Mainzer Geschäfte: Die Situation ist „verheerend“

Schwere Zeiten für Mainzer Händler. Wie stark sie vom Corona-Lockdown betroffen sind und welche Chancen es dennoch in der Krise gibt, erklärt IHK-Hauptgeschäftsführer Günter Jertz im Merkurist-Interview.

Mainzer Geschäfte: Die Situation ist „verheerend“

Günter Jertz ist Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für Rheinhessen (IHK). Seit Beginn der Pandemie steht er mit Mainzer Händlern in Kontakt und unterstützt sie. Im Merkurist-Interview erklärt er, wie lange die Mainzer Händler den Lockdown noch aushalten können und an welchen Stellen es derzeit Probleme gibt.

Merkurist: Herr Jertz, wir stecken in der zweiten Corona-Welle – fast alle Geschäfte sind geschlossen. Wie geht es den Mainzer Händlern im Moment?

Günter Jertz: Den Branchen, die nun ihre Geschäfte geschlossen lassen müssen, geht es verheerend. Dazu zähle ich die Gastronomie, den Handel, Hotellerie, die Messewirtschaft, Fitnessstudios und generell alles, was mit körpernahen Dienstleistungen zu tun hat. Also Nagelstudios, Friseure und so weiter. Wir von der IHK haben seit Monaten eine Corona-Hotline geschaltet – hier spüren wir derzeit allergrößte Verzweiflung der Betroffenen. In den letzten Monaten hatten wir sehr viele Telefonate über diese Hotline geführt, inzwischen werden die Gespräche immer länger, weil es immer mehr Fragen gibt.

Welche Fragen werden häufig gestellt?

Es geht um Fragen zu Steuerberatern oder wie man an die Corona-Hilfen kommt. Da sind wir bei einem sehr, sehr wichtigen Thema: Die Wirtschaftshilfen kommen nur sehr schleppend an. Dieses Resümee müssen wir leider auch für die Mainzer und rheinhessische Wirtschaft ziehen. Das steigert bei vielen die Verzweiflung umso mehr.

Was ist das Problem bei den Hilfen – warum kommen sie nicht an?

Das Problem ist auf Bundesebene zu sehen, es gibt immer noch Kommunikations- und Softwareprobleme in Berlin. Nach unseren Recherchen ist die Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz (ISB) bereit, mit einzusteigen in die Abwicklung – diese hat auch die letzten Hilfsaktionen federführend geleitet. Aus meiner Sicht liegt das Problem also eher nicht auf Landesebene.

Gehen wir davon aus, dass die Hilfen ankommen: Wie lange könnte der Handel in Mainz die aktuelle Situation noch wirtschaftlich überleben?

Wer gerade durch Mainz geht, sieht ja die Auswirkungen. Die Innenstadt ist total leblos, das muss man mal so sagen. Das können wir nur noch bedingt mitmachen, die Händler ganz genauso. Viele Einzelhändler sagen: Wir brauchen dringend eine Öffnungsperspektive – die brauchen wir eigentlich Anfang Februar. Viele fühlen sich ein Stück weit hingehalten. Wenn wir bis Ostern in dieser Situation weitermachen würden, könnten wir viele Händler verlieren.

Wir müssen uns auch fragen: Wie lange kann eine Landeshauptstadt die aktuelle Situation aushalten, diese Stille. Die Leute mögen momentan nicht in die Stadt kommen. Wenn es wärmer wird, müssen wir das Leben auch wieder in die Stadt zurückbringen und dann müssen wir zudem an Strategien arbeiten, wie wir den Einzelhandelsstandort Mainz wieder attraktiver machen können. Alles muss allerdings mit Hygienekonzepten genauestens bedacht und abgestimmt werden. Keiner will für eine Infektionsgefahr sorgen. Von all den Branchen, die jetzt geschlossen wurden, ob Friseure oder Gastronomie, ging keine Infektionsgefahr in den letzten Monaten aus. Dort wurde viel investiert und geleistet, das sollte man auch sehen. Im Frühsommer muss etwas passieren.

Könnte den Einzelhändlern geholfen werden, wenn sie in Zukunft wieder für Geimpfte öffnen dürften?

Das wäre nur sehr schwer umsetzbar. Wer will das kontrollieren? Ich denke, das würde auch zu riesigen Verwirrungen führen. Das ist, als würden nur Geimpfte den ÖPNV nutzen dürfen. Wie soll ein Bus- oder Straßenbahnfahrer das kontrollieren? Wir wünschen uns viel mehr eine klare Impfstrategie, sodass wir relativ schnell bis zum Sommer die Erstimpfungen erledigt haben und Klarheit haben.

Auch ein kurzer, dafür aber sehr harter Lockdown wird immer wieder als Idee eingebracht. Ist das aus Ihrer Sicht eine Option oder ist es dafür schon zu spät?

Ich bin der Meinung, dafür ist es zu spät. Wir müssen sehen, wie viele Monate wir schon einen Stillstand hatten – und das mit gravierenden Folgen. Das können wir jetzt nicht einfach bis in den Sommer weiterziehen, außerdem bleibt bei einem härteren Lockdown die Frage, ob dieser überhaupt die notwendigen Ergebnisse bringt.

Ich würde mir auch erlauben, den immer wieder in der Öffentlichkeit genutzten Inzidenzwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in Frage zu stellen. Dieser Wert wurde mal wissenschaftlich genannt, nun hangeln sich alle daran fest – es gibt auch andere Stimmen, die einen Inzidenzwert von 25 als Ausgangspunkt für Lockerungen fordern. Ich bin der Meinung: Wenn wir unter 100 sind, sind wir schon ein gutes Stück weiter – das entspricht auch eher der Realität. Aber ich bin kein Wissenschaftler und habe das nicht zu beurteilen.

Auch wenn das gerade schwer fallen dürfte, sehen Sie in der aktuellen Krise auch Chancen für den Handel in Mainz und Rheinhessen?

Die Beschleunigung der Digitalisierung sehe ich zum Beispiel als eine dieser Chancen. Gerade in der Kommunikation. Generell hat es wegen der Krise sehr viele Digitalkonferenzen gegeben. Wir haben beispielsweise eine digitale Berufsorientierung als Kammer aufgesetzt, um das Thema Ausbildung weiterhin vorantreiben zu können. In einer Webinarwoche konnten wir dadurch junge Menschen im vierstelligen Bereich erreichen – darauf sind wir sehr stolz. Diese neuen Möglichkeiten werden auch künftig unsere Arbeit prägen.

Die Stadt Mainz plant, bis 2035 klimaneutral zu werden (wir berichteten). Könnte das den Betrieben in Mainz einen Schub geben?

Wir diskutieren gerne über alles, aber ich bitte momentan auch um Verständnis, dass die Unternehmen erst mal wieder ihre Geschäfte hochfahren müssen. Ich denke, das wird derzeit die oberste Priorität haben. Mainz ist ein sehr exportorientierter Standort, mit 54 Prozent Exportquote, wir müssen uns zunächst im Frühjahr sammeln. Wenn das geschehen ist, wird sich denke ich auch jedes Unternehmen dazu bereiterklären, das Thema Klima wieder aufzurufen.

Vielen Dank für das Gespräch, Günter Jertz.

Das Interview führten Michael Meister und Peter Kroh.

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