Viele „Corona-Patienten“ offenbar nicht wegen Corona im Krankenhaus

Bis vor Kurzem war die sogenannte Hospitalisierungs-Inzidenz noch der wichtigste Wert für Lockerungen oder Verschärfungen. Zuletzt verlor sie an Bedeutung. Doch wie zuverlässig ist der Wert überhaupt?

Viele „Corona-Patienten“ offenbar nicht wegen Corona im Krankenhaus

Sie gilt als eine der wichtigsten Parameter in der Corona-Pandemie: die Hospitalisierungs-Inzidenz. Noch bis vor Kurzem wurden an dem Wert sogar neue Einschränkungen festgemacht. So einigten sich Bund und Länder Ende November darauf, ab einer Hospitalisierungs-Inzidenz über 3 die 2G-Regel einzuführen. Sollte der Wert über 6 steigen, müssten auch Geimpfte oder Genesene einen aktuellen Testnachweis vorlegen (2Gplus). Obwohl der Wert in Rheinland-Pfalz nie über 6 lag, galt hier dennoch in vielen Bereichen die 2Gplus-Regel. Doch wie zuverlässig ist überhaupt die Hospitalisierungs-Inzidenz?

Recherchen von „Welt“ und „Bild“ kommen zu dem Ergebnis, dass viele „Corona-Patienten“ gar nicht wegen Corona in der Klinik liegen – und dennoch in die Statistik mit einfließen. „Rheinland-Pfalz meldete am 22. Dezember, dass in den vergangenen sieben Tagen 139 Patienten mit einem positiven Corona-Test hospitalisiert wurden – und daher auch als Corona-Patienten gezählt werden“, schreibt „Bild“. „Tatsächlich wissen die Behörden nur von 55 Fällen (40%), in denen Corona auch der Grund für die Krankenhaus-Einweisung war.“ Dennoch flössen alle als Corona-Patienten gemeldeten Fälle in die Hospitalisierungs-Inzidenz ein. Und das, obwohl das Robert-Koch-Institut verlange, dass nur Fälle gezählt werden sollen, „die aufgrund ihrer Covid-19-Erkrankung hospitalisiert wurden“.

Das sagt das Gesundheitsministerium

Das Ergebnis der Recherche streitet eine Sprecherin des Landesgesundheitsministeriums nicht ab. Auf Merkurist-Anfrage heißt es: „Bei der Berechnung der 7-Tage-Hospitalisierungsinzidenz wird der Grund für die Hospitalisierung nicht berücksichtigt, da diese Informationen nicht immer vollständig und valide vorliegen.“ Bei der Gruppe der hospitalisierten Personen handele es sich um eine sehr „heterogene Gruppe“, was Aufnahmegründe und Verläufe betreffe.

Entscheidungen über die Aufnahme seien nicht immer an die Schwere der Erkrankung geknüpft, so die Sprecherin. Das betreffe etwa junge Kinder oder ältere Erwachsene zur Beobachtung. „Meldepflichtig gemäß Infektionsschutzgesetz ist jede Hospitalisierung in Bezug auf COVID-19. Das bedeutet, dass der Grund der Aufnahme in Zusammenhang mit der COVID-19-Erkrankung steht, aber ein direkter kausaler Zusammenhang zum Zeitpunkt der Meldung noch nicht hergestellt werden muss.“ Der Grund für dieses Vorgehen: „Dies soll eine niedrigschwellige, zügige und aufwandsarme Meldung gewährleisten.“

Werde bei Aufnahme der betroffenen Person jedoch deutlich, dass die Krankenhausaufnahme in keinem Zusammenhang mit der COVID-19-Diagnose stehe, etwa bei einem Verkehrsunfall, dann bestehe keine Meldepflicht. Das Landesuntersuchungsamt veröffentlicht jede Woche einen ausführlichen Bericht, unter anderem mit den Zahlen zur Hospitalisierung. Dabei wird auch unterschieden, ob Personen „mit“ oder „aufgrund von“ Corona ins Krankenhaus eingeliefert wurden.

Welche Rolle spielt der Wert noch?

Doch spielt die Hospitalisierungs-Inzidenz überhaupt noch eine Rolle? Zuletzt wurden bundesweit und auch in Rheinland-Pfalz die Maßnahmen mit Blick auf die Omikron-Variante verschärft – unabhängig von der Sieben-Tage-Inzidenz oder der Hospitalisierung. So dürfen sich ab Dienstag nur noch zehn geimpfte Personen im öffentlichen Raum treffen, Clubs wurden bereits geschlossen. In Rheinland-Pfalz liegt die Hospitalisierungs-Inzidenz seit drei Tagen wieder unter 3, Lockerungen scheinen aber nicht in Sicht.

Die Sprecherin des Gesundheitsministeriums sagt: „Die Hospitalisierungs-Inzidenz ist ein wichtiger Parameter, um das Infektionsgeschehen zu beurteilen – aber nicht der einzige. Gerade in Bezug auf Omikron muss man die mittelfristige Entwicklung sehr genau beobachten, bevor aus einer rückläufigen Hospitalisierungsinzidenz vorschnell Lockerungen erfolgen.“

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