Sport-Drama: So verpasste ein 22-Jähriger den Sieg beim Halbmarathon

Ein völlig unbekannter Läufer gewinnt am Sonntag den Halbmarathon beim Gutenberg-Marathon in Mainz - glaubt er zumindest. Denn 200 Meter vor dem Ziel dreht er jubelnd ab und verspielt den Sieg. Wie konnte das passieren?

Sport-Drama: So verpasste ein 22-Jähriger den Sieg beim Halbmarathon

Selama Amariam Estopia, 22, wird wohl für immer in die Geschichte des Mainzer Gutenberg-Marathons eingehen. Dabei lief der junge Mann beim Halbmarathon am Sonntag lediglich auf Position 29 über den Zielstrich (wir berichteten). Doch lange Zeit hatte es so ausgesehen, als würde dem völlig unbekannten Läufer eine Sensation gelingen. Was dann folgte, war ein echtes Sport-Drama.

Hans-Peter Tiedje kennt den jungen Marathonläufer sehr gut - schließlich ist er Estopias Entdecker und Trainer beim „TV Alzey Laufteam Gasser“. Im Gespräch mit Merkurist sagt Tiedje: „Ich habe Selama vor gut einem Jahr an einer Alzeyer Schule entdeckt, er war kurz zuvor als Flüchtling aus Eritrea nach Deutschland gekommen.“ Innerhalb des letzten Jahres habe sich Estopia durch starke Trainingsleistungen enorm verbessert, erklärt Tiedje. Schließlich wurde er wenige Tage vor dem Gutenberg-Marathon von seiner Laufgruppe als Teilnehmer des Halbmarathons angemeldet.

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„Wir als Verein sind nie davon ausgegangen, dass Selama den Halmarathon gewinnen könnte.“ - Trainer Hans-Peter Tiedje

„Wir als Verein sind nie davon ausgegangen, dass Selama den Halmarathon gewinnen könnte.“ Doch während des Rennens lief Estopia so stark, dass Tiedje langsam an den Sieg seines Schützlings glaubte. Der Trainer stand während des Laufs auf Höhe der Ziellinie - doch das war offenbar keine gute Idee.

Drama 200 Meter vor dem Ziel

Auf der Zielgeraden begann das Drama um Estopia: Der junge Läufer setzte sich mit hohem Tempo vom Halbamarathon-Favoriten Roman Prodius ab. Der Moldawier war im Vorjahr immerhin Zweiter des Marathons - entschied sich in diesem Jahr aber für den Start beim Halbmarathon. Als Estopia dem sicheren Sieg entgegenlief, überquerte er rund 200 Meter vor dem Ziel eine Matte im Boden, die zur Zeitmessung vorgesehen war. Stadpressesprecher Ralf Peterhanwahr erklärt: „Die Moderatoren im Ziel bekommen über die Matte angezeigt, welche Läufer sich gerade dem Zielstrich nähern.“ Doch Estopia dachte unglücklicherweise, er habe die Ziellinie bereits überquert. „Selama hat einen Ruf aus dem Publikum wohl falsch wahrgenommen und hat die Strecke seitlich verlassen“, so Tiedje.

Die Sanitäter vor Ort interpretierten Estopias Verhalten als verletzungsbedingte Aufgabe. „Sie haben Selama dann in ein Zelt geführt und dachten, sie müssten ihn behandeln“, sagt Tiedje. Estopia aber glaubte, er habe den Halbmarathon völlig überraschend gewonnen. Kurze Zeit später klärt sich die Situation auf. Für Estopia brach eine Welt zusammen. „Er saß zunächst ein paar Minuten auf dem Boden und hat wie ein kleines Kind geheult“, so Tiedje. Schließlich habe er die Ziellinie dann doch noch überquert - doch zu diesem Zeitpunkt reichte es „nur“ noch zu Rang 29.

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“Ich denke, für Selama war das in diesem Moment einfach zu viel.“ - Trainer Hans-Peter Tiedje

Trainer Tiedje meint: „Da kommt jemand aus Eritrea, der nicht die beste Schulbildung genossen hat, läuft fantastisch und denkt, er hätte den Halbmarathon gewonnen. Und dann scheitert er durch einen so unglücklichen Zufall. Ich glaube, für Selama war das in diesem Moment einfach alles zu viel.“ Tiedje selbst habe den Läufer dann im Laufe des Tages langsam wieder aufgebaut. „Er hat sich die Szene im Internet noch einige Male angesehen. Ich denke aber, dass er es inzwischen verdaut hat.“ Dem Veranstalter und den Sanitätern macht der Trainer keinen Vorwurf. „Die Leute haben nur ihren Job gemacht, es ist dumm gelaufen“, sagt Tiedje. „Es hätte ja sein können, dass er sich wirklich verletzt hat.“ Doch wie geht es jetzt für das junge Lauf-Talent des Gutenberg-Marathons weiter?

Happy End im nächsten Jahr?

„Selama bleibt bei uns in der Laufsportgruppe. Wir legen großen Wert darauf, dass wir ihn gut bei uns integrieren und man kann wirklich gut mit ihm arbeiten“, sagt Tiedje. Im Herbst möchte der Läufer dann seine nächsten Versuch bei einem Halbmarathon starten. Zunächst kommt aber einiges auf den jungen Athleten zu: Das Fernsehen und das Radio seien auch schon auf Estopias Geschichte aufmerksam geworden und wollen berichten.

Auch die Stadt Mainz bedauert die dramatische Geschichte um Estopia. Pressesprecher Ralf Peterhanwahr sagt: „Wir fänden es schön, wenn er im nächsten Jahr wieder beim Gutenberg-Marathon am Start wäre - wir möchten ihn einladen. Gerne würden wir ihn dann auch prominent präsentieren.“ Und wer weiß, vielleicht holt sich Estopia dann 2019 den Sieg. Ein Unbekannter ist er dann aber nicht mehr.

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