Hund im Auto eingesperrt: Darf man die Scheibe einschlagen?

Fachanwalt Tarik Karabulut erklärt, welche Strafen beim Einschlagen der Scheibe drohen, wie Eltern oder Tierhalter bestraft werden und wie man im Notfall am besten vorgeht.

Hund im Auto eingesperrt: Darf man die Scheibe einschlagen?

Vergangenen Samstag in Bingen: Polizisten mussten die Scheibe eines geparkten Autos einschlagen, weil sich darin ein Hund befand. Bei Temperaturen von knapp unter 30 Grad drohte das Tier qualvoll zu sterben (wir berichteten). Denn gerade wenn die Außentemperaturen sich um die 30-Grad-Marke bewegen, kann die Temperatur in abgestellten Autos für Menschen und Tiere schnell zur Bedrohung werden. Doch wie soll man als Passant reagieren, wenn Tiere oder Kinder in einem überhitzten Auto eingesperrt sind?

Wie der Mainzer Polizeisprecher Rinaldo Roberto gegenüber Merkurist sagt, würde es Einsätze wie den vergangene Woche in Bingen in den Sommermonaten häufiger geben. Wann Passanten eine Scheibe einschlagen müssten, könne man allgemein nicht sagen, so Roberto. „Das muss immer von Fall zu Fall bewertet werden.“ Definitiv sollte aber die Polizei informiert werden.

Das sagt ein Fachanwalt

Das sieht der Mainzer Fachanwalt für Strafrecht, Tarik Karabulut, ähnlich. Die Frage, wann eine Autoscheibe ohne juristische Konsequenzen eingeschlagen werden darf, ließe sich so pauschal nicht beantworten. „Derjenige, der die Scheibe eines Fahrzeugs einschlägt, begeht eine Sachbeschädigung und damit eine Straftat“, so Karabulut. Die Person könnte also straf- und zivilrechtlich belangt werden. Ausnahme: Das Einschreiten war gerechtfertigt, oder es bestand sogar eine Verpflichtung zum Einschreiten.

Ist also ein Tier oder ein Kind im heißen Auto einer „akuten Gefährdungslage“ ausgesetzt, kann das Einschlagen der Scheibe gerechtfertigt sein. Wichtig ist dabei aber die Frage, ob für das Tier oder das Kind Gesundheits- oder Todesgefahr bestanden hat und ob „Hilfe auf andere Weise nicht zu holen gewesen ist“. Karabulut erklärt: „Insoweit handelt es sich um sogenannte Rechtfertigungsgründe. Eine Person erfüllt zwar den Tatbestand einer Straftat oder unerlaubten Handlung. Sie wird hierfür aber nicht zur Verantwortung gezogen, weil ihr Handeln gerechtfertigt gewesen ist.“ In diesem Fall müsste der „Täter“ auch nicht für den entstandenen Sachschaden aufkommen.

„Es sollte auch zunächst der Versuch unternommen werden, den Fahrer ausfindig zu machen.“ - Tarik Karabulut

Voreilig handeln sollte man jedoch nicht: „Es sollte auch zunächst der Versuch unternommen werden, den Fahrer ausfindig zu machen. Vor dem Einschlagen der Scheibe sollte auch die Polizei kontaktiert werden.“ Die Situation mit Handyfotos oder -videos festzuhalten, oder Zeugen hinzuzuholen, hilft laut Karabulut ebenfalls.

Im Falle eines im Auto zurückgelassenen Kindes sei man als Passant sogar zum Einschreiten verpflichtet. Andernfalls könnten eine „unterlassene Hilfeleistung“ vorliegen. Wer nicht jede mögliche und zumutbare Hilfe leistet, macht sich schuldig. „Die Vorschrift soll meiner Einschätzung nach auch bei Sachgefahren gelten. Tiere sind zwar keine Sachen, werden im Strafrecht jedoch als solche gewertet. Es ist von daher nicht auszuschließen, dass die Vorschrift auch insoweit Anwendung finden würde“, so Karabulut.

Welche Strafen drohen?

Und welche Strafen drohen den Eltern oder Tierhaltern in diesem Fall? „Eltern, die ihr Kind intensiver Hitze aussetzen, sodass es leidet, müssen damit rechnen, wegen fahrlässiger – wenn nicht sogar vorsätzlicher - Körperverletzung zur Verantwortung gezogen zu werden.“ Dann drohen empfindliche Strafen. „Die fahrlässige Körperverletzung ist mit Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bedroht – die vorsätzliche Körperverletzung im Extremfall sogar mit Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren.“

Im Falle eines Tierhalters könnten die Strafen dagegen milder ausfallen. Denn sollte der Halter „gedankenlos“ handeln, würde er lediglich eine Ordnungswidrigkeit begehen. „Die Ordnungswidrigkeit wird mit einer Geldbuße von bis zu 25.000 Euro geahndet“, sagt Karabulut. Das Verhalten könnte aber auch den Tatbestand einer Straftat nach dem Tierschutzgesetz erfüllen. „Die Tierquälerei wird mit Geldstrafe oder Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren bedroht.“ (df)

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