Die Mainzer Sozialdezernentin Jana Schmöller (SPD) übt deutliche Kritik an den angekündigten Kürzungen der Honorare für ambulante psychotherapeutische Behandlungen. Wie die Stadtverwaltung Mainz mitteilt, sieht Schmöller darin ein gefährliches Signal angesichts ohnehin langer Wartezeiten auf einen Therapieplatz.
„Gerade in einer Zeit, in der psychische Erkrankungen deutlich zunehmen und viele Menschen ohnehin monatelang auf einen Therapieplatz warten, senden Honorarkürzungen das völlig falsche Signal“, erklärt Schmöller. Die ambulante Psychotherapie sei eine zentrale und unverzichtbare Säule der Gesundheitsversorgung, die auch schwere Krankheitsverläufe verhindern könne.
Sowohl in Mainz als auch bundesweit klagen Patienten über lange Wartezeiten. Eine Verschlechterung der finanziellen Bedingungen für Therapeuten könnte laut der Dezernentin dazu führen, dass weniger Behandlungsplätze angeboten werden oder Praxen unter wirtschaftlichen Druck geraten. „Statt Kürzungen brauchen wir eine Stärkung der ambulanten Versorgungsstrukturen“, fordert Schmöller.
Umstrittenener Beschluss der Krankenkassen
Hintergrund der Kritik ist ein Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses. Vergangene Woche beschloss das Gremium, in dem Krankenkassen und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) vertreten sind, eine Kürzung der Vergütung für ambulante Psychotherapie um 4,5 Prozent ab April 2026. Die Krankenkassen hatten die Kürzung gefordert und argumentieren, niedergelassene Psychotherapeuten hätten in den vergangenen Jahren „überproportionale Honorarerhöhungen“ erhalten. Das berichten mehrere Medien übereinstimmend, darunter „ZDFheute“ und das „Deutsche Ärzteblatt“.
Josef Hecken, Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) innerhalb der KBV, ist bereits in der Vergangenheit mit kritischen Aussagen zur Psychotherapie aufgefallen. Wie es im Protokoll einer öffentlichen Sitzung 2013 steht, sagte Hecken damals: man benötige nicht für jeden Bürger einen Psychotherapeuten, eine Flasche Bier tue es manchmal auch. Josef Hecken ist bis heute Vorsitzender im Gremium, das aushandelt, welche Therapien und Medikamente gesetzlich Versicherte erhalten.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung bezeichnete den Beschluss als „Unding“ und warnte, dass die Patienten die Leidtragenden sein werden. Auch die Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV) sprach von einem „fatalen Signal“. Dass trotz mehr Behandlungen weiterhin lange Wartezeiten bestünden, zeige nicht ein Überangebot, sondern dass der Bedarf an psychotherapeutischer Hilfe noch größer sei als das vorhandene Angebot, argumentieren die Therapeutenverbände.
Längere Wartezeiten und Protest in Mainz
Die Kürzungen könnten weitreichende Folgen auch in Mainz haben. Experten befürchten, dass sich die Wartezeiten für gesetzlich versicherte Patienten weiter verlängern. „Es ist zu befürchten, dass Praxen stärker gezwungen sein könnten, einen Teil ihrer Kapazitäten auf privatversicherte Patientinnen und Patienten zu verlagern, um wirtschaftlich arbeiten zu können“, erklärt Dieter Adler vom Deutschen Psychotherapeuten Netzwerk gegenüber dem ZDF.
Die Mainzer Sozialdezernentin schließt sich dem wachsenden Widerstand gegen die Entscheidung an. Die Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung hat eine Petition im Bundestag eingereicht und eine Online-Petition sammelte bereits mehr als 120.000 Unterschriften. Am 26. März ist in Mainz eine Demonstration gegen die Honorar-Kürzungen um 16 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz angekündigt.
„Sparen am falschen Ende“
Eine Einschränkung der Versorgung würde vor allem besonders schutzbedürftige Gruppen treffen, so Schmöller. Dazu zählt sie junge Menschen, Personen in belastenden Lebenssituationen oder jene mit schlechtem Zugang zu anderen Hilfsangeboten. Psychotherapeutische Behandlungen helfen vielen Menschen, Krisen zu bewältigen und wieder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, was langfristig auch Gesundheitskosten spare.
Die Stadt Mainz blicke daher mit Sorge auf die Pläne. „Wer an der ambulanten Psychotherapie spart, spart am falschen Ende“, betont die Sozialdezernentin. Sie appelliert an die verantwortlichen Akteure im Gesundheitswesen, die geplanten Kürzungen zu überdenken.