Aus dem Alltag eines Drohnenpiloten

Brandon Bryant, ein ehemaliger Drohnenpilot, erhielt den Whistleblower-Preis 2015. Im Theater Mainz stellt er sich den Fragen des Regisseurs Jan-Christoph Gockel, erzählt von seinem Arbeitsalltag und seinen Zukunftsplänen.

Aus dem Alltag eines Drohnenpiloten

Brandon Bryant trägt ein olivfarbenes Langarmshirt, khakifarbene Hosen und Stiefel. Er sieht noch immer aus wie ein Soldat. Der Scheinwerfer im Theatersaal U17 leuchtet auf ihn und den Hausregisseur des Mainzer Staatstheaters Jan-Christoph Gockel. An diesem Samstag steht Bryant Gockel und dem Mainzer Publikum Rede und Antwort zu seinen Erfahrungen als Drohnenoperator. Der 29-jährige Amerikaner flog mehr als 6000 Stunden Kampfdrohnen. Während seiner Einsätze wurden 1626 Menschen getötet.

Als es losgeht, sagt Gockel kurz: Er plane ein Theaterstück, das Ende November zu sehen sein soll. Darum gehe es um die Army Base in Ramstein, eine Kleinstadt westlich von Kaiserslautern und ihre Rolle im Krieg der Vereinigten Staaten von Amerika. Gockel erklärt, er sei in der Nähe aufgewachsen und es sei ihm wichtig, die anliegenden Menschen aufzuklären. In Anlehnung an Edward Snowden habe er bereits bei einem anderen Stück Regie geführt und auch hier versucht aufzuklären. Politische Stücke seien für ihn etwas besonderes, sagt er.

Army Base Ramstein

Ramstein ist ein "Keypoint" - Bryant.

Die Talkrunde mit Bryant ist in englischer Sprache. Während Gockel seine Fragen stellt, hat Bryant einen schweren Ausdruck im Gesicht, als ob er eine große Last mit sich trägt. Er spricht über Ramstein und dessen Bedeutung für die USA. Die Lage sei ideal, sagt er. Die Videos der Drohnenkamera und die Kontrollsignale würden nach Ramstein geschickt. In den Krisengebieten gebe es keine stabile Verbindung. Das Signal werde über Satellit übertragen. Von Ramstein gingen die Daten dann mit dem Unterseekabel in die USA. In Ramstein selbst gibt es jedoch keine Drohnen. Es sei vielmehr ein "Keypoint", ein Schlüsselpunkt. Auch Metadaten sorgten schon für Exekutionen.

Fünf Stunden saß Bryant bereits vor dem NSA-Untersuchungsausschuss im Deutschen Bundestag und beantwortete Fragen unserer Politiker. Sein Ziel sei es, die Menschen soweit aufzuklären, dass Deutschland seine Rolle gegenüber den USA begreife. "Ich liebe mein Land, das sag ich euch, Leute. Aber es sollte aufhören, weiter so blöde Dinge zu tun", sagt er. Es sei die Verantwortung von Deutschland, jetzt die Konsequenzen aus seinen Informationen zu ziehen.

Whistleblower und Soldat

Seinen Job als Soldat habe er immer versucht, so gut wie möglich zu erfüllen. Er erzählt von seinem Arbeitsplatz: Ein Container, indem alles dunkel und kalt war. Gearbeitet wurde in Schichten. Es sei nicht erlaubt gewesen, elektronische Geräte zu benutzen. Nur auf den Bildschirm starren. "Ich sollte Menschen beobachten, die ich eigentlich hassen sollte, denn sie waren 'der Feind'. Aber sie haben ihr Leben gelebt, während ich in diesem Moment keins hatte." Und was er dabei gesehen habe? "Wesentlich mehr Menschlichkeit als Feindseligkeit!"

"Ich habe Menschen getötet und wollte darüber reden. Aber was sie sagten war 'Du bist schwach, eine Pussy!'" - Bryant.

Er habe sich oft gefragt, ob es ethisch korrekt sei, was er da tue. Irgendwann sei der Druck zu groß gewesen. Er wollte aussteigen. "Aber wenn du deine Probleme mit dem Druck in der Army besprechen willst, heißt es nur, du bist schwach, du bist eine Pussy!", sagt er. Aber erst als er die Zahl seiner Todesopfer sah, war das der Schub, sein Wissen zu teilen. „Sie haben den Eid, den ich geschworen habe, verletzt“, sagt Bryant. „Ein Mann hat nichts wertvolleres als sein Wort“ zitiert er seinen Großvater. Integrität und Ehre, das seien Werte, an die er glaube. Diese Werte trage er "wie ein Banner" und jeder könne sich ihm anschließen. Dafür erntet er Applaus.

Aber ein Held wie Snowden sei er nicht, sagte er. "Ich bin kein Whistleblower, ich bin nur ein Soldat, der am Ende seiner Kräfte war."

Zukunftspläne

Ihm selbst habe es geholfen, sehr ehrlich zu sich zu sein. "Ich muss Verantwortung für mein Handeln übernehmen. Auch wenn ich die Entscheidung nicht getroffen habe, sind Menschen durch mich gestorben", gesteht er. Während er spricht, ist seine Stimme überwiegend klar, seine Sprache sehr deutlich. Er wirkt authentisch. In Zukunft wolle er Veteranen und Soldaten mit psychischen Belastungsstörungen helfen, wieder gesund zu werden. Vielleicht werde er eine Non-Profit-Organisation (NGO) gründen.

Ob er Angst vor den USA habe? "Nein, alles was sie jetzt tun, sieht aus wie ein Racheakt. Und wenn sie mich mit einer Drohne beobachten, mache ich das...", dabei guckt er nach rechts oben und zeigt den Mittelfinger. Ein Lachen geht durch den Raum.

Theaterstück

Bryant soll in Gockels Theaterstück als Rolle dargestellt werden. Der Titel Ramstein Airbase: Game of Drones soll thematisch auch angelehnt sein an die ähnlich klingende Serie Game of Thrones. "Es geht im Krieg nicht mehr darum, wer Recht hat. Sondern wer die größeren Ellenbogen hat", sagt Gockel. Er wolle die Opfer zeigen, die diese Kriegsführung hervorbringe. Dabei seien das nicht nur die Todesopfer, sondern auch die traumatisierten Soldaten wie Bryant.

Für das Theaterstück brachte Gockel Bryant mit den Schauspielern zusammen. Der Soldat werde aber nicht Zentrum des Stücks sein. Es gehe vielmehr darum, ein Bewusstsein zu schaffen. "Wir haben dafür sogar richtige Drohnen, die fliegen sollen", sagt Gockel. Das Stück ist ab dem 27. November im Staatstheater zu sehen.

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