Diabeteskranke Kinder: Mainzer Eltern kämpfen gegen neue Regelung

Zum aktuellen Schuljahreswechsel ändert sich für manche Familien in Mainz alles: Ihre diabeteskranken Kinder bekommen keine Integrationshelfer mehr, stattdessen sollen die Lehrer einspringen. Eine Verantwortung, die manchen Eltern Sorgen macht.

Diabeteskranke Kinder: Mainzer Eltern kämpfen gegen neue Regelung

Noch rund eine Woche dauert es, dann sind die Sommerferien in Rheinland-Pfalz vorbei und die Klassenzimmer füllen sich wieder. Auch Benjamins Tochter, die eine Ganztagsschule besucht, geht dann wieder zum Unterricht. Doch eine Sache wird anders sein, und das macht ihren Eltern Sorgen: Statt eine Integrationshilfe an ihrer Seite zu haben, wird die diabeteskranke Grundschülerin auf sich allein gestellt sein. Denn: Die Stadt Mainz bezahlt ab dem kommenden Schuljahr keine Integrationshelfer mehr - ganz im Gegensatz zu vorher. „Die Entscheidung erhielten die betroffenen Familien erst mit der Ablehnung des Antrags für das kommende Schuljahr“, erzählt Benjamin. „Abgabefrist des Antrags war der 31. Mai – also sehr kurzfristig.“

Mainz ist dabei nicht die erste Stadt in Rheinland-Pfalz, die die Betreuung von Kindergarten- und Grundschulkindern mit Diabetes durch Integrationshelfer einstellt und stattdessen dafür geschulten Lehrern die Verantwortung überträgt. Tatsächlich fußt diese Entscheidung auf den „Handlungsempfehlungen und Rahmenbedingungen im schulischen Alltag für Kinder und Jugendliche mit chronischen Erkrankungen“, die das rheinland-pfälzische Bildungsministerium bereits im Jahr 2014 veröffentlicht hat. „Die Stadt Mainz schließt sich mit dem bevorstehenden Schuljahreswechsel den anderen Städten und Kreisen in Rheinland-Pfalz an, in denen diese Umsetzung bereits erfolgt ist“, sagt Marc André Glöckner, Sprecher der Stadt Mainz, dazu. Die Stadt habe mit der Umsetzung gewartet, bis die Schulungsmaßnahmen für die Lehrkräfte greifen - ganz im Gegensatz zu anderen Gemeinden in Rheinland-Pfalz.

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Geschulte Lehrkräfte sollen helfen

Statt Integrationshilfe sollen die Kinder laut der Handlungsempfehlungen des Landes also Hilfe von geschulten Lehrkräften bekommen. „Eine Inklusion dieser Kinder in den Kita- oder Schulalltag durch mehr Sicherheit bei den pädagogischen Fach- und Lehrkräften ist möglich“, sagte Marlies Neese, Vorsitzende des Vereins „Hilfe für Kinder und Jugendliche bei Diabetes mellitus e.V.“, der die Schulungen der Lehrkräfte anbietet, bereits 2015 bei der Vorstellung des Pilotprojekts. „Ausgrenzungen können damit vermieden werden.“ Eine bessere Integration durch geschulte Lehrkräfte also? In der Theorie ein guter Ansatz - doch so einfach ist das nicht, sagt Benjamin: „Es gibt klare Grenzen: Unsere Tochter ist nicht immer in der Klasse. Was ist beim Sport, Schwimmen, Kunst? Auch beim Mittagessen ist sie alleine, dabei ist das die schwierigste Situation.“

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Vor allem in den Situationen rund ums Essen waren bisher die Integrationshelfer gefragt. „Das Essen muss je nach Menge der Kohlenhydrate berechnet und dafür Insulin abgegeben werden“, erklärt Benjamin. „Dafür muss man entweder sehr gut schätzen können, oder Dreisatz rechnen. Das können Kinder in dem Alter nicht.“ Die Integrationshilfe behalte die Werte im Blick, entscheide, ob Insulin als Korrektur gegeben werden muss oder bei einer Unterzuckerung schnelle Kohlenhydrate verabreicht werden. Aufgaben, die nun den Lehrern zufallen - zurecht, wie die Stadt Mainz findet.

„Es gehört inzwischen längst zum pädagogischen Selbstverständnis und zur alltäglichen Praxis der Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler mit chronischen Erkrankungen im Schulalltag angemessen zu unterstützen“, so Stadt-Pressesprecher Glöckner. Benjamin hält das allerdings für überfordernd: Die Lehrer müssten sich zusätzlich zu ihren normalen Aufgaben auch noch nebenbei um Blutzuckerwerte und Insulinabgabe bei Mahlzeiten und Pausensnacks kümmern. „Wir wissen von einer Lehrerin, die die Schulung besucht hat, danach aber trotzdem die Verantwortung nicht tragen wollte und die Betreuung abgelehnt hat.“ Die Stadt verweist Eltern in solchen Fällen an die Krankenkasse - sie sollen „Antrag auf Behandlungspflege“ stellen, wenn es der Lehrkraft nicht möglich ist, das Kind zu betreuen.

Hoffen auf Eilverfahren

Doch so leicht wollen die Eltern nicht aufgeben. Sie sehen die Zuständigkeit noch immer bei der Stadt - ein Gerichtsurteil vom März aus Fulda beispielsweise, das einem zuckerkranken Erstklässler eine vom Landkreis bezahlte Integrationshilfe zugesteht, bestärkt sie darin. Dennoch drängt die Zeit. „Wir und andere Eltern sind mit der Stadt im Rechtsstreit, die Sache liegt beim Stadtrechtsausschuss“, so Benjamin. „Dieser hat Bearbeitungszeiten von einigen Monaten.“ Eine Entscheidung zum Schuljahresbeginn sei also nicht zu erwarten - ein Grund, warum einige Eltern auf ein erfolgreiches Eilverfahren hoffen. Wie im Fall des Jungen aus Fulda.

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Bis es soweit ist, hilft allerdings nur warten. „Bis dahin ist bei vielen Verzweiflung angesagt. Wir kämpfen seit Wochen mit allen Stellen, führen Telefonate und schicken Mails. Das kostet so viel Energie“, sagt Benjamin. Zwar könnten sie sich auch zurücklehnen und den Schulen die komplette Verantwortung für die Kinder überlassen. Das wolle man aber nicht. „Wir wollen einen halbwegs guten Blutzuckerspiegel unserer Kinder gewährleisten, der ihnen ein normales langes Leben ohne Folgeschäden ermöglicht“, so Benjamin. Dafür bräuchten Kinder eben vor allem in jungen Jahren Unterstützung. „Nicht, um die Selbständigkeit zu verhindern, sondern um gerade diese zu fördern. So können unsere Kinder 'normale' Schulkinder sein, die Kind sein dürfen und nicht nur Kranke, die sich in der Hauptsache um ihre Gesundheit sorgen müssen.“

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