Länger habe ich nichts mehr für Merkurist geschrieben. Das liegt nicht daran, dass es nichts zu sagen gäbe – im Gegenteil. Aber wenn man als Mainzer Exilant erst ins windig-kalte Bremen und dann in das noch windigere-warme, aber sehr herrliche Malta verschlagen wird, verschieben sich die Blickachsen: Weg von der Weser, hin ans Mittelmeer, auf die afrikanische Platte. Es ist wunderschön dort, das Licht, das Meer, die Gelassenheit – aber Mainz und sein Rhein sind und bleiben für mich immer etwas Besonderes.
Wirklich gespürt habe ich das, als ich zuletzt für zwei Wochen nach Mainz kommen musste. Nicht, weil ich Heimweh hatte, sondern weil mein Körper beschlossen hatte, dass er jetzt einmal die komplette Palette deutscher Apparatemedizin ausprobieren möchte: ein schwerer Bandscheibenvorfall, Herzrhythmusstörungen und ein Medikamentencocktail, der jedes Brauereipferd einschläfern würde. Meine Eltern bestanden auf einem Flug nach Deutschland, „in die sorgsamen Hände deutscher Mediziner“. Ich bin zwar 44, aber der Befehl der Eltern – speziell der Mutter – ist und bleibt etwas, das vermutlich nur Menschen gut verstehen können, die so wertekonservativ großgeworden sind wie ich. Die italienischen, kurdischen und türkischen Leser dieser Kolumne werden mich vermutlich am besten verstehen.
Diese zwei Wochen, der vermutlich längste Aufenthalt am Stück in Mainz für mich in den letzten zehn Jahren, waren also zunächst ein medizinischer Hindernislauf. Zwei MRTs, fünfzehn Röntgensitzungen im Geist von Tschernobyl, zwei Langzeit‑EKGs, drei Ruhe‑EKGs, ein Belastungs‑EKG, eine Notaufnahme, eine Allgemeinmedizinerin, zwei Röntgenärzte, ein Orthopäde und ein Kardiologe, der mich ernsthaft noch an einen Psychiater überweisen wollte. Der Mann kam mit seiner Idee rund 20 Jahre zu spät – vermutlich zur großen Enttäuschung der FDP Mainz, wenn man das mit etwas Humor nimmt. Das Lustigste an diesem ganzen Medizinmarathon war am Ende der Zahnarzt, der mir bescheinigte, dass zwar sonst alles an mir wohl kaputt sei, die Zähne sich aber in einem perfekten Zustand befänden. Man nimmt, was man kriegen kann.
Mainz muss sich nicht verstecken
Und wenn ich schon einmal in Mainz bin, dann will ich wenigstens essen wie ein Mensch, der noch etwas vom Leben hat. Also habe ich mich – so gut es ging – an den gastronomischen Köstlichkeiten ausgetobt. Von der Goldenen Ente in Mainz‑Laubenheim mit einem herausragenden Rumpsteak, von dem zwei satt werden könnten, über das traumhafte Schwertfischcarpaccio im Incontro bis hin zum zarten Zander auf dem Hofgut Laubenheimer Höhe und dem fantastischen Mittagsmenü im Sterne‑Restaurant Favorite im Hotel Favorite. Anhand dieser Auswahl und ihrer Qualität sieht man, was Mainz zu bieten hat, und dass sich die vermeintliche Provinz nicht hinter anderen Großstädten verstecken muss. Die Mischung aus der Landschaft, dem Rhein, dem Wein und dieser offenen, manchmal herzhaft direkten Mentalität der Mainzer macht alles noch ein gutes Stück größer.
Vielleicht ist es genau diese Erfahrung – erst das Krankenhauskarussell, dann der Trost der Gastronomie –, die mich so empfindlich werden lässt, wenn es um die Frage geht, wie eine Stadt mit denen umgeht, die sie lebenswert machen. Natürlich kann ich es nicht lassen und muss daher die Mainzer Politik tadeln, denn sie stößt aktuell genau jene Menschen vor den Kopf, die maßgeblich zum Wert von Mainz beigetragen haben: die Gastronomie und im Besonderen die Hotellerie. Ich lese nach wie vor fast alles, was aus Mainz kommt – Kommentare, Ratsvorlagen, Pressemitteilungen – und ganz besonders das, was die Mainzer Geschäftsleute selbst schreiben.
So bin ich auf eine Kritik von Christian Barth gestoßen. Wer in Mainz ein bisschen unterwegs ist, kennt den Namen: Laubenheimer Höhe, Favorite – Familienunternehmen, Lebenswerk, Generationenprojekt. Barth hat in einem Text die geplante Mainzer „Bettensteuer“ seziert und auf eine Weise auseinandergenommen, die der Stadtspitze eigentlich die Ohren klingeln lassen müsste. Er beschreibt sie als das, was sie ist: nicht als liebevoll verpackte „Beherbergungsabgabe“, sondern als ziemlich schlichte Haushaltstrickserei. Ein Instrument, um ein notorisch klammes Stadtsäckel zu füllen, statt den Tourismus zu fördern.
Es geht um das Wie und das Wofür
Damit sind wir mitten in der Debatte, die in Mainz seit einigen Wochen schwelt: Die Stadt plant ab 1. Juli 2026 eine sogenannte Beherbergungsabgabe. Je nach Zimmerpreis sollen Gäste zwischen 2 und 5 Euro pro Nacht zahlen, die Stadt rechnet mit Einnahmen in Millionenhöhe, mittelfristig bis zu vier Millionen Euro im Jahr. Offiziell heißt es, damit sollten touristische Angebote, Kultur und Marketing dauerhaft finanziert werden – von der Straßenfastnacht über Feste wie das Johannisfest bis hin zur touristischen Infrastruktur. Auf dem Papier klingt das so, als bekäme Mainz endlich eine Tourismusabgabe, wie sie andere Städte längst haben. Nur: Papier ist geduldig, Haushalte sind es weniger.
Der entscheidende Punkt in Barths Kritik – und auch in der Kritik des Dehoga – ist: Es geht nicht um die 2 bis 5 Euro als solche. Es geht um das Wie und das Wofür. Ursprünglich hatte der Oberbürgermeister der Branche einen Gästebeitrag zugesagt. Ein Gästebeitrag ist eine zweckgebundene Abgabe, die separat auf der Hotelrechnung ausgewiesen wird, vom Gast zusätzlich bezahlt wird und rechtlich sauber in einer Satzung verankert sein muss. Die Stadt muss darin festschreiben, dass das Geld in touristische Projekte fließt: Infrastruktur, Veranstaltungen, Vermarktung. Kurz gesagt: Wer zahlt, sieht wenigstens, wofür.
Was jetzt auf den Weg gebracht wurde, ist etwas anderes. Die Stadt konzipiert die Abgabe als örtliche Aufwandsteuer, also faktisch als Bettensteuer. Die Einnahmen fließen in den allgemeinen Haushalt. Juristisch mag man das mit schönen Worten ummanteln, politisch bleibt es eine simple Wahrheit: Eine Steuer, die nicht zweckgebunden ist, kann auch genutzt werden, um bestehende Löcher zu stopfen. Genau das kritisieren Barth und der Dehoga. Dehoga‑Präsident Gereon Haumann sagt ziemlich deutlich, touristische Abgaben müssten der Branche zugutekommen. Eine Bettensteuer, die im Haushalt versickert, ist etwas anderes als ein Gästebeitrag, der transparent in den Tourismus geht.
Für die Verwaltung bequemer, für die Branche nicht fairer
Barth spricht daher von „Haushaltstricksereien“. Ursprünglich war der Branche zugesagt worden, einen klar definierten Gästebeitrag einzuführen – am Ende ist daraus eine Bettensteuer geworden, weil es für die Stadt einfacher ist, eine Steuersatzung zu beschließen als eine touristische Satzung, in der jedes Projekt, jeder Euro und jede Zuständigkeit festgeschrieben werden muss. Simplifiziert gesagt: Man wählt den Weg, der für die Verwaltung bequemer ist, nicht den, der für die Branche fairer wäre.
Hinzu kommt eine zweite Zumutung: die Frage, wer diese Abgabe praktisch bezahlt. Aus Sicht der Stadt heißt es gern, das seien ja die Touristen. Das klingt beruhigend, weil niemand sich gern vorwerfen lässt, er würde seine eigenen Bürger abkassieren. In der Realität haben aber viele Hotels ihre Zimmerpreise für die Zeit nach dem 1. Juli längst vereinbart. Gruppenreisen, Kongresse, Firmenverträge – all das hat lange Vorläufe. Man kann nicht einfach nachträglich anrufen und sagen: „Übrigens, es kommen jetzt noch ein paar Euro Stadtsteuer obendrauf, das zahlen Sie schon, oder?“ Das bestätigt auch der Dehoga: Für viele Häuser wird die Abgabe in dieser Übergangszeit direkt aus ihrer Marge kommen, nicht aus dem Geldbeutel der Gäste.
Barth rechnet für seinen Betrieb mit rund 250.000 Euro zusätzlicher Steuerlast pro Jahr. Ungeplant, oben drauf auf eine Zeit, in der die Branche gerade erst aus Pandemie, Lockdowns und Personalmangel herausgekrochen ist und mit Inflation, Energiepreisen und steigenden Löhnen kämpft. Parallel dazu hat Mainz bereits Grund- und Gewerbesteuer erhöht, was ebenfalls auf die Betriebe durchschlägt. Und jetzt also noch eine Bettensteuer. Die Botschaft an die Hoteliers lautet übersetzt: „Danke, dass ihr das durchgestanden habt, danke für eure Investitionen, danke, dass ihr Mainz attraktiv haltet – und hier ist eure Belohnung: eine Extra‑Rechnung von der Stadt.“
Ein Stück Stadtidentität
Doch die ökonomische Dimension ist nur die eine Seite. Die andere ist die Symbolik. Barth weist darauf hin, dass die Hotels der Stadt nach eigenen Angaben zusammen 3 bis 4 Millionen Euro pro Jahr in Marketing investieren, um überhaupt Gäste nach Mainz zu holen. Von jedem 5‑Euro‑Schein, den ein Tourist in der Stadt ausgibt, landen nur 1 bis 2 Euro im Hotel; der Rest verteilt sich auf Läden, Restaurants, Taxis, Blumengeschäfte und viele andere. Mit anderen Worten: Die Hotels sind die Türöffner. Ohne sie keine Übernachtungen, ohne Übernachtungen kaum Kongresse, weniger Gastronomieumsatz, weniger Einzelhandel, weniger Leben in der Innenstadt. Die ernsthafte Frage, die sich stellt, ist also: Wer muss hier eigentlich wem dankbar sein? Die Hotels der Stadt, weil sie ein bisschen touristisches Marketing betreibt – oder die Stadt den Hotels, weil sie überhaupt erst Gäste bringen?
Für mich bleibt diese Frage nicht abstrakt. Als ich auf der Laubenheimer Höhe an einem Nachmittag aß, ging Christian Barth von Tisch zu Tisch und fragte persönlich nach, ob alles in Ordnung sei. Am nächsten Tag, mittags im Sterne‑Restaurant Favorite, das gleiche Bild. Kein Manager, der aus dem Büro heraus Kennzahlen wälzt, sondern ein Gastgeber, der seine Gäste anschaut, ihnen zuhört, der präsent ist. Es ist das Lebenswerk seines Vaters, das er in neue Höhen geführt hat – und man merkt, dass er nicht nur Bilanzzahlen verwaltet, sondern Verantwortung für Menschen trägt: Mitarbeiter, Lieferanten, Gäste, die Familien seiner Angestellten. Wer so arbeitet, ist nicht einfach „Steuerzahler“, der halt „seinen Beitrag leisten“ soll. Das ist ein Stück Stadtidentität, das man nicht beliebig belasten kann, ohne etwas zu zerstören.
Vor diesem Hintergrund wirkt die Bettensteuer wie eine unfaire Kränkung. Nicht, weil eine Stadt keine Einnahmen braucht – Mainz hat ein strukturelles Haushaltsproblem, das ist unbestreitbar. Sondern weil hier eine Branche, die über Jahre mitgeholfen hat, die Stadt attraktiv zu halten, nachträglich als selbstverständlich anzuzapfende Geldquelle behandelt wird. Man könnte diese Debatte auch anders führen. Man könnte transparent sagen: „Wir brauchen einen Gästebeitrag, wir sagen euch genau, wofür wir ihn verwenden, und wir setzen uns mit euch zusammen an einen Tisch, um sicherzustellen, dass der Tourismus als Ganzes gewinnt.“ Stattdessen hat man den bequemeren Weg gewählt: Bettensteuer, allgemeiner Haushalt, wir werden das schon irgendwie sinnvoll verwenden.
„Es wäre klug, wenn Mainz noch einmal in sich geht“
Mainz steht damit an einem Punkt, an dem es entscheiden muss, welche Geschichte es über sich selbst erzählt. Die eine Geschichte lautet: Wir sind eine Stadt, die ihre Gastgeber als Partner behandelt, die ihre Versprechen hält, die eine transparente, zweckgebundene Tourismusabgabe einführt und sich an ihr messen lässt. Die andere Geschichte lautet: Wir sind eine Stadt, die Hotels als Haushaltsreserve betrachtet – wenn Geld fehlt, drehen wir eben an dieser Schraube, und wenn die Betriebe protestieren, verweisen wir darauf, dass „ja nur die Touristen zahlen“.
Die Hotellerie und Gastronomie in Mainz sind nicht perfekt, wie keine Branche perfekt ist. Aber sie sind ein wesentlicher Teil dessen, was Mainz ausmacht: die Orte, an denen sich Menschen treffen, feiern, trauern, verabreden, verlieben. Wer das beste Stück Aussicht über die Stadt kennt, wer schon einmal oben auf der Laubenheimer Höhe stand und auf den Rhein geschaut hat, der weiß, dass es hier um mehr geht als um eine Zeile im Haushaltsplan. Es geht darum, ob eine Stadt versteht, dass ihre Lebensqualität nicht im Rathaus produziert wird, sondern in Küchen, an Empfangstresen, in Serviceteams und an Frühstücksbuffets.
Vielleicht ist es am Ende ganz einfach: Eine Stadt, die ihren Gastgebern misstraut, wird irgendwann auch von ihren Gästen weniger Vertrauen bekommen. Und eine Stadt, die ihre Partner wie Gegner behandelt, darf sich nicht wundern, wenn sich irgendwann niemand mehr freiwillig an den Tisch setzt, wenn die nächste Krise kommt. Es wäre klug, wenn Mainz noch einmal in sich geht – und den ursprünglich versprochenen Weg eines klaren, zweckgebundenen Gästebeitrags wählt, statt die Bettensteuer durchzuziehen, nur weil sie der bequemere Weg ist.
Über Tobias Huch
Freunde bezeichnen den Journalisten und Flüchtlingshelfer Tobias Huch als „Hans Dampf in allen Gassen“ und manchmal auf „Krawall gebürstet“. Mehrere Tassen Espresso sind meist in seiner Nähe, wenn der Nachtmensch und Buchautor durcharbeitet.