Energiequelle der Zukunft? Warum Mainz und Wiesbaden auf Wasserstoff setzen

Rheinland-Pfalz will Modellregion für „grünen Wasserstoff“ werden, so meldet es das Umweltministerium. Mainz baut gemeinsam mit Wiesbaden bereits an einem eigenen Wasserstoff-Netz. Doch taugt Wasserstoff tatsächlich als Energiequelle der Zukunft?

Energiequelle der Zukunft? Warum Mainz und Wiesbaden auf Wasserstoff setzen

Wasserstoff gilt aktuell als Energieträger der Zukunft, zur Strom- und Wärmeerzeugung und sogar als Antrieb für Fahrzeuge. So kurz vor der Bundestageswahl schwärmen Politiker von SPD und CDU, von FDP und den Grünen von Wasserstoff als klimaschützendem Energieträger. Rheinland-Pfalz will sogar als Modellregion vorangehen. „So wollen wir die Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit unseres Bundeslandes mit dem Klimaschutz verbinden“, sagte kürzlich Klimaschutzministerin Anne Spiegel (Bündnis 90/Die Grüne) in einer Pressemitteilung.

Doch was ist der Vorteil von Wasserstoff? Vor allem lässt er sich gut speichern und damit etwa per Tankwagen zu speziellen Tankstellen transportieren. Mainz und die hessische Nachbarstadt Wiesbaden wollen daher eine gemeinsame Infrastruktur aufzubauen, um Wasserstoff zu erzeugen, zu transportieren und weiterzuverarbeiten (wir berichteten). Der Öffentliche Nahverkehr, Industrie- sowie Gewerbeunternehmen sollen künftig von dem Netz profitieren. Die Kraftwerke Mainz-Wiesbaden AG (KMW) wollen zudem einen Elektrolyseur einsetzen, der Wasserstoff herstellt und diesen mit CO2 in Methanol umwandelt. Dazu soll der Abgasstrom aus dem Müllheizkraftwerk genutzt werden, so der Plan.

Um das Projekt umzusetzen, haben KMW und die Mainzer Stadtwerke eine EU-Förderung für Wasserstofftechnologien und -systeme beantragt. Jedoch sei die „Projektskizze bei der ersten Förderrunde leider leer ausgegangen“, so Michael Theurer, Pressesprecher der Stadtwerke. „Wir wollen uns mit unserer Idee aber weiterhin um eine Förderung bemühen". Die Wiesbadener ESWE Verkehr hat bereits zehn Brennstoffzellenbusse bestellt. „Die Brennstoffzellentechnik unter Verwendung von 'grünem’ Wasserstoff ist ein zentraler Baustein, um die Luft- und auch die Lebensqualität in Wiesbaden zu verbessern“, heißt es dort. Für die Fahrzeuge gab es bereits Fördermittel aus der EU. Die Tankstelle für die Busse befindet sich auf dem Betriebsgelände der ESWE Verkehr, der mit dem Wasserstoff aus dem Energiepark Mainz in Hechtsheim gefüllt wird. Seit 2015 wird hier mit Hilfe von Windenergie Wasserstoff produziert, seit 2018 ist er im wirtschaftlichen Betrieb. Gebaut wurde die Tankstelle mit Fördermitteln der Länder Hessen und Rheinland-Pfalz.

Wie „grün“ ist Wasserstoff wirklich?

Vom „grünen Schatz“ spricht Ministerin Spiegel, den es „zu heben“ gilt. Doch wie klimafreundlich ist Wasserstoff wirklich?

Grüner Wasserstoff bedeutet, dass er mit Ökostrom produziert wird und damit kaum CO2-Emmissionen verbraucht. In einem Elektrolyseur wird dann Wasser in reinen Wasserstoff und reinen Sauerstoff aufgespalten. Der Wasserstoff kann, gekühlt oder gepresst, gespeichert und transportiert werden. Bislang werde Wasserstoff in der EU fast ausschließlich mittels fossiler Brennstoffe wie Erdgas hergestellt, ist bei Agora Energiewende zu erfahren, einem Denk- und Politiklabor für Klima- und Energiethemen.

„Diesen ‚Grünen Schatz‘ wollen wir für Rheinland-Pfalz heben“ - Klimaschutzministerin Anne Spiegel

Klimaneutral sei die Herstellung allerdings nur, wenn Wasserstoff tatsächlich aus erneuerbaren Energien produziert wird. Die Herstellung von erneuerbarem Wasserstoff sei jedoch deutlich teurer als die Nutzung fossiler Brennstoffe. Außerdem verbraucht Wasserstoff besonders viel Energie, denn nur ein Bruchteil der ursprünglich gewonnen Energie bleibt beim Antrieb einer Brennstoffzelle übrig. Der Rest geht bei der Herstellung verloren. EU-weit seien daher jedes Jahr Fördersummen in Höhe von 10 bis 24 Milliarden Euro notwendig, damit erneuerbarer Wasserstoff wettbewerbsfähig sei, so das Ergebnis einer Studie von Agora Energiewende und Guidehouse.

Wasserstoff als Ersatz für Erdgas oder Flugzeugtreibstoffe

„Die Mittel müssen vorrangig für solche Bereiche bereitstehen, wo unumstritten Bedarf nach erneuerbarem Wasserstoff entsteht“, sagt Dr. Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende. Beispiele seien die Industrie als Ersatz für Erdgas oder für Flugzeugtreibstoffe, für die Produktion von Stahl und Chemie - aber auch die langfristige Stromspeicherung im Energiebereich und bei der Wärmeerzeugung in bestehenden Fernwärmesystemen.

„Die Mittel müssen vorrangig für solche Bereiche bereitstehen, wo unumstritten Bedarf nach erneuerbarem Wasserstoff entsteht“ - Dr. Patrick Graichen

Sollten die Mainzer Kraftwerke und die Stadtwerke doch noch eine EU-Förderung erhalten, soll der Elektrolyseur im Mainzer Kraftwerk künftig 25 Megawatt elektrische Leistung erbringen, 16.000 Tonnen CO2 könnten somit weiterverwendet werden. Zum Vergleich: Eine Windkraftanlage an Land erbringt zwischen 2 bis circa 5 Megawatt Leistung. So soll künftig auch eine Wasserstoff-Tankstelle am Zentralklärwerk Mainz eingerichtet werden. Ziel sei es, die Bereiche Industrie und Schwerlastverkehr in Mainz und der Rhein-Main-Region zu dekarbonisieren, also weniger Kohlenstoff umzusetzen, so Dr. Tobias Brosze, Technischer Vorstand der Mainzer Stadtwerke AG.

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