Bischof Kohlgraf: „In einer Weinstube bleibe ich nicht lange alleine“

Seit 2017 ist der gebürtige Kölner Peter Kohlgraf Bischof von Mainz. Im ersten Teil unseres Interviews spricht der Bischof über die Unterschiede zwischen Mainz und Köln und die Fridays-for-Future-Bewegung.

Bischof Kohlgraf: „In einer Weinstube bleibe ich nicht lange alleine“

Von der Katholischen Hochschule zum Bischof von Mainz: Im Jahr 2017 wurde Peter Kohlgraf (52) Nachfolger von Kardinal Lehmann. In der vergangenen Woche besuchte er die Merkurist-Redaktion. Im ersten Teil unseres großen Interviews spricht Kohlgraf über Mainzer Weinstuben und Lebensart sowie über die Klima-Ikone Greta Thunberg.

Merkurist: Bischof Kohlgraf, Sie wohnen als gebürtiger Kölner seit 2012 in Mainz, seit 2017 sind Sie Mainzer Bischof. Zu Ihrem Amtsantritt haben Sie gesagt, dass die Mainzer zurückhaltender seien als die Kölner. Hat sich dieses Bild mittlerweile geändert?

Kohlgraf: Das sehe ich tatsächlich nicht mehr so. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich in meinen ersten Jahren im rheinhessischen Bergland gelebt habe. Das ist wahrscheinlich ein Stadt-Land-Thema. Die Dorf-Bewohner schauen erst einmal: Was ist das für ein Mensch? Passt der hierher? In Mainz ist das etwas anders: Was die Gastfreundlichkeit angeht, unterscheiden sich Kölner und Mainzer nicht groß. Wenn ich in Mainz in eine Weinstube gehe, bleibe ich nicht lange alleine. Das ist etwas, das man in Köln und in Mainz erleben kann - auch wenn in Mainz der Wein eindeutig besser ist.

Gehen die Menschen anders auf Sie zu, seit Sie Bischof sind?

Ja, natürlich. Als Professor konnte ich in der Menge besser untertauchen. Wenn ich jetzt durch die Stadt gehe, erkennen mich viele. Wobei die Unter-40-Jährigen oft nicht wissen, wer ich bin, bei den Ü-40-Leuten ist das anders. Die meisten sprechen mich aber nicht an, sie grüßen oder nicken, geben also irgendein Zeichen, dass sie mich erkannt haben. Das ist sehr angenehm. Wobei ich auch kein Problem damit habe, wenn jemand auf mich zukommt und mir die Hand schüttelt oder eine Frage stellt. Ich bewege mich also relativ normal durch die Stadt, fahre auch mit der Straßenbahn, wenn ich Lust habe.

Wie würden Sie die Mainzer Lebensart beschreiben?

Auf jeden Fall heiter. Und was mich auch an Köln erinnert: Es gibt in Mainz ein bestimmtes Stadtfeeling, etwas Verbindendes. Und das ist nicht nur die Fastnacht. Es ist einfach dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit, das Gefühl, Mainzer zu sein. Das prägt das Stadtleben. Ich habe neulich mit dem Bischof aus einer anderen deutschen Stadt gesprochen, ich sage jetzt nicht aus welcher, und der sagte: Sowas fehlt bei uns in der Stadt, so ein verbindendes Element. Die Mainzer sind herzlich, gastfreundlich - und stolz auf ihre Stadt. Bei den Älteren kommt noch eine gewisse Sentimentalität hinzu, eine Sehnsucht nach dem alten Mainz. Auch das war in Köln ähnlich.

„Die Präsenz des Bischofs war für das Spielergebnis bisher nicht förderlich.“ - Bischof Kohlgraf über Mainz 05

Wie aktiv können Sie denn am Stadtleben teilnehmen?

Ich bewege mich normal durch die Stadt, gehe auch hier einkaufen. Ich nehme auch am kulturellen Leben teil. Wenn ich Freunde zu Besuch habe, gehe ich mit ihnen zum Beispiel ins Museum oder ins Theater. Ich gehe auch zum Fußball, wenn es die Zeit erlaubt. Wobei ich zugeben muss: Die Präsenz des Bischofs war für das Spielergebnis bisher nicht förderlich (lacht).

Haben Sie ein Stammlokal in Mainz?

Ich wohne ja in der Domstraße, da gibt es ein paar Weinstuben in der Nähe, von denen ich nach einem wilden Abend wieder gut nach Hause komme. Okay, so wild sind die Abende nicht (lacht). Aber ein einzelnes Lokal würde ich jetzt nicht nennen.

Vor zwei Wochen war nicht weit von Ihrem Wohnsitz eine sehr große Demo: Fridays for Future. Was halten Sie von den Protesten?

Ich war ja lange im Schuldienst, habe viel mit jungen Leuten gearbeitet. Ich finde es positiv, dass politische Themen für junge Leute so eine Relevanz haben. Das ist etwas ganz Wichtiges. Und sie erreichen auch etwas: Die Politik nimmt es wahr. Aber Politiker sind in der Situation, auch andere Gesichtspunkte zu berücksichtigen, die auf Demos dann weniger eine Rolle spielen. Das nennt sich dann Realpolitik. Die Bundeskanzlerin hat es ganz gut formuliert: Wir müssen Emotionen mit den Fakten versöhnen. Und trotzdem ist es gut, dass junge Menschen auf die Straße gehen und ihre Stimme erheben. Fakt ist: Das Klima verändert sich dramatisch. Da hat auch die Kirche eine klare Haltung, vor allem der Papst, der immer wieder darauf hinweist. Auch unsere Jugendverbände sind da sehr engagiert. Konfliktreicher ist da ein anderes Feld.

Welches?

Das sind die katholischen Schulen. Da kann ich als Bischof natürlich schlecht die Botschaft senden: Nehmt euch den Freitag frei und geht da hin. Das ist dann mein realpolitisches Problem. Aber ich vertraue auf die Kompetenz der Schulleiter und bin da ganz entspannt.

„Ich kann ihr nur wünschen, dass sie an dieser Aufgabe nicht zerbricht.“ - Bischof Kohlgraf über Greta Thunberg

Mit Greta Thunberg hat die Bewegung eine Ikone. Wie finden Sie es, dass so viel auf ihren Schultern lastet?

Ich kann ihr nur wünschen, dass sie an dieser Aufgabe nicht zerbricht. Sie hat viele Mitstreiter, ist aber nach wie vor das Gesicht der Bewegung. Auf Dauer ist es gut, wenn das Ganze auf breitere Füße gestellt wird. Manchmal habe ich mir eher Sorgen um sie gemacht, als dass ich sie nur bewundert habe.

Den zweiten Teil unseres Interviews mit Bischof Kohlgraf findet Ihr hier. Da geht es um Kirchenaustritte, Zölibat und Kohlgrafs Vorgänger Kardinal Lehmann.

Das Interview führten Ralf Keinath und Denise Frommeyer. (df)

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