Die jüngst verkündete Waffenruhe zwischen den USA und dem iranischen Regime wird in vielen Medien als Zeichen der Entspannung interpretiert. Teilweise entsteht sogar der Eindruck, die Situation für die Menschen im Iran habe sich grundlegend verbessert. Diese Darstellung ist jedoch irreführend und greift zu kurz.
Ja, es ist richtig, dass viele Menschen im Iran erleichtert sind, dass vorerst keine Bomben mehr fallen. Diese Erleichterung ist menschlich und nachvollziehbar. Doch daraus abzuleiten, dass „nun alles wieder gut“ sei, ist schlicht falsch.
Das iranische Volk steht dabei zwischen zwei Fronten: auf der einen Seite die Repressionen des Regimes, insbesondere durch Geheimdienste und die iranischen Revolutionsgarden (IRGC), auf der anderen Seite ein Krieg, der von den USA und Israel geführt wird. In dieser Konstellation wird die Bevölkerung zwischen Machtinteressen aufgerieben, ohne Einfluss auf die Entscheidungen zu haben, die ihr Leben bestimmen.
Die Menschen im Iran stehen also zwischen militärischen Drohungen und Angriffen von außen sowie systematischer Unterdrückung im Inneren. Während Infrastruktur, Energieversorgung, Industrie und kulturelles Erbe gefährdet oder zerstört werden, verschärft das Regime zugleich seine Repressionsmaßnahmen. Politische Gefangene sind zunehmendem Druck ausgesetzt, Verhaftungen nehmen zu, und Hinrichtungen werden weiterhin als Instrument der Machtsicherung eingesetzt. Diese Realität zeigt: Der Krieg wird nicht im Interesse des Volkes geführt – er wird über seine Köpfe hinweg geführt.
Im Zentrum dieser Entwicklung stehen die IRGC. Sie sind nicht nur ein militärischer Akteur, sondern der entscheidende Machtapparat, der die politische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Struktur des Systems prägt. Sie treiben die Eskalation nach außen voran und sichern die Repression im Inneren ab. Ihre Rolle ist nicht defensiv, sondern strategisch auf Machterhalt und Expansion ausgerichtet. Das vorhandene Waffenarsenal und die militärischen Fähigkeiten der IRGC zeigen deutlich, dass ihre Zielsetzungen nicht mit den Interessen der iranischen Bevölkerung übereinstimmen, die in Frieden, Sicherheit und Würde leben will.
Aktuell nehmen nun Verhaftungen, Hinrichtungen und Einschüchterungsmaßnahmen im Iran deutlich zu. Besonders betroffen sind politische Gefangene, Aktivistinnen und Aktivisten sowie Andersdenkende. Das Regime nutzt die nachlassende internationale Aufmerksamkeit gezielt aus, um gegen den inneren Widerstand vorzugehen.
Der Iran befindet sich zugleich in einer tiefen Krise: Ein wirtschaftlich geschwächtes, gesellschaftlich zerrüttetes Land mit zerstörten Strukturen und wachsender Perspektivlosigkeit. Statt Lösungen anzubieten, reagiert das Regime mit Gewalt, Kontrolle und systematischer Unterdrückung.
Die aktuellen Entwicklungen deuten auf eine gezielte Strategie hin: Durch Repression und Mobilisierung versucht das Regime, seinen Machterhalt gegen den erklärten Willen vieler Menschen im Iran durchzusetzen – Menschen, die für Freiheit, Demokratie und grundlegende Rechte eintreten.
Besondere Aufmerksamkeit gilt weiterhin der bekannten Menschenrechtsverteidigerin und Rechtsanwältin Nasrin Sotoudeh sowie der Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi. Beide stehen stellvertretend für zahlreiche politische Gefangene im Iran. Ihr Schicksal ist exemplarisch für viele Betroffene, deren Stimmen international oft nicht gehört werden.
Gerade jetzt ist entschlossenes Handeln erforderlich. Die internationale Gemeinschaft, insbesondere die Bundesregierung, darf nicht schweigen. Es braucht:
sofortige Maßnahmen zur Freilassung politischer Gefangener
klaren politischen Druck auf das iranische Regime
konsequente Thematisierung der Menschenrechtsverletzungen in Öffentlichkeit und Diplomatie
Die aktuelle Entwicklung zeigt deutlich: Die Waffenruhe bedeutet keine Entwarnung für die Menschen im Iran. Im Gegenteil – sie markiert den Beginn einer neuen Phase innerstaatlicher Repression.
Zentrale Forderungen sind nun:
Stopp der Hinrichtungen im Iran
Freilassung politischer Gefangener
Wiederherstellung des freien Zugangs zum Internet
Internationale Aufmerksamkeit für Menschenrechtsverletzungen
Fazit
Die Waffenruhe bedeutet nicht das Ende der Gewalt, sie markiert lediglich einen Übergang.
Während international von Entspannung gesprochen wird, erleben viele Menschen im Iran weiterhin Angst, Repression und Gewalt, Verhaftung und Hinrichtung.
Wer jetzt von „Normalisierung“ spricht, ignoriert diese Realität.
Deshalb gilt: Hinschauen, berichten, Druck ausüben, gerade jetzt.
Jetzt ist der Moment, hinzusehen, zu handeln und die Stimmen der Betroffenen hörbar zu machen.
Über den Autor
Seit Jahrzehnten setzt sich der iranisch-stämmige Mainzer Behrouz Asadi für Menschenrechte, Flüchtlinge und Menschen in Not ein. Für sein Engagement wurde er im Oktober 2025 von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.