Corona-Krise: Was steckt hinter „Plan C“?

„Lockdown light“ - und dann? Diese Frage stellen sich viele Menschen bundesweit. Der Mainzer Krisenmanager Marcus Ewald hat sich genau damit beschäftigt und mit seinem Team die Idee zu einem neuem Konzept entwickelt - den „Plan C“.

Corona-Krise: Was steckt hinter „Plan C“?

Seit dem 2. November sind viele Bereiche des öffentlichen Lebens wegen der steigenden Infektionszahlen heruntergefahren, viele Betriebe müssen vorübergehend schließen. Für manche kam diese Nachricht sehr plötzlich - doch was wäre, wenn man einen solchen „Lockdown“ besser planen könnte? Diese Frage hat sich auch der Mainzer Krisenmanager Marcus Ewald gestellt. Er und sein Team hatten die Idee zu „Plan C“. Die Arbeit, die Initiative aufzusetzen wurde von über 30 Freiwilligen aus allerlei Berufen geleistet. Mit Merkurist hat er über „Plan C“ gesprochen.

Merkurist: Herr Ewald, wie kamen Sie auf die Idee zu „Plan C“?

Marcus Ewald: Ich führe seit zehn Jahren ein Unternehmen für Krisenmanagement, beschäftige mich viel mit Vorhersagen und Projektionen, berate gemeinsam mit Kollegen Unternehmen - auch jetzt in der Corona-Krise. Wir machen uns also seit März Gedanken, wie es in Deutschland weitergehen könnte. Und haben festgestellt, dass Deutschland während der ersten Welle gut dastand, auf die zweite Welle aber nicht vorbereitet zu sein schien. Ich habe mich dann dazu entschieden, meine Projektionen auf Facebook öffentlich zu machen, um zu zeigen, dass es in der Corona-Krise bislang keinen Langfrist-Plan gibt. Das ist auch tatsächlich nicht ganz einfach, weil es kaum Empirie (Erfahrungswissen) gibt und es eine dynamische Situation ist.

An einem Abend hatte ich schließlich eine Unterhaltung mit meiner Frau, die gerade ihre Menstruation hatte. Und sie fragte mich: „Warum können nicht alle gleichzeitig ihre Tage haben und gleichzeitig eine Woche Pause machen?“ Das war für mich eine Art „Heureka“-Moment. Ich habe das dann durchgerechnet und bin auf den ‘Plan C’ gekommen: eine Woche Lockdown mit null Kontakten, drei Wochen normales Leben im Wechsel - quasi ein Lockdown mit Planungssicherheit.

„Vielen stellt sich also die Frage: Bin ich bereit, das in Kauf zu nehmen, wenn ich merke, dass es nur einen kleinen Effekt hat? Diese Entwicklung ist hochgefährlich und kostet Menschenleben.“ - Marcus Ewald

Warum ist das so wichtig?

Bislang sind die Lockdowns der Bundesregierung nicht kalkulierbar. Sie lösen bei einem Großteil der Bevölkerung Unsicherheit und auch Unzufriedenheit aus. Es ist zu befürchten, dass sich immer mehr gegen die Maßnahmen wehren werden, weil sie keine Perspektive haben. Auch die Frage nach der Wirksamkeit der Maßnahmen wird für viele nicht beantwortet. Vielen stellt sich also die Frage: Bin ich bereit, das in Kauf zu nehmen, wenn ich merke, dass es nur einen kleinen Effekt hat? Diese Entwicklung ist hochgefährlich und kostet Menschenleben. Die Bundesregierung tut sehr viel dafür, die Pandemie in den Griff zu bekommen und sie handelt an vielen Stellen richtig. Was ich ankreide, ist, dass die Frage nach dem „Danach“ nicht geklärt wird. Wie geht es weiter? Worauf muss ich mich einstellen? Ich bin bereit zu akzeptieren, dass man mir nicht alles vorhersagen kann. Aber mir sollte auch Sicherheit vermittelt werden, ein Plan, der bis zum Ende der Pandemie wirksam ist.

Wie genau sieht diese eine Woche Lockdown dann aus?

Dieser Lockdown kann unterschiedlich streng sein. Wichtig ist, dass die Kontakte auf den eigenen Hausstand minimiert werden. Das heißt: zu Hause bleiben und niemand anderen treffen. Spaziergänge mit dem eigenen Hausstand sind aber beispielsweise erlaubt. Außerdem möchten wir erreichen, dass sich die Menschen für ihre Lockdown-Woche etwas vornehmen, zum Beispiel ein neues Instrument lernen oder eine neue Sprache. Außerdem kann man sich mit Freunden und Familie vernetzen und sich gegenseitig motivieren - auch weil die Aussicht auf ein Treffen in den „normalen“ Wochen besteht.

„Wir wollen konstruktive Vorschläge für eine langfristige Planung machen, da niemand genau weiß, wie lange uns diese Pandemie noch beschäftigen wird. Es gibt keine Strategie, die glaubwürdig vermittelt, dass sie funktioniert.“ - Marcus Ewald

Eine Lockdown-Woche sinnvoll zu nutzen - diese Einstellung hatten viele ja auch schon während der ersten Welle.

Genau. Und dieses Gefühl wollen wir wieder zurückbringen. Es gab eine positive Grundstimmung, man hat sich gegenseitig geholfen. Deswegen wollen wir auch eine Art Patensystem etablieren. Wenn man sich entschließt, bei ‘Plan C’ mitzumachen, kann man sich verpflichten, fünf weitere Personen zu überzeugen und sich während der Lockdown-Woche dann um sie zu kümmern. Das bedeutet, die Personen zum Beispiel anzurufen oder mit ihnen gemeinsam Fernkurse zu belegen. Unternehmen könnten in dieser Lockdown-Woche beispielsweise auch Weiterbildungen anbieten oder ähnliches. Es wäre für viele ein Gewinn. Wie eine bunte Woche.

Wie geht es jetzt weiter?

Die erste Lockdown-Woche startet am 6. Januar und ab dann immer am ersten Sonntag im Monat. Allerdings machen wir ein Weihnachts-Spezial: Wer Weihnachten feiern möchte, ohne jemanden zu gefährden, kann vom 17. bis zum 23. Dezember mitmachen. Parallel versuchen wir möglichst viele Menschen dazu zu bewegen mitzumachen, sowie Universitäten für Studien zu „Plan C“ zu gewinnen, damit die Maßnahmen wissenschaftlich belegbar sind. Die erste Lockdown-Woche dient vor allem dazu, Daten zu sammeln und Modellrechnungen anzustellen. Damit diese belastbar sind, müssen in einem Landkreis etwa 20 Prozent der Menschen mitmachen.

Was ist Ihr Ziel?

Wir wollen konstruktive Vorschläge für eine langfristige Planung machen, da niemand genau weiß, wie lange uns diese Pandemie noch beschäftigen wird. Es gibt keine Strategie, die glaubwürdig vermittelt, dass sie funktioniert. Fragt man die Regierung, ist ihr Ziel, eine Kontaktverfolgung wieder zu ermöglichen. Aber was kommt danach? Das motiviert die Leute nicht. Mit unserer Initiative wollen wir der Bundesregierung einen Vorschlag mit starken Argumenten aus der Mitte der Gesellschaft vorlegen. Dabei geht es uns nicht um die unmittelbaren Menschenleben, sondern darum, dass die Krankenhäuser, unser Gesundheitssystem, nicht überlastet werden. Denn wenn das zusammenbricht, ist unser aller Leben in massiver Gefahr. Und daran würde zwangsläufig auch die Gesellschaft zerbrechen. Daher müssen wir uns nun anstrengen - und anders denken.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Ewald.

Das Interview führte Denise Frommeyer. (mm)

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