„Es ist frustrierend“: Fehlende Erstimpfungen in Mainzer Seniorenheim

Einen Monat nachdem die meisten Bewohner des ASB-Seniorenzentrums in Mainz bereits ihre Zweitimpfung erhalten haben, warten 14 noch auf ihre erste Dosis. Für die Bewohner, ihre Angehörigen und die Hausleitung selbst ist das schwer zu verstehen.

„Es ist frustrierend“: Fehlende Erstimpfungen in Mainzer Seniorenheim

Birgit Meresse kann es einfach nicht verstehen. Ihre 82-jährige Mutter lebt im Mainzer ASB-Seniorenzentrum und hat fast genau drei Monate nach dem Impfstart noch keine Impfdosis erhalten. Während die meisten Bewohner bereits ihre zweite Dosis bekommen haben, wartet Birgits Mutter gemeinsam mit 13 weiteren Bewohnern noch auf ihre erste. Wie kann das sein?

„Es ist ermüdend und frustrierend.“ - Bernhild Braun, ASB-Seniorenzentrum

„Es ist ermüdend und frustrierend“, sagt Bernhild Braun, Leiterin des ASB-Seniorenzentrums. Ähnlich wie andere Angehörige, hat sich Birgit Meresse mit ihren Fragen an sie gewendet. „Man will es den Angehörigen und den Bewohnern erklären und ich verstehe die Wut sehr gut“, sagt Braun, „aber man kann es fast nicht mehr erklären, weil es für alle so unverständlich ist.“

Ihren Anfang nahm die Geschichte hinter den fehlenden Impfdosen schon im Januar, als es mit den Erstimpfungen losging. Damals waren viele Bewohner eines Wohnbereichs mit dem Virus infiziert, sodass das Gesundheitsamt entschied, den gesamten Bereich zur Sicherheit der Bewohner nicht zu impfen. Das betraf Birgit Meresses Mutter und die 13 weiteren Bewohner. Es hieß damals aber, so Braun, man wolle schnellstmöglich einen neuen Termin für sie finden. In den vier Wochen zwischen Erst- und Zweitimpfung sei das aber nicht passiert, sagt Braun.

„Damals hat das Ministerium gesagt, wer sich in der ersten Runde nicht impfen lassen kann oder will, kann sich bei der Zweitimpfung der anderen mitimpfen lassen“, erzählt Bernhild Braun. Weil kein neuer Termin für die Erstimpfungen kam, meldete sie die fehlenden Bewohner also gemeinsam mit denen an, die ihre zweite Impfung bekommen sollten. Das schien auch geklappt zu haben.

Lieferengpässe und Impfstoffverfügbarkeit sorgen erneut für Verzug

Doch es kam wieder anders. Wegen fehlender Impfdosen konnten während der Zweitimpfungen in ganz Rheinland-Pfalz keine Erstimpfungen durchgeführt werden, wie der für die Impfungen zuständige DRK-Landesverband bestätigt. Erst sobald die aktuellen Erst- und Zweitimpfungen beendet sind, startet das Land mit dem zweiten Durchgang Erstimpfungen für die Bewohner und Mitarbeiter in den Heimen, die in der ersten Runde noch nicht impfbereit oder impffähig waren.

So erhielten die meisten Bewohner des ASB-Seniorenzentrums am 25. Februar mit ihrer zweiten Impfung den vollständigen Schutz gegen das Virus - und der Rest ging leer aus. Bernhild Braun schrieb daraufhin an das Gesundheitsministerium. „Eine Woche später, am 3. März, kam dann die Nachricht, dass Termine für Erstimpfungen wieder möglich sind.“ Sie wartete dann etwa zwei Wochen mit der Anmeldung, weil sie zusätzlich noch neu hinzugekommene Bewohner mit anmelden wollte.

Nach der Anmeldung tat sich zunächst wieder nichts, so Braun. Kamen die zur weiteren Anmeldung notwendigen Bögen beim letzten Mal schon nach zwei Tagen an, dauerte es diesmal zwei Wochen. Warum es in diesem Fall so lange dauerte, kann der für die Impfungen zuständige DRK-Landesverband auf Anfrage nicht beantworten, lädt das Zentrum aber zur Rücksprache ein. Bernhild Braun will die Bögen, die sie am Freitag (26. März) bekam, in dieser Woche ausfüllen, zurückschicken und dann auf den lang ersehnten Impftermin für die restlichen Bewohner warten. „Wann es soweit ist, kann ich natürlich nicht sagen.“ Dem DRK zufolge, sollte das aber „zeitnah“ passieren, wenn alle Unterlagen eingegangen sind. In dieser Woche sollen die mobilen Impfteams außerdem 10.000 Impfdosen für die Impfungen in Alten- und Pflegeeinrichtungen und der Eingliederungshilfe erhalten.

„Der limitierende Faktor für die Anzahl und damit das Tempo der Impfungen ist weiterhin die Verfügbarkeit des Impfstoffs.“ - Landesgesundheitsministerium

Auf Merkurist-Anfrage zu den Terminschwierigkeiten sagt das Landesgesundheitsministerium, dass die Vergabe der Impftermine generell hoch komplex sei. Man müsse viele Faktoren gleichzeitig berücksichtigen und auch mit Problemen wie Lieferschwankungen und kurzfristigen Impf-Stopps umgehen. „Der limitierende Faktor für die Anzahl und damit das Tempo der Impfungen ist weiterhin die Verfügbarkeit des Impfstoffs“, so Sprecherin Stefanie Schneider. In den Alten- und Pflegeeinrichtungen in Rheinland-Pfalz seien Stand gestern aber rund 37.800 Erst- und 32.400 Zweitimpfungen bei den Bewohnerinnen und Bewohnern durchgeführt. Damit liege die Quote der erstgeimpften Bewohner bei über 90 Prozent.

Ernüchterung nach einem Jahr Pandemie

Wenn alles gut läuft, gehören auch die restlichen Bewohner des ASB-Seniorenzentrums bald zu den 90 Prozent. Wirklich aufatmen kann Leiterin Bernhild Braun aber nicht. Das Hin und Her, die schleppend vorangehenden Impfungen und der viele zusätzliche Aufwand ermüden sie. „Es geht schon ein Jahr lang so. Wir sagen, was nicht gut läuft in den Altenheimen und bekommen nur warme Worte zurück. Es wird gehört, aber es scheint niemanden zu interessieren“, sagt sie. „Anstatt zu sagen, wir stecken jetzt alles, was wir an personellen Ressourcen haben, in die Impffähigkeit, passiert einfach nichts. Und wir stehen da, müssen das alles zusätzlich zu unserer Unterbesetzung stemmen und gucken, wie uns die Menschen wegsterben.“ Das Landesgesundheitsministerium äußert sich auf Anfrage nicht zu ihren Vorwürfen.

Birgit Meresse steht währenddessen in ständigem Kontakt mit der Leiterin des Seniorenzentrums und weiß, wie die sich für die Impfung ihrer Mutter einsetzt. „Es ist eine Katastrophe, wie das alles organisatorisch läuft“, sagt sie. Ihre 82-jährige Mutter verstehe das ganze Ausmaß nicht mehr, doch für die Familie wäre die Impfung eine große Erleichterung. „Natürlich würde ich meine Mutter gerne mal zu mir zum Essen oder zum Kaffee holen, aber es ist einfach viel zu riskant ohne Impfung.“ Das wäre dann möglich.

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