Nimmt der Hass im Internet zu?

Ein Gespräch mit der Medienforscherin Liane Reiners zu ausufernden Diskussionen, hunderten von Kommentaren und gezielten Provokationen im Netz.

Nimmt der Hass im Internet zu?

Kommentare, Hinweise, kritische Beiträge und öffentliche Anteilnahme: Als digitales Lokalmedium lebt Merkurist von der Interaktion mit seinen Lesern. Sie können Themen erstellen, kommentieren direkt unter den Artikeln oder in den Social-Media-Kanälen Facebook, Twitter und Instagram. Teilweise erhalten Beiträge mehrere hundert Kommentare, vor allem bei strittigen Themen. Doch manchmal läuft die Mitwirkung auch aus dem Ruder, Nutzer beleidigen sich gegenseitig, beschimpfen und verunglimpfen sich. Auch kommt es vor, dass sogenannte „Flame“-Kommentare abgegeben werden: Trolle zielen darauf ab, andere zu provozieren und Diskussionen zu entfachen.

Die Mainzer Medienforscherin Liane Reiners arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Publizistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Als einer ihrer Forschungsschwerpunkte untersucht sie die Erscheinungsformen und Auswirkungen von Hate Speech sowie Stereotype und Vorurteile gegenüber sozialen Gruppen. Dazu versuchen sie und ihr Team auch Antworten darauf zu finden, wer häufig zur Zielscheibe von negativen bis hin zu hasserfüllten Kommentaren wird. Dabei geht es auch um die Frage, welche Rolle Trolle hier spielen. Im Merkurist-Gespräch erklärt sie, wie sich das Nutzerverhalten im Internet inzwischen verändert hat und wie man mit Hasskommentaren umgehen kann.

Merkurist: Frau Reiners, Sie untersuchen verschiedene Medien, auch online. Wie hat sich der Umgang der Nutzer im Internet geändert?

Liane Reiners: Generell ist die Kommunikation und Interaktion mit den Lesern oder Nutzerinnen auf Social-Media-Plattformen immer wichtiger geworden und das prägt natürlich auch die Debattenkultur. Mir ist zum einen aufgefallen, dass im Laufe der Zeit immer mehr Ressourcen und Energie in das sogenannte „Community Management“ gesteckt wurden. Wo früher also vielleicht eine Person noch parallel die Onlinediskussionen im Blick hatte, gibt es inzwischen überall Netiquetten und Richtlinien für die Diskussionen und es haben sich feste Strukturen etabliert. Das heißt, es gibt zum Beispiel eine Person, die den Social-Media-Dienst übernimmt oder aber neu geschaffene Abteilungen oder Teams, die sich um ihre Community online kümmern.

Welche Auswirkungen haben Hasskommentare auf die Nutzer und den Journalismus?

Abgesehen von den negativen Auswirkungen, die Hate Speech natürlich direkt für Betroffene hat, gibt es eine weitere Folge von Hate Speech mit Blick auf den öffentlichen Diskurs. So zeigen Befragungen, zum Beispiel vom „Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft“ in Jena, dass sich über die Hälfte der befragten Personen angesichts von Hate Speech in Online-Diskursen seltener zu ihrer politischen Meinung bekennen wollen oder weniger an Diskussionen im Netz teilnehmen. Das ist dann gefährlich, wenn verstärkt Personen mit radikaleren Positionen das Feld überlassen wird. Wichtig anzumerken ist aber, dass sich weitaus weniger Personen aktiv an Onlinediskussionen beteiligen als viele annehmen. Man sollte diese also nicht per se als Stimmungsbarometer heranziehen.

Welche Rolle spielen Trolle in den Kommentarspalten, also Kommentierende, die gezielt Diskussionen provozieren?

Manche Themen polarisieren Personen sicherlich mehr als andere, weil sie direkte Auswirkungen auf ihren Alltag haben und aber ein persönliches Involvement vorhanden ist. Bei Twitter kann man – zum Bespiel immer wieder im Kontext von Corona – beobachten, dass sich unter bestimmten Hashtags dann zahlreiche andere Nutzer und Nutzerinnen zu Wort melden und die gleichen Hashtags verwenden.

Wie erkennt man, ob es sich um Trolle handelt?

Die empirische Messung beziehungsweise Überprüfung, ob es sich um Trolle oder aber um normale User handelt, ist gar nicht so einfach. Bezogen auf organisierte Hasskommentare online gab es 2018 eine Studie vom „Institute for Strategic Dialogue“. Sie haben bei ihrer Analyse von Facebook-Diskussionen bei großen Medienseiten herausgefunden, dass es vor allem eine laute Minderheit (hier: 5 Prozent) ist, die hochaktiv und beispielsweise für die Hälfte der Likes von hasserfüllten Kommentaren verantwortlich ist.

Welche Strategien gibt es bei den Medien im Umgang mit Kommentaren?

Das ist unterschiedlich. Teils werden Kommentarbereiche nach einer bestimmten Zeitspanne oder Anzahl an Kommentaren geschlossen oder nur bei bestimmten Artikeln oder Themen freigeschaltet, weil nicht die Ressourcen vorhanden sind, um die Vielzahl an Kommentaren zu sichten und zu moderieren. Andere setzen auf technische Lösungen wie zum Beispiel die Verwendung bestimmter Filter. Die funktionieren dann ähnlich wie Spamfilter in unseren Mailprogrammen und blockieren dann zum Beispiel automatisiert Kommentare, die bestimmte (Schimpf-)Worte enthalten. Das kann jedoch seitens der Nutzer und Nutzerinnen durch eine veränderte Schreibweise schnell umgangen werden.

Welche Medien fallen in Ihr Forschungsgebiet?

Generell interessiere ich mich in meiner Forschung für unterschiedliche Plattformen. Im Rahmen des Projekts haben wir jedoch Kommentarspalten auf den Seiten von Nachrichtenmedien untersucht, die zwischen denen in Deutschland und Frankreich vergleichbar sind, zum Beispiel „Die Zeit“ und „Le Monde“. Bei der Analyse schauen wir uns aber nicht nur etablierte Medien an, sondern auch Angebote von sogenannten „alternativen“ Medien. Wir werten hier beispielsweise aus, welche Rolle unterschiedlichen Medien oder Themen auf den Ton der Diskussion haben oder welche Personen(gruppen) mit welchen Vorwürfen oder Beleidigungen konfrontiert werden.

Wie sollte man mit Hasskommentaren und Trollkommentaren umgehen?

Meiner Meinung nach muss man hier nach dem Inhalt der Kommentare unterscheiden. Handelt es sich um Hate Speech oder um einen Trollkommentar, der nur Aufmerksamkeit generieren möchte? Bei letzterem sorgt die Interaktion vielleicht erst dafür, dass ein solcher Kommentar Aufmerksamkeit erlangt. Gerade bei diskriminierenden und menschenverachtenden Kommentaren finde ich persönlich Gegenrede jedoch sehr wichtig – als Signal für die Betroffenen, aber auch, damit ein öffentlicher Gegenpol sichtbar ist und der Hasskommentar nicht alleine stehen bleibt. Prinzipiell ist es sinnvoll, die Diskussion sachlich weiterzuführen. Dazu gehören beispielsweise Hinweise auf die Netiquette oder aber faktenbasierte Antwortkommentare. Nutzer und Nutzerinnen, die vielleicht selbst nicht die Zeit haben, sich aktiv in Diskussionen zu beteiligen, können beispielsweise entsprechende Gegenkommentare mit einem Like unterstützen und so für mehr Sichtbarkeit sorgen.

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