Als die Straßenbahn noch durch die Augustinerstraße fuhr

Mit der Linie 59 zwischen Bretzenheim und dem Zollhafen geht im Frühjahr 2017 die fünfte Mainzer Straßenbahnlinie in Betrieb. Doch es waren sogar schon einmal deutlich mehr: 1950 gab es ganze neun Straßenbahnlinien in Mainz. Was aus ihnen wurde.

Als die Straßenbahn noch durch die Augustinerstraße fuhr

Nachdem im Dezember die Mainzelbahn eröffnet wurde und im Frühjahr der Zollhafen an das Schienennetz angebunden wird, könnte das Mainzer Straßenbahnnetz in einigen Jahren mit der Citybahn nach Wiesbaden weiter wachsen. Historisch betrachtet ist das nichts Besonderes, wie der Verein „Mainzer Straßenbahnfreunde“ berichten kann: 1950 erstreckten sich neun Straßenbahnlinien auf insgesamt 31 Kilometer durch die Stadt. Die größte Ausdehnung hatte das Netz zu Zeiten der Weimarer Republik erreicht: 1927 verliefen 35 Kilometer Gleise durch Mainz. Heute umfasst das Streckennetz wieder 29 Kilometer.

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Die Straßenbahn in der Innenstadt

Aus heutiger Sicht ist es kurios, aber die Bahn fuhr in den 50er-Jahren sogar mitten durch die Innenstadt: Selbst in der Augustinerstraße waren Gleise. Der Liniennetzplan aus dem Jahr 1950 zeigt, dass das Streckennetz weit verzweigt war und jeden der damaligen Stadtteile an die Gleise anband. Ebenso verlief eine Trasse parallel zum Rheinufer und entlang der Kaiserstraße führte eine Bahn direkt an der Christuskirche vorbei. Zusätzlich zu den Bahnen gab es ab 1946 für gut 20 Jahre Oberleitungsbusse, die als besonders umweltfreundlich, aber auch sehr teuer gelten.

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Straßenbahnen galten in den 60ern als veraltet

Nach dem Krieg war die Straßenbahn noch ein wichtiges Verkehrsmittel, doch mit dem Wirtschaftswunder verlor der ÖPNV im Laufe der späten 50er und 60er-Jahre an Bedeutung, denn Autos waren nun für jedermann erschwinglich. Entsprechend wurde die Infrastruktur der Städte angepasst: Das Straßennetz wurde erweitert und ausgebaut, die Gleise mussten weichen. Doch nicht nur der Autoverkehr machte den Bahnen zu schaffen, erzählt Reinhard Halbritter von den Mainzer Straßenbahnfreunden. Teilweise waren auch persönliche Abneigungen schuld: So verweigerte der Wiesbadener Polizeipräsident als erklärter Straßenbahngegner der Strecke nach Kostheim die Genehmigung, weshalb sie 1958 stillgelegt werden musste.

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Im Laufe der Jahre fristete die Straßenbahn ein wechselhaftes Dasein: Erst im Jahr 1977 kam es wieder zu einer Erweiterung des Netzes, als die Finthener „Römerquelle“ angebunden wurde. 1993 beschloss der Stadtrat dann, dass in Zukunft die Hauptverkehrslast bei den Bahnen liegen sollte, doch schon 1994 war dieser Plan wieder hinfällig. Der neu gewählte Stadtrat plante sogar die Straßenbahn komplett abzuschaffen, nur mit einer Stimme Mehrheit wurde ihr Erhalt beschlossen. Erst in den 2000er-Jahren kam langsam wieder ernsthaftes Interesse an der Straßenbahn auf.

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Historisches Vorbild

Das heutige Mainzer Straßenbahnnetz folgt in Teilen seinem historischen Vorbild: So war beispielsweise die Universität bis 1956 an das Schienennetz angebunden – erst 60 Jahre später konnte das mit der Inbetriebnahme der Mainzelbahn wieder erreicht werden. Die Citybahn nach Wiesbaden ist ebenfalls keine neue Idee, schon 1886 verkehrten Bahnen über den Rhein. Zunächst noch von Pferden gezogen, wurden sie ab 1904 elektrisch betrieben. Nachdem die Rheinbrücke 1950 als Theodor-Heuss-Brücke wiedereröffnet worden war, verkehrte wie seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Straßenbahnlinie 6 nach Wiesbaden und die Linie 9 nach Biebrich-Schierstein. Die Bahnen wurden 1955 durch Busse ersetzt, aber die Liniennummern blieben bis heute bestehen.

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Die Straßenbahn feiert ein Comeback

Das historische Konzept der Straßenbahn dürfte für heutige Städteplaner nahezu perfekt wirken: Zubringerbusse sollten die Fahrgäste bis an den Rand der Stadt befördern und innerhalb der Stadt sollte der Transport komplett durch die Bahnen erfolgen, erklärt Reinhard Halbritter von den Straßenbahnfreunden Mainz. In einer Zeit, in der Umweltschutz noch kein Thema war, funktionierte der Nahverkehr bereits weitgehend emissionsfrei.

Das ist auch der wesentliche Grund, warum die Mainzer Verkehrsgesellschaft (MVG) beschloss, wieder verstärkt auf die Straßenbahn zu setzen: „Sie verbraucht weniger Energie pro gefahrenem Kilometer“, erklärt MVG-Pressesprecher Michael Theurer. Zudem könnten pro Fahrt mehr Passagiere befördert werden und das Fahren empfänden viele Passagiere als komfortabler. Nach MVG-Angaben übernimmt die Straßenbahn heute knapp 30 Prozent des gesamten Passagieraufkommens in Mainz. Damit ist sie wieder ein wichtiges Verkehrsmittel – so wie es bis in die späten 50er-Jahre der Fall war.

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