Lipödem: Was Betroffene wissen müssen

Stephanie aus Mainz-Kastel leidet seit ihrer Schwangerschaft an einem Lipödem. Doch was ist ein Lipödem und was kann man dagegen tun? Merkurist klärt Euch auf.

Lipödem: Was Betroffene wissen müssen

„Dicker Po, dicke Schenkel, dicke Waden und wenn es ganz schlimm kommt auch dicke Arme“: Stephanie aus Mainz-Kastel leidet seit ihrer Schwangerschaft an einem Lipödem. Sprüche wie „Mach halt mehr Sport und lass den Zucker weg“ kann sie langsam nicht mehr hören. Denn Abnehmen allein hilft nicht gegen ein Lipödem. Doch was genau ist ein Lipödem und wie wird es behandelt? Wir haben mit Dr. Kurt Braunbeck, Facharzt für Allgemeinmedizin, Phlebologie und Lymphologie, gesprochen.

Laut Braunbeck handelt es sich bei einem Lipödem um eine extreme Vermehrung von Fettzellen (Lipohyperplasie) an Hüfte, Oberschenkel und Po, von der fast ausschließlich Frauen betroffen sind. Während die Frauen an diesen Körperregionen zunehmen würden, bleibe der Oberkörper vergleichsweise schlank. Zusätzlich seien die Stellen druck- und schmerzempfindlich. Da sich ein Lipödem häufig in Pubertät, Schwangerschaft oder Menopause zum ersten Mal zeige, gehe man davon aus, dass die Störung hormonell bedingt sei. Braunbeck betont hierbei, dass eine reine Vermehrung von Fettzellen eher selten vorkomme. Vielmehr seien die meisten Frauen in Kombination auch adipös - sie weisen also eine Fettzellvergrößerung (Lipohypertrophie) auf.

Diagnose

Braunbeck berichtet, dass es immer wieder vorkomme, dass Ärzte Übergewicht fälschlicherweise als Lipödem diagnostizieren. „Viele Frauen laufen unnötigerweise mit Kompressionsstrümpfen herum, machen Lymphdrainage, bekommen Fettabsaugungen - und es bringt nichts. Das alles aus rein finanziellen Beweggründen“, sagt der Facharzt. Eine eindeutige Diagnose und genaue Differenzierung zwischen Adipositas und einem Lipödem sei essenziell. So sei es nicht ausgeschlossen, dass eine übergewichtige Frau zusätzlich auch ein Lipödem habe. Es sei jedoch wichtig, das individuelle Verhältnis zwischen Adipositas und Lipödem bei den Patientinnen zu ermitteln, da dies maßgebend für die weiteren Behandlungsschritte sei.

Was tun gegen ein Lipödem?

„Es gibt nicht nur ein Lipödem - es gibt viele“, betont Braunbeck. Jede Patientin benötige individuelle Beratung und Therapie. Die richtige Kombination aus Fettabsaugung, Lymphdrainage, Kompression und Ernährung sei dabei zielführend. Ein Lipödem ist nicht heilbar, man kann es nur eindämmen. Braunbeck erklärt, dass den reinen Symptomen nur mit einer Entstauungstherapie entgegenzuwirken sei. Diese sehe eine Behandlung mit Lymphdrainage und das Tragen von Kompressionsstrümpfen vor. Eine dauerhafte Verminderung des Lipödems sei jedoch nur durch eine Fettabsaugung (Liposuktion) möglich.

Auch hier in Mainz bieten bestimmte Praxen derartige Behandlungen an. Die Kosten für den Eingriff würden allerdings nur dann übernommen, wenn die Patientin einen Body-Mass-Index unter 35 hat und dem höchsten Lipödem-Stadium (Stadium III) zuzuteilen ist. Grundsätzlich rät Braunbeck, dass Patientinnen mit Lipödem in Kombination mit Übergewicht zuerst mit Sport und gesunder Ernährung an ihrem Gewicht arbeiten sollten, bevor eine Fettabsaugung in Betracht komme.

Gegenseitig unterstützen

Wer an einem Lipödem leidet und daran interessiert ist, Kontakte mit Gleichgesinnten zu knüpfen, sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen, kann einer Selbsthilfegruppe beitreten. Die Mainzer Selbsthilfegruppe „LilyLife“ besteht mittlerweile aus rund 30 Frauen zwischen 16 und 55 Jahren, die sich immer am ersten Dienstag des Monats in wechselnden Restaurants in und um Mainz treffen. „LilyLife“ arbeitet eng mit Ärzten, Physiopraxen, Sanitätshäusern und Fitnessstudios zusammen. Zudem organisiert die Gruppe den 1. Lipödemtag Rhein-Main, der am 21. März 2020 in Flörsheim stattfinden wird. Auf der Veranstaltung erwarten die Besucher Fachvorträge, Workshops und eine große Ausstellung rund um das Thema Lipödem.

Foto-Kampagne macht Mut

Die 28-jährige Hobby-Fotografin Melanie Grabowski aus Niedersachsen hat einen ganz anderen Ansatz gefunden, mit der Krankheit umzugehen. Seit dem vergangenen Jahr setzt die Fotografin betroffene Frauen in ihrer Fotoserie in Szene und teilt die Bilder unter dem Hashtag „#lipödemisteinarschloch“ auf Facebook. Mit der Aktion möchte sie den Frauen zeigen, dass sie ihren Körper nicht verstecken müssen, es kein „perfekt“ gibt und jeder Mensch auf seine Weise schön ist. Gleichzeitig will Melanie auf die eher unbekannte Erkrankung aufmerksam machen und das Bewusstsein der Außenstehenden ändern, da sie weiß, wie schnell man urteilt.

Nicht nur Stephanie aus Mainz-Kastel ist von Melanies Idee begeistert: Hunderte betroffene Frauen treten der Gruppe in Facebook bei und wollen sich fotografieren lassen. Auch zu den Fotoshootings erhält Melanie durchweg positives Feedback. Teilnehmerinnen berichten, dass sie durch die Shootings neues Selbstbewusstsein gewinnen konnten. „Es ist schwer zu verstehen, was das mit den Betroffenen macht, die sich teilweise schon so lange verstecken. Plötzlich gehen Frauen in kurzer Hose den Müll runter bringen oder fangen an Kleider anzuziehen“, sagt Melanie.

Betroffene können der Facebook-Gruppe Shootingtermin: Lipödem ist ein Arschloch beitreten und sich dort über zukünftige Shootings informieren und anmelden. (df)

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