok (frustrierte.alte).