Immer mehr rassistische Angriffe in Mainz

Werden die rassistischen Angriffe in Mainz häufiger? Was wird gegen Fremdenhass und für die Opfer getan? Wir haben uns bei verschiedenen Stellen umgehört.

Immer mehr rassistische Angriffe in Mainz

Eine junge Frau wird in der Mainzer Altstadt angegriffen und rassistisch beleidigt (wir berichteten), eine Mitarbeiterin des Staatstheaters muss sich anhören, „Willst du kleine Ausländerin mir sagen, dass ich nicht reindarf?“, weil sie jemandem den Eintritt verweigert hatte (wir berichteten) – zwei Vorfälle, die nur innerhalb von wenigen Tagen in Mainz passierten.

Nehmen die Angriffe mit rassistischem Hintergrund zu? Was kann die Stadt tun, um dagegen vorzugehen? Das fragt sich ein Merkurist-Leser in einem Snip: „Rassistischer Angriff von Dienstag auf Minderjährige: warum reagiert die Stadt nicht? Wo ist die Politik?“

Bedrohungen, Beleidigungen, Körperverletzungen

Tatsächlich haben laut den Zahlen des Landeskriminalamts Rheinland-Pfalz (LKA) die „Fälle der politisch motivierten Kriminalität, die als rassistisch eingestuft wurden“, erheblich zugenommen. Waren es in ganz Rheinland-Pfalz im Jahr 2017 noch 25 Fälle, ist diese Zahl im vergangenen Jahr auf 54 gestiegen, sie haben sich also mehr als verdoppelt. In Mainz ist es noch deutlicher: Zwei Fälle wurden 2017 gemeldet, zehn waren es im letzten Jahr. Die Melde- und Beratungsstelle m*power mit Sitz in Koblenz spricht sogar von 16 rassistisch motivierte Vorfällen im Jahr 2021 allein in Mainz.

m*power setzt sich landesweit für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt ein. Hier können sich alle Rheinland-Pfälzer hinwenden, die von Rassismus betroffen sind: direkt, als Familienmitglied, Zeuge oder Freund. Sie arbeitet unabhängig von Behörden und Parteien und begleitet die Betroffenen dabei, ihre Erlebnisse zu bewältigen und Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen.

„Häufig schlägt sich die Frustration der eigenen Situation in Abwertungshandlungen und Gewalt gegen vermeintlich ‘minderwertige’ Menschen nieder“ - Rolf Knieper, m*power

„Neben Volksverhetzungen, Propagandadelikten und dem Zeigen verfassungsfeindlicher Kennzeichen wurden auch Beleidigungen, Bedrohungen sowie versuchte und gefährliche Körperverletzungen festgestellt“, berichtet der Leiter der Einrichtung, Rolf Knieper. „Die gemeldeten und dokumentierten Vorfälle sind sehr unterschiedlich.“ Auf dem Grundstück der Johannes Gutenberg-Universität habe man etwa zahlreiche rassistische und antisemitische Sticker entdeckt. Während des Mainzer Weihnachtsmarkts sei ein Mann wegen seiner vermeintlichen Herkunft rassistisch beleidigt worden. Ein Jugendlicher sei rassistisch beleidigt worden, als er einen aggressiven Mann von einem Übergriff auf einen Obdachlosen abbringen wollte.

Auch die Gründe und Auslöser für die Übergriffe seien ganz unterschiedlich, so Knieper. Mal haben die Täter ein rechtes Menschenbild, häufig spiele Frustration der eigenen Situation und eingeschriebene „Ungleichwertigkeitsvorstellungen von Menschen“ eine zentrale Rolle. „Die schlägt sich in Abwertungshandlungen und Gewalt gegen vermeintlich ‘minderwertige’ Menschen nieder.“

Stadt hat zentrale Koordinierungs- und Informationsstelle

Für die Stadt Mainz ist Carlos Wittmer für diesen Bereich verantwortlich. Seit fünf Jahren ist er Integrationsbeauftragter der Stadt. Seine Aufgabe ist es, sich für die Belange aller Mainzer Einwohner mit Migrationshintergrund einzusetzen. Dazu arbeitet er in der Verwaltung mit anderen Einrichtungen der Stadt zusammen, zum Beispiel mit dem Beirat für Migration und Integration, der Frauenbeauftragten, dem Flüchtlingskoordinator und der Koordinierungsstelle für Gleichstellung von LSBTIQ (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Intersexuelle und queere Menschen). Gleichzeitig ist Wittmer Leiter des Büros für Migration und Integration als zentrale Koordinierungs- und Informationsstelle.

Die Maßnahmen gegen Diskriminierung sowie Ausländer- und Fremdenfeindlichkeiten der Stadt: Veranstaltungen oder Workshops, die für für Antidiskriminierung und Fremdenfeindlichkeit sensibilisieren, die Interkulturelle Woche, Podiumsdiskussionen zu Themen wie Extremismus und Verschwörungstheorien sowie ein Austausch mit Fachstellen auf Landes- und kommunaler Ebene. „Ziel ist die die Teilhabe und Gleichstellung der rund 70.000 Mainzer:innen mit Migrationsgeschichte“, heißt es von Seiten der Stadt.

Auch die Mainzer Polizei sei „sehr sensibel“ bei dem Thema Rassismus, wie Pressespreche Rinaldo Roberto gegenüber Merkurist versichert. „Wir erfassen Rassismus als Motiv übervorsichtig genau.“ Doch weist er auch darauf hin, dass sicherlich nicht alle Vorfälle gemeldet würden. „Wir können nur das verfolgen, was angezeigt wird.“ Auch mit m*power arbeitet die Mainzer Polizei eng zusammen. Die Berater würden sich immer dann aktiv melden, sobald ein rassistischer Vorfall gemeldet werde, bieten Unterstützung und Beratung für die Betroffenen an.

Wie kann man auf einen Angriff reagieren?

Prinzipiell, so sagt Rolf Knieper, ist es bei einem Angriff zunächst immer wichtig, Ruhe zu bewahren, sich in Sicherheit zu bringen und Zeugen anzusprechen. Dann sollte die Polizei gerufen und Anzeige erstattet werden. Betroffene und Zeugen können ein „Gedächtnisprotokoll“ anlegen, indem sie aufschreiben, was wann und wo passiert ist, wie die Angreifer aussahen und ob es Zeugen gab. „Oft vergisst man Details schnell, daher ist das Gedächtnisprotokoll hilfreich“, so Kieper. Sollten Verletzungen und Schäden die Folge sein, gilt es, diese zu fotografieren, Verletzungen sollten ärztlich attestiert und der Verlauf der Heilung dokumentiert werden, etwa mit Fotos oder kurzen Tagebucheinträgen.

Danach sollten Betroffene mit Familie und Freunden über den Vorfall sprechen. „Wichtig in der ersten Zeit nach einem erschreckenden Ereignis sind regelmäßiges Essen, Trinken, Schlafen und sich viel Ruhe zu gönnen. Auch positive Beschäftigung kann hilfreich sein, Dinge tun, die Spaß machen, ablenken und eine kleine gedankliche Auszeit gönnen.“ Auch die Berater von m*power stehen nun zur Verfügung. „Wir bieten einen sicheren Raum, um sich über das Erlebte auszutauschen.“ Sie kommen auf Wunsch auch vorbei, helfen bei Terminen bei Polizei und Gericht, beraten zu möglichen Entschädigungsleistungen und zu psychologischer und anwaltlicher Unterstützung.

„Die Meldestelle will Erfahrungen wie strafbare Vorfälle sowie alltägliche Diskriminierungserfahrungen sichtbar machen“, erklärt Knieper. Aus den gesammelten Daten können dann Lagebilder erstellt und die Erfahrungen betroffener Personen in anonymisierter Form öffentlich gemacht werden.

Logo