Abschied von Josef

Jahrelang lebte Josef in Mainz auf der Straße - bis der 44-Jährige im Februar in einer Tiefgarage starb. Bei einer Gedenkfeier nahmen rund 30 Mainzer Abschied. Mehr als eine Träne ist dabei geflossen.

Abschied von Josef

Um 11 Uhr ist der kleine Konferenzraum des Vereins „Armut und Gesundheit in Deutschland“ voll, ein paar Leute stehen sogar vor der offenen Zimmertür. „Da gibt es ein Land der Lebenden. Und da gibt es ein Land der Toten“, beginnt Seelsorger Winfried Späth die Gedenkfeier. „Und die einzige Brücke zwischen den beiden ist die Liebe, der Respekt vor der Lebensgeschichte eines Menschen und die Achtung.“ Außer Späths Stimme ist nur das leise Ticken einer Uhr aus dem Nebenzimmer zu hören, die rund 30 Gäste sind verstummt. Sie sind gekommen, um ihm zu gedenken: Josef K., der seit Jahren wohnungslos in Mainz lebte und am 3. Februar in einer Tiefgarage verstarb.

„Oft habe ich mich gefragt, woher er die Kraft nimmt, immer zu lächeln.“ - Gerhard Trabert

Josef wurde nur 44 Jahre alt, die ehrenamtlichen Mitglieder von „Armut und Gesundheit“ betreuten ihn seit 2010 medizinisch. Beerdigt wird der aus der Slowakei stammende Mann in seiner Heimat, für Josefs Mainzer Freunde und Bekannte organisierte der Verein aber eine Gedenkfeier in der Zitadelle. „Ich bin überwältigt, dass so viele Menschen gekommen sind“, sagt Dr. Gerhard Trabert in seiner Ansprache. Dann stockt der Vereinsvorsitzende. Als er weiter spricht, kämpft er mit den Tränen. „Josef war freundlich, ein unheimlich sensibler und zurückhaltender Mensch“, so Trabert. „Er hat immer gelächelt. Oft habe ich mich gefragt, woher er die Kraft nimmt, immer zu lächeln.“

Der Verein verstehe nicht, warum ein Mann in Europas reichstem Land in einer Tiefgarage sterben musste. Nachdem Josef nach Deutschland kam, fand er keine Arbeit - und hatte laut Bundesgesetz dadurch keine Ansprüche auf Sozialleistungen. Josefs Tod werfe Fragen auf, so Trabert. Laut ihm werden Wohnungslose in Mainz nicht ausreichend versorgt, aber der Verein frage auch sich selbst: „Was haben wir falsch gemacht?“ In Gedenken an den Verstorbenen wolle er heute zwei Versprechen abgeben: „Wir werden Josef nicht vergessen. Und wir werden alles dafür tun, damit diese soziale Ungerechtigkeit aufhört.“

Kerzen für Josef

Schließlich ermutigt Seelsorger Späth die Trauergäste, persönlich Abschied von Josef zu nehmen. Er zündet eine Kerze an und stellt sie vor das Bild des Verstorbenen. Dann greift Späth zu einer Panflöte. Kaum hat er eine traurige Melodie angestimmt, stehen die ersten Gäste der Gedenkfeier auf. Einer nach dem anderen zündet eine Kerze an, viele halten an Josefs Bild inne, ein paar haben feuchte Augen.

„Ich habe ihn seit 33 Jahren gekannt, wir haben uns immer mal wieder gesehen“, sagt eine Besucherin. Am 3. Februar habe sie am Rhein einen Spaziergang gemacht und sei an der Tiefgarage vorbeigekommen. „Ich habe gesehen, wie Josef zusammengebrochen ist.“ Josef starb an diesem Tag, seinen Freunden und Bekannten bleibt nur die Trauer. Die Feier rühre sie sehr, sagt die Besucherin und versucht, nicht in Tränen auszubrechen.

Merkurist