„Pervers“ – Intensivmediziner rechnet mit Biontech ab

Für die schnelle Entwicklung eines Corona-Impfstoffs erhielt der Mainzer Impfstoffentwickler Biontech bisher nur Lobeshymnen und Dutzende Auszeichnungen. Doch jetzt gibt es auch scharfe Kritik am Verhalten des Unternehmens.

„Pervers“ – Intensivmediziner rechnet mit Biontech ab

Ein Impfstoff aus Mainz für die Welt: Die Geschichte der beiden Biontech-Gründer Özlem Türeci und Uğur Şahin ging als modernes Märchen um die Welt. Denn in Zusammenarbeit mit dem US-Pharmakonzern Pfizer schaffte es das Mainzer Unternehmen weltweit als erstes, einen Corona-Impfstoff auf den Markt zu bringen. Doch jetzt kommt erste Kritik an dem Mainzer Unternehmen auf – besonders heftig in der ZDF-Sendung Markus Lanz vom 26. Januar.

Der grundsätzliche Vorwurf: Biontech und Pfizer setzten auf dem Rücken einer internationalen Notlage auf maximale Gewinnmaximierung. Anfang Januar hatte das Bundesgesundheitsministerium empfohlen, aus einer Ampulle von Biontech/Pfizer sechs statt wie bisher fünf Impfdosen zu entnehmen. Dadurch könnte es 20 Prozent mehr Impfungen geben. Doch der Impfstoffhersteller spielte nicht mit – und kürzte einfach die Liefermenge an Impfstoff um 20 Prozent. Denn in dem Vertrag mit der EU-Kommission sei vereinbart worden, dass die Bestellungen „immer auf einer Gesamtzahl von Dosen beruht und nicht von Ampullen“.

„Impfstoff ist gesamtgesellschaftliche Errungenschaft“

Eine Entscheidung, die „Spiegel“-Redakteur Martin Knobbe bei Markus Lanz als „hart marktwirtschaftlich“ bezeichnet. Zwar sei es „vertragsrechtlich völlig in Ordnung“, doch „ganz sauber ist es nicht“, weil es auch nicht einfach sei, sechs Dosen aus einer Ampulle herauszubekommen. Oder wie Moderator Lanz sagt: „Wo die Chance ist, die Marie zu machen, wird sie gemacht.“

Vor allem Talkgast Dr. Tankred Stöbe, Internist und Vorstandsmitglied von „Ärzte ohne Grenzen“, rechnet mit dem Mainzer Unternehmen Biontech ab. Denn deren Impfstoff sei ohnehin schon viel teurer als der des Konkurrenten AstraZeneca, der von Anfang an auf einen Selbstkostenpreis gesetzt habe. Stöbe sagte: „Biontech wurde mit über 300 Millionen Euro an öffentlichen Geldern finanziert, viele Impflinge haben sich freiwillig testen lassen, es waren Heerscharen von Forschern an der Entwicklung beteiligt. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Errungenschaft, dass wir so schnell Impfstoffe haben.“

„Impfstoffhersteller verdienen sich goldene Nase“

Dass nun auf maximale Gewinne gesetzt werde, mache ihn fassungslos, so Stöbe. „Ich finde es pervers, dass sich auf dem Rücken einer Pandemie eine Handvoll Impfstoffhersteller goldene Nasen verdienen. Sie haben keine Rechenschaftspflicht gegenüber der Öffentlichkeit. Was haben sie tatsächlich für Kosten und wie viel verdienen sie daran? Man weiß es einfach nicht.“ Bis zur Marktreife sei die Impfstoff-Produktion als ein dringliches öffentliches Anliegen gesehen worden und jetzt wo der Impfstoff verfügbar sei, heiße es: Das regelt der Markt. „Aber er regelt es ja nicht. Es gibt überall Engpässe. Das was passiert, finde ich moralisch verwerflich.“

Die Chefs der Firmen wolle er damit nicht persönlich angreifen. „Das sind tolle Geschichten, die sind ein großes Risiko eingegangen.“ Es gehe auch nicht darum, dass sie kein Geld verdienen dürften. Aber: „Es geht hier um maximale Gewinnabschöpfung in einer internationalen Notsituation.“

„Die Menschen sterben uns weg“

Zudem forderte der Intensivmediziner, dass die Politik in dieser internationalen Notlage den Patentschutz in Frage stellen müsse. Stöbe: „Da müssen wir jetzt ran. Die Menschen sterben uns weg. Andere Firmen müssen jetzt auch diese Impfstoffe herstellen können, dass wir endlich aus diesen Engpässen herauskommen.“

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) kritisierte zudem in der Sendung, dass der Tübinger Impfstoffhersteller Curevac größere Hürden habe, weil er später dran sei als andere Produzenten. „Curevac ist seriös in alle Verfahren gegangen. Die müssen jetzt ihr Produkt wiederum vergleichen mit denen, die schon auf dem Markt sind. Jetzt dauert es noch länger. Dass die ersten, die dran sind, Vorteile haben, ist schwer nachvollziehbar.“ In einer Pandemie müsse man andere Maßstäbe anlegen. „Jetzt müssen wir schnell viel guten Impfstoff auf den Markt bekommen.“

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