Was hat Mainz mit Amiens, Prag, Krakau und Charkiw im Osten der Ukraine gemeinsam? Alle genannten Orte liegen auf dem 50. Grad nördlicher Breite. In Mainz ist er sogar markiert – allerdings nicht da, wo er eigentlich hingehört. StadtführungenBuchen
Alles begann damit, dass vor über 90 Jahren der Mainzer Stadtvermesser Philipp Schadt und sein Mitarbeiter und Nachfolger im Amt Jakob Steuernagel sich Gedanken darüber machten, ob der Mainzer Dom wirklich, wie seinerzeit immer wieder behauptet, exakt von West nach Ost ausgerichtet ist. Wie sie herausfanden, weicht die Achse des Domes um etwa 12 Grad gegen den Uhrzeigersinn von der West-Ost-Ausrichtung ab. Diesen Befund untermauerte auch die im Rahmen einer hessen-darmstädtischen Landesvermessung ermittelte genaue Lage der beiden Türme. Nebenbefundlich stellte man dabei fest, dass der 50. Grad nördlicher Breite den Domsgickel auf der Westturmspitze nur um läppische 96 Zentimeter verfehlt.
„Um eine Sehenswürdigkeit reicher“
Besser geht’s nicht, dachte man sich bei der Stadtverwaltung. Was Freiburg und Karlsruhe können, nämlich den 48. beziehungsweise 49. Breitengrad mit einem Bodendenkmal zu kennzeichnen, können wir mit dem 50. in Mainz auch. Ein passender Ort für die Kennzeichnung war schnell gefunden. Dank der nun bekannten Koordinaten der beiden Domtürme war klar: Der 50. verläuft schräg über den Gutenbergplatz.
Am 20. August 1935 war es dann soweit. In glühender Sonnenhitze setzten Mitarbeiter des Stadtbauamtes seitlich neben dem Gutenbergdenkmal eine mehrere Meter lange, präzise auf den Hauptturm des Domes weisende Messingleiste mit der Beschriftung „50. Grad nördlicher Breite“ ins Trottoir ein. Am nächsten Tag folgte auf der Theaterseite des Platzes die Verlängerung in gleicher Weise. Mainz war „um eine Sehenswürdigkeit reicher, die ihr weder von Wiesbaden noch von Frankfurt streitig gemacht werden kann“.
Der Breitengrad zieht um
1963 wurde die Ludwigsstraße neugestaltet. Auch der Gutenbergplatz erhielt bei der Gelegenheit ein neues Aussehen. Das kurze Sträßchen, das bis dahin hinter dem Gutenbergdenkmal einen Halbkreis geschlagen hatte, verschwand, der gesamte Platz wurde mit Platten ausgelegt. Auch Gutenberg musste um neun Meter umziehen.
Mit Gutenbergs jahrelangem treuen Begleiter, dem 50. Breitengrad, den man bei der Umgestaltung natürlich auch hatte entfernen müssen, ließ man sich etwas mehr Zeit. Der alte Breitengrad hatte aus mehreren mit Asphalt ausgegossenen Messingstreifen bestanden. Der neue sollte schöner und haltbarer werden.
Man experimentierte mit verschiedenen Ideen und Materialien. Der Vorschlag, ihn mit Spezialglasplatten auszulegen und von unten anzustrahlen, wurde verworfen, weil zu teuer. Letztlich entschied man sich für Terrazzoplatten mit Messingeinfassung, Kosten knapp 25.000 DM. Die Beschriftung blieb die gleiche wie zuvor: „50. Grad nördlicher Breite“. Für Geografie-Laien kam aber ein stilisierter Globus mit eingezeichnetem 50. Breitengrad hinzu. Angefertigt wurde das Ensemble in der Gonsenheimer Werkstatt von Richard Häuser.
Nach zwei Jahren lag der Breitengrad im Juli 1965 endlich wieder an Ort und Stelle, lediglich wie das Gutenberg-Denkmal um einige Meter nach hinten versetzt. Unkenrufe eines besorgten Zeitungslesers, er werde künftig aufgrund von Satelliten-Neuvermessungen „nicht mehr durch Mainz, sondern Sörgenloch“ verlaufen, hatten sich offensichtlich nicht bestätigt. Dabei lag Herr „W. D.“ gar nicht einmal völlig falsch, wie sich zehn Jahre später herausstellen sollte.
Knapp vorbei ist auch daneben
Im Sommersemester 1975 beschäftigte sich Hans Brost, angehender Vermessungsingenieur an der Fachhochschule I in seiner Abschlussarbeit, für die ihn die Stadt Mainz ein Jahr später mit dem Gutenberg-Stipendium auszeichnete, mit der „Überprüfung des 50. Breitengrades“. Mehrere Monate lang, von Mai bis Oktober checkte er mit Hilfe eines HP-45, einem der ersten wissenschaftlichen Taschenrechner, die Lage des Breitengrades.
Zum einen rechnerisch, indem er das geodätische Netz der Bundesrepublik mit dem geographischen der gesamten Erde abglich. Weiter maß er die verschiedenen Höhenwinkel zum Fixpunkt Polarstern. Und zu guter Letzt peilte er Abend für Abend mit einem im Winkel von exakt 60 Grad eingestellten Astrolabium etwa 50 Sterne an, die Zeit stoppte er dabei mit dem AFN-Zeitzeichen und einer Quarzuhr.
Das Resultat ließ keinen Zweifel: Der Breitengrad auf dem Gutenbergplatz liegt falsch. Bei den früheren Berechnungen, so Brosts Feststellung, seien durch die ungleichmäßige Verteilung der Massenverteilung der Erde bedingte Lotabweichungen im mathematischen Modell nicht berücksichtigt worden. Tatsächlich müsse er „um etwa 90 m nach Norden verschoben“ und im Übrigen auch um 1' 20" nach Norden verschwenkt werden, damit er genau in Ost-West-Richtung verlaufe.
„Es ist doch eine Marketingsache“
Die vorerst letzte Chance zur Korrektur ergab sich Ende der 1990er, als die Ludwigsstraße vom Schillerplatz bis zum Höfchen über einen Zeitraum von zwei Jahren nochmals umgestaltet wurde. Viele Mainzer werden sich erinnern, wie dabei am 25. März 1998 in aller Herrgottsfrühe trotz heftiger Bürgerproteste 16 große Platanen am Gutenbergplatz einem vom damaligen Baudezernenten Norbert Schüler veranlassten Kettensägenmassaker zum Opfer fielen, von dem sich der Platz in seiner steinernen Ödnis bis heute nicht erholt hat.
Auch der 50. Breitengrad musste während des Umbaus entfernt werden. Man nutzte die Gelegenheit, um nach Zwischenlagerung im Betriebshof des Tiefbauamtes die Lettern und Schienen blitzblank zu putzen und die rissige Weltkugel zu reparieren. Anschließend fräste man alles in die am Gutenbergplatz neu verlegten „Rosa Dante“-Natursteinplatten ein und versetzte sie mitsamt dem Gutenberg-Denkmal nun wieder um einige Meter nach vorne, wo sie sich bereits bis 1963 befunden hatten. Was den Breitengrad angeht, wider besseres Wissen, aber reinen Herzens am falschen Ort: Wenn die Stadt den Breitengrad darstellen wolle, hieß es, dann „idealerweise am Gutenbergplatz“ – das sei doch eine Marketingsache. Zumindest wurde er länger, da die Fahrbahn in der Platzmitte nun etwa sechs Meter schmaler war.
Vom Aliceplatz zum Marinedenkmal
Mag der Breitengrad auch falsch liegen – das stört uns Mainzer nicht, eine gewisse Fehlertoleranz anderen und vor allem uns selbst gegenüber ist uns seit jeher zu eigen. Man denke nur an die 2000-Jahr-Feier 1962. Und was sind schon ein paar Meter Abweichung im globalen Maßstab? Das berühmte Bodendenkmal des „Prime Meridian“ (Nullmeridian) im Londoner Stadtteil Greenwich weicht ebenfalls circa 100 Meter von seiner heute mit modernen Methoden definierten Lage ab.
Fairerweise sollte man allerdings anmerken, dass der „nullte Längengrad“ anders als die auf den Äquator und damit auf die Drehachse der Erde bezogenen Breitengrade keine physikalische Grundlage hat, sondern auf einer internationalen Konferenz 1884 willkürlich festgelegt wurde.
Ja, und wo befindet sich der 50. Breitengrad denn nun tatsächlich? Nach aktuellen GPS-Daten durchquert er von Westen aus vom Aliceplatz kommend das Telehaus am Münsterplatz und den Erbacher Hof und verfehlt ganz knapp St. Emmeran. Kunden des Rewe am Kronberger Hof stehen, sicher ohne es zu wissen, genau darauf. Dann zieht er sich längs durchs Kleine Haus des Theaters, schneidet die Südwestecke der Alten Universität und überquert die Schöfferstraße.
Weiter geht es durch das Brandzentrum. Das Heilig-Geist verpasst er hauchzart, aber dafür hat man den Stolperstein von Anna Seghers’ Mutter Hedwig Reiling am Fischtorplatz fast zentimetergenau auf dem 50. verlegt. Ein paar Dutzend Meter südlich vom Marinedenkmal verlässt er schließlich die Landeshauptstadt und geht baden.
Hans Brost, der seit 30 Jahren sein eigenes Vermessungsbüro mit sechs Mitarbeitern in Nochern gleich hinter der Loreley betreibt, ist übrigens fest entschlossen, „bei nächster Gelegenheit die Überprüfung nochmals mit den modernen Methoden vorzunehmen“. Der hier gekürzte Text des Mainzer Gästeführers Lothar Schilling ist zuerst in „MAINZ Vierteljahreshefte“, Ausgabe 2026/3, erschienen.