Citymanager: „Wenn so viele Geschäfte schließen, wäre das eine Katastrophe“

Die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen haben auch dem Einzelhandel zugesetzt. Wie geht es hier weiter? Wir haben mit der Wirtschaftsdezernentin und dem Citymanager über die aktuelle Lage gesprochen.

Citymanager: „Wenn so viele Geschäfte schließen, wäre das eine Katastrophe“

Es wird wieder voller in der Mainzer Innenstadt. Nach den Lockerungen für Einzelhandel und Gastronomie füllen sich die Straßen und vor allem die Läden langsam wieder mit Leben. Die Corona-Krise hat viele Geschäftsinhaber hart getroffen. Und noch ist die Krise nicht überstanden. 2020 werde voraussichtlich „das Jahr mit dem stärksten Wirtschaftsrückgang in der Geschichte des Einzelhandels seit dem Zweiten Weltkrieg“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Stefan Genth, gegenüber der Deutschen Presse Agentur. Umsätze brechen ein, viele Existenzen sind bedroht, bis zu 40 Prozent der Geschäfte könnten laut Experten schließen. Wie sieht die Lage in der Mainzer Innenstadt aus?

Hart treffen wird die Corona-Krise laut Wirtschaftsdezernentin Manuela Matz (CDU) vor allem kleine Restaurants, Kneipen und enge Weinstuben, da die Räumlichkeiten nicht geeignet sind, um die Abstandsregeln einzuhalten. Hier werde es Umsatzeinbrüche geben. „Auch Clubs und Diskos sowie die gesamte Tourismus- und Veranstaltungsbranche werden hart getroffen. Aber wir müssen an den Verstand jedes Einzelnen appellieren – gerade geschlossene Räume mit vielen Menschen begünstigen die Verbreitung des Virus.“ Gut für die Gastronomie ist, so Matz, dass gerade Sommer ist. „Da ist die Stadt den Betreibern auch entgegengekommen, indem sie Bewirtungsflächen geschaffen oder erweitert hat. Dafür wurden auch keine Gebühren erhoben. Die Leute gehen nicht rein, deswegen wollten wir diese Möglichkeit schaffen.“

Leerstandsmanager für Mainz?

„Natürlich haben wir Leerstände in der Innenstadt – auch bedingt durch Corona“, sagt Matz. „Bei manchen Unternehmen war die Krise aber auch ein Entscheidungsmoment. Dass Unternehmer aus Altersgründen aufhören oder weil deren Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert, ist ganz natürlich. Was nun allerdings dazu kommt, ist die Problematik, die Geschäfte wieder mit Leben zu füllen.“ Momentan seien Unternehmen aber zurückhaltend, was eine Expansion angehe. „Für uns steht eher der bange Blick in Richtung Herbst und Winter im Vordergrund. Kommt eine zweite Infektionswelle? Anfang nächsten Jahres könnten wir aber – wenn alles gut geht – wieder eine positive Entwicklung sehen. Dann werden auch wieder mehr Interessenten Anfragen an die Stadt stellen. Jetzt müssen wir erst einmal abwarten.“ Die Leerstände seien aber nun da, so Matz. „Ich habe die Stelle eines Leerstandsmanagers beantragt, da wird es mit Sicherheit über das nächste Jahr hinaus einiges zu tun geben. Noch können wir ja gar nicht abschätzen, wie hart uns diese Krise trifft.“

Das meint auch Citymanager Dominique Liggins. Er sagt: „Weder der Citymanager noch die Wirtschaftsförderung, die Wirtschafsdezernentin oder der Oberbürgermeister werden die Stadt Mainz vor der Corona-Krise ‘retten’ können. Wir alle nehmen dieses Thema äußerst ernst, aber manchmal muss ich schon schmunzeln, wenn ich die Erwartungshaltung einiger Menschen in der Stadt an uns mitbekomme.“ Als Citymanager ist Liggins eigentlich nur für die Innenstadt zuständig. Dennoch versuche er, seinen Teil dazu beizutragen, dass alle Händler oder Gastronomen in Mainz gut durch die Krise kommen. „Wir brauchen jedes Unternehmen und wir brauchen auch jedes Angebot. Und natürlich helfen wir Händlern auch dabei, dass sie eine zweite Welle der Corona-Krise möglichst gut überstehen können.“ Es gebe Hochrechnungen, die besagen, dass 30 bis 40 Prozent des stationären Einzelhandels in deutschen Innenstädten durch Corona verloren gehen, so Liggins. „Das ist meiner Meinung nach eine sehr ernstzunehmende Zahl. Das auf die Mainzer Innenstadt übertragen wäre eine Katastrophe. Sowohl für Kunden als auch für die Unternehmer.“

„Viele Händler haben die Chance, die die Krise geboten hat, gut genutzt.“ - Manuela Matz, Wirtschaftsdezernentin

Die Krise habe bei vielen Einzelhändlern aber auch dazu geführt, dass sie ihr Geschäftsmodell überdacht und mancher sogar einen neuen Laden eröffnet habe, berichtet die Wirtschaftsdezernentin. „Eigentlich ist das jetzt auch genau die richtige Zeit, um sich darauf vorzubereiten, wenn es wieder richtig los geht und wir Gas geben können. Das ist sehr mutig. Das zeigt aber: Auch in schwierigen Zeiten gibt es eben Wege, die zum Erfolg führen.“ Auch gestandene Unternehmen haben von der Krise profitiert, konnten neue Ideen umsetzen. „Viele haben sich lange gegen einen Online-Shop gewehrt oder hatten nie die Zeit dafür, einen solchen Shop aufzubauen. Plötzlich war der Lockdown und damit auch die Zeit da. Auch Renovierungen oder Umbauten konnten auf einmal realisiert werden. Viele Händler haben die Chance, die die Krise geboten hat, gut genutzt.“

Auch Citymanager Liggins konnte in der Krise ein Projekt umsetzen - den lokalen Lieferdienst „Mainz gebracht“. „Wir hatten nichts geplant, nichts strukturiert – es galt ein Signal an den Handel zu setzten und eine Soforthilfe zu starten.“ Das Thema lokale Lieferdienste spiele nach wie vor eine Rolle. „Momentan ist das eingebrochen, weil der stationäre Handel wieder geöffnet hat. Aber auch da hätten wir für einen möglichen zweiten Lockdown wieder Pläne in der Schublade.“ Generell seien die Wirtschaftsförderung und er vorbereitet. „Ein zweiter Lockdown würde uns nicht mehr so aus dem Nichts treffen, wie im Frühjahr. Wir konnten aus der Situation unglaublich viel lernen, gerade im Online-Bereich. Wir haben Ideen, mit denen Händler solche massiven Umsatzverluste zwar nicht ausgleichen könnten, aber sie könnten trotzdem Umsätze machen.“

Auch in der Immobilienbranche müsse es ein Umdenken geben, so Liggins. „Es muss Lösungen für Zwischennutzungen geben und Pop-up-Konzepte. Sollten diese Zahlen eintreten, dann würden diese 1A-Lagen nicht vermietet werden.“ Das beobachtet auch Manuela Matz: „Was uns ein bisschen Sorge macht, ist die Frage, inwieweit Hauseigentümer und Vermieter den Einzelhändlern bei der Miete entgegenkommen können. Da müssen wir sehen, wie sich der Markt entwickelt.“

Und Matz kann der Corona-Krise auch noch etwas Positives abgewinnen. „Man spürt deutlich, dass viele Menschen den Drang hatten, bewusst lokale Händler und Gastronomen zu unterstützen. Das ist ein positiver Effekt der Krise. Wenn man sich darüber aufregt, dass Geschäfte schließen müssen, dann muss man auch dort einkaufen.“ (mm)

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