Einzelhändlerinnen: „Wenn wir jetzt keine Hilfen bekommen, wird die Innenstadt bald tot sein“

Die beiden Mainzer Einzelhändlerinnen Jana Blume und Sophia Kern haben lange nicht öffentlich über ihre persönliche Lage in der Corona-Krise gesprochen. Jetzt teilen sie ihre Ängste bei Instagram und hoffen auf Hilfe.

Einzelhändlerinnen: „Wenn wir jetzt keine Hilfen bekommen, wird die Innenstadt bald tot sein“

Wenn Jana Blume und Sophia Kern ihre Läden in der Mainzer Innenstadt aufschließen, dann schon lange nicht mehr, um Kunden zu begrüßen. Sowohl Janas Vintage-Modeladen in der Fischtorstraße „Jana Blume Vintage“ als auch Sophias Blumenladen „Sophia Kern Floral Design“ dürfen wegen des Lockdowns nicht regulär öffnen. Lange haben beide ihren Frust darüber zurückgehalten. Vor Kurzem entschieden sie sich aber dafür, ihn online mit den Mainzern zu teilen. In ihren emotionalen Instagram-Posts geht es um Existenzängste und Wut - aber auch darum, was sie und viele andere Einzelhändler jetzt brauchen, um überleben zu können.

„Ich hab das Gefühl, ich hab gar nix mehr im Griff.“ - Sophia Kern

„Selbstständig sein ist manchmal echt anstrengend, aber ich fand’s immer mega. Ich hatte immer das Gefühl, ich hab’s im Griff und wenn mal was nicht lief, wusste ich, wenn du jetzt durchpowerst, kriegst du das in die richtige Richtung - jetzt ist das nicht mehr so“, schreibt Sophia in ihrer Instagram-Story. „Ich hab das Gefühl, ich hab gar nix mehr im Griff.“ Die 25-Jährige kann ihre Blumen und Pflanzen aktuell nur zum Abholen und Liefern anbieten. Damit gehe es ihr zwar besser, als Händlern, die gar keine Umsätze mehr machen können, trotzdem brauche sie dringend Hilfe oder die Aussicht auf Öffnung.

„Würde ich mich nicht selbst kümmern und hätte ich nicht ein paar gute Kontakte, könnte ich mein Geschäft auch zumachen, weil vom Staat tatsächlich nichts kommt.“ Sie selbst bekäme keine Hilfen, weil die Voraussetzungen dafür nicht auf sie zutreffen würden und sie derzeit noch Umsätze machen kann. „Meine monatlichen Kosten von mindestens 10.000 Euro im runtergefahrenen Betrieb muss ich trotzdem zahlen. Selbst wenn ich was bekomme, deckt das lange nicht meine privaten Kosten, sondern nur Teile der betrieblichen Kosten. Als ob ich in der Firma leben würde.“ Sie ist enttäuscht, weil scheinbar niemand ihre Sorgen und die ihrer Kollegen aus dem Einzelhandel hören will. „Eigentlich hab ich allgemein ziemlich viele Fragen, aber keine einzige Antwort.“

Finanzielle Hilfen kommen nicht an

Ganz ähnlich geht es Jana. „Sophia hat mich so beflügelt, den Mut zu haben, den Mund aufzumachen, ich hoffe, andere tun es auch“, sagt sie in ihrem Instagram-Video. Sie würde gerne einen Online-Shop aufbauen, mit dem sie jetzt aber auch in der Zeit nach dem Lockdown Umsätze machen kann. Dafür sollte es eigentlich finanzielle Hilfen vom Land geben, bisher sei sie aber immer vertröstet worden, wenn sie nach einem Antrag fragte. Auch die aktuellen staatlichen Überbrückungshilfen konnte sie noch nicht beantragen. Damit ist sie kein Einzelfall, wie IHK-Chef Günter Jertz vor Kurzem in einem Merkurist-Interview erklärte. Bei vielen Unternehmern kämen staatliche Hilfen aktuell nicht an, weil es auf bundesebene Kommunikations- und Softwareprobleme gäbe.

„Wie kann das sein? Corona ist seit über einem Jahr existent, es ist ganz klar, dass wir schon so oft unsere Läden schließen mussten, wir müssen trotzdem weiterhin unsere Miete und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zahlen“, sagt Jana dazu. „Die Hütte brennt bei mir, ich kann nicht mehr warten. Ich brauche Hilfe“. Sich selbst zahle sie schon lange kein Gehalt mehr und auch die Miete bezahle sie aus Reserven, die bald aufgebraucht sein werden. „Ich finde es erschöpfend, wirklich alles zu geben und geben zu wollen, weil das was wir tun, das lieben wir. Aber es kommt irgendwie nichts dabei rum.“

„Was ich jetzt schon mitbekomme, wer alles in der Mainzer Innenstadt schließen wird, das ist erschreckend.“ - Jana Blume

Beide Mainzerinnen wollen auch, dass das Virus eingedämmt wird und möchten aktiv dabei helfen. Dennoch müsse abgewägt werden. „Ich bin die Erste, die noch einen Monat komplett zuhause bleibt, wenn es gewünscht wird, solange ich nicht Angst haben muss, meine Existenz zu verlieren“, erklärt Sophia. „Was ich jetzt schon mitbekomme, wer alles in der Mainzer Innenstadt schließen wird, das ist erschreckend“, sagt Jana. „Deshalb: Bitte weiterhin lokal einkaufen, bei den Apotheken, bei den Optikern, bei dem Antiquariat nebenan und und wenn es nur Glühbirnen sind beim Lichtladen bei mir um die Ecke. Das ist ganz wichtig, weil wenn das nicht passiert, wird die Innenstadt bald tot sein.“

Logo