Das hat es mit dem Kornkreis auf der Petersaue auf sich

Auf der Petersaue zeichnet sich ein merkwürdiges Bild im Getreidefeld ab. Was aussieht wie aus einem Alienfilm entsprungen, hat eigentlich einen historischen Hintergrund.

Das hat es mit dem Kornkreis auf der Petersaue auf sich

Im Sommer, wenn das Getreide auf der Petersaue zwischen Wiesbaden und Mainz blüht, zeigt sich ein außergewöhnliches Muster auf der Binneninsel, das man sonst nur aus Science-Fiction-Filmen kennt. Direkt neben der Zugstrecke auf der Nordbrücke, die die beiden Städte miteinander verbindet, zeichnet sich ein riesiges Bild auf dem Feld ab, das einem Speichenrad ähnelt. Auch über den Satellitenmodus von Google-Maps ist das Bild gut zu erkennen.

Hat sich jemand einen Spaß erlaubt?

In Getreidefeldern sieht man immer wieder sogenannte Kornkreise. Das sind Bereiche in einem Feld, bei denen Kornhalme absichtlich umgeknickt oder abgemäht werden, um ein Bild entstehen zu lassen. Dachte man früher noch, der Teufel hätte das Korn zerdrückt, oder ein Ufo wäre dort gelandet, weiß man heute, dass diese Kreise von Menschen geschaffen werden. Einige von ihnen — sogenannte „Hoaxter“ — trampeln sogar extra nachts über die Felder, um sich einen Spaß zu erlauben. Weil die Halme auf der Petersaue aber nicht kürzer, sondern einfach nur verfärbt sind, fällt diese Erklärung weg. Was also, hat es dann damit auf sich?

Historischer Hintergrund

„Dort war einmal eine Befestigungsanlage der Festung Mainz.“ - Karl-Heinz Kues, Gesellschaft für Heimatgeschichte

„Dort war einmal eine Befestigungsanlage der Festung Mainz“, erklärt Karl-Heinz Kues von der Gesellschaft für Heimatgeschichte in Kastel. Scheinbar befinden sich im Untergrund immer noch Reste von Mauern eines Turmes, der das von Österreich und Preußen besetzte Mainz vor dem Feind schützen sollte.

„Diese Überreste sind dafür verantwortlich, dass einige Halme anders aussehen als andere“, sagt Kues. Denn die Pflanzen stoßen dort, wo die Überreste im Boden liegen, auf für sie undurchdringliche Materialien. Dadurch bekommen sie weniger Nährstoffe und Feuchtigkeit ab als andere, haben dadurch weniger Farbe und es entsteht das Bild im Feld.

Was sich auf die Pflanzen noch immer negativ auswirkt, war für den Menschen eine große Hilfe. Erst durch das dadurch entstandene Muster konnte das Mainzer Stadtarchiv herausfinden, wie die historische Anlage tatsächlich aussah. Denn dem Archiv lagen zwar Planungen der Festungsgebäude auf der Petersaue vor, welche davon umgesetzt wurden, war bis dahin aber nicht klar. Erst als ein Luftbildarchäologe das Muster im Feld 1989 zum ersten Mal fotografierte, konnte man die Planungen mit dem Foto vergleichen.

Das Abbild eines Turms

Tatsächlich begannen französische Truppen schon 1792 damit, ein kleines Außenwerk — eine sogenannte Lünette — der Festung Mainz auf der Petersaue zu bauen. Das, was man jetzt als Muster gut erkennen kann, zeigt aber einen kleinen Turm, der am 11. Juni 1841 erbaut und über die Jahre erweitert wurde. Der Turm sollte die Truppen vor Eindringlingen schützen und gab ihnen gleichzeitig die Möglichkeit, sich geschützt von den Mauern mit Gewehren und Artillerie zu verteidigen.

Zum Schluss hatte der Turm ein Obergeschoss und ein massives Dach. Der innere Ring im Bild zeigt das Treppenhaus, das zum Obergeschoss führte. Und das, was aussieht wie Radspeichen, waren eigentlich nach innen gerückte Mauerstücke, die das Dach hielten.

Als mit dem Friedensvertrag von Versailles 1919 die 300-jährige Geschichte von Mainz als Festungsstadt endete, war das auch das Ende der Festungsanlagen. Viele von ihnen — auch die Lünette auf der Petersaue — wurden zu Grünanlagen umgewandelt. Das Muster im Getreidefeld, das sich jedes Jahr aufs Neue zeigt, ist also eines der letzten Erinnerungsstücke an diese Zeit. (nl)

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