„Missstände“ in der Mainzer City? Gewerbetreibende kritisieren Stadt

Politik und Handelsverbände diskutieren, wie angesichts von Corona und Onlinehandel die Mainzer Innenstadt wieder belebt werden könnte. Gewerbetreibende und Anwohner indes weisen auf ganz andere Probleme hin.

„Missstände“ in der Mainzer City? Gewerbetreibende kritisieren Stadt

Um über die Entwicklung in der Mainzer Innenstadt zu sprechen, trafen sich auf Einladung der Industrie- und Handelskammer (IHK) für Rheinhessen und Mainz zahlreiche Experten. Dabei ging es nicht nur um Aufwertungen für die durch Corona gebeutelten Geschäfte, sondern auch um bestehende Missstände, die kaum beachtet würden.

„Neue Herausforderungen“ seien in den vergangenen Jahren auf die innerstädtischen Einzelhandel und die Stadtplanung zugekommen - durch veränderte Einkaufsgewohnheiten, Fachmärkte, Onlinehandel und nicht zuletzt die Corona-Pandemie, heißt es in einer Mitteilung der IHK. So hatte Hauptgeschäftsführer Günter Jertz zu einem Innenstadtforum (online) eingeladen, bei dem es um ein „Comeback der City“ gehen sollte. Unter den Teilnehmern waren etwa auch Oberbürgermeister Michael Ebling, Dr. Thomas Scherer vom Handelsverband Rheinland-Pfalz sowie Tim Gemünden von der Boulevard Lu GmbH & Co. KG.

„Stabile Ausgangslage“

„Die City muss sich neu erfinden“, so Günter Jertz. „Wir haben in Mainz eine stabile Ausgangslage – jetzt müssen wir die Dynamik verstärken.“ So sei laut des aktuellen Innenstadtmonitorings der städtischen Wirtschaftsförderung die Zahl von Geschäften und Gastronomiebetrieben gegen den allgemeinen Trend erstmals sogar wieder gestiegen. Nun komme es darauf an, dass die Innenstadt auch gut erreichbar sei. Einzelhandel, Immobilienbesitzern, Stadtplanung, Wirtschaftsförderung sowie City-Management müssten enger zusammenarbeiten. Digitale Konzepte sollen mit den Verkaufsräumen vor Ort verknüpft werden, Start-ups sollten mehr Raum bekommen. „Das Konzept der Lulu ist ein hervorragendes Beispiel, wie kreative Ideen in die Tat umgesetzt werden und gleichzeitig die Gründungsszene stärker miteinander vernetzt wird“, so Jertz.

Auch Ebling will „die Innenstadt wieder mit Leben erfüllen“ und die „Wunden“ von Lockdown und Onlinehandel ausgleichen. Dazu gehören illuminierte Bereiche, kulturelle Angebote im öffentlichen Raum oder die Vermittlung von Leerstände an Start-ups, unter anderem finanziert durch die Förderung des Landes. So soll das „Einkaufen wieder zum Erlebnis“ gemacht werden.

Rücksichtslose Fahrradfahrer

Dieter Grünewald von der Interessengemeinschaft Mainzer City Carrée sieht vor allem die vielen Probleme, die kaum von der Stadt angegangen würden: „Rücksichtslos durch die Fußgängerzone rasende Rad- und Scooterfahrer“ seien ein großer „Missstand“, der „unbedingt beseitigt werden muss“, weil er Passanten hart treffe, so Grünewald. Er legte daher dem Oberbürgermeister und der Mainzer Wirtschaftsdezernentin Manuela Matz eine „Mängelliste“ vor, deren Abarbeitung „keinen Aufschub“ verdiene.

Außer den durch die Innenstadt brausenden Fahrrad- und Scooterfahrern sei es etwa dringend notwendig, auch das „aggressive und äußerst rücksichtslose Verkehrsverhalten“ einiger Lieferdienste zu kontrollieren. Auf der Liste stehen ebenfalls Graffitis sowie an Laternen angekettete Fahrräder. Auch den „kriminellen Einsatz von Bettlern“ und überhöhte Parkgebühren kritisiert Grünwald. „Es fehlt an Präsenz, Kontrolle und Koordination von Polizei, Ordnungs- und Verkehrsamt“, so Grünewald. „Die Interessengemeinschaft will dieses Verhalten nicht mehr länger hinnehmen.“

Denn ob sich die Menschen gern in der Stadt aufhalten, hänge vom Wohlfühlcharakter und der Erreichbarkeit ab, das sei ausschlaggebend für eine Verweil-, Einkaufs-, Erlebnis- und Genussqualität. „Es fehlt ein klares, gesamtstädtisches Konzept, das mit Konsequenz umgesetzt werden kann“, so Grünewald.

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