Corona-Flyer von mutmaßlichem Verschwörungstheoretiker in Mainzer Briefkästen

Vergangene Woche wurden Flyer mit Informationen über Coronatests in Mainzer Briefkästen geworfen. Hinter all dem stecken die sogenannten Freiheitsboten.

Corona-Flyer von mutmaßlichem Verschwörungstheoretiker in Mainzer Briefkästen

Werbeflyer finden sich häufig zwischen Zeitungen und Briefen in der Post. Meist ist es eine neue Pizzeria, ein Lieferservice oder andere Werbung, die Mainzer Briefkästen füllen. Dass sich nun aber wie vergangene Woche in Mainz aufklärerische Corona-Faltblätter in die Post mischen, ist neu. Wir haben den Flyer genauer unter die Lupe genommen und mit dem Urheber Dr. Bodo Schiffmann gesprochen.

Was steht drin?

Der Flyer trägt die Überschrift „Positiv ist nicht krank“ und thematisiert die Fehlerbehaftung der Covid-19-Tests. Zu sehen ist eine Grafik, die eine Statistik zu den wöchentlichen Fällen darstellt. Hier wird die Anzahl der Testungen mit den positiven Tests in Relation gesetzt. Diese basiert auf dem Lagebericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) und stellt das Testgeschehen bis in die Kalenderwoche 37 (6. bis 12. September) dar.

Außer Informationen zur Sensitivität (die Fähigkeit eines Tests, die Patienten mit einer Krankheit korrekt zu bestimmen) und Spezifität (die Fähigkeit eines Tests, die Patienten ohne Krankheit korrekt zu bestimmen) von Tests wird behauptet, dass die „zweite Welle“ weltweit ohne erkennbaren Anstieg der Toten verläuft. Die Kernthese des Flyers ist, dass der Anstieg der positiven Fälle nur entsteht, weil zu viel getestet würde und die Fehlerquote das Bild verzerrt. Genaue Zahlen der Fehlerquote werden auf dem Flyer aber nicht genannt.

Was ist dran?

Schaut man sich die Zahlen zur Sensitivität und Spezifität an, stellt man fest, dass Tests tatsächlich fast immer fehlerbehaftet sind. Die Antikörper-Tests des Herstellers „Bencard Diagnostics“ weisen beispielsweise eine Sensitivität von 98,4 Prozent und eine Spezifizität von 99,8 Prozent auf. Eine hundertprozentige Sensitivität bestimmt alle positiv Getesteten richtig, während eine hundert prozentige Spezifität alle negativ Getesteten richtig identifiziert.

Für die Corona-Tests verwendet man in der Regel aber PCR-Tests, die laut dem deutschen Infektionsschutz hohe Qualitätsanforderung haben und nur selten falsch-positive Befunde bei den Testungen vorkommen lassen. Falsch-positiv ist man, wenn man ohne Ansteckung positiv getestet wurde. Da die Infektion mit dem Coronavirus symptomlos bleiben kann, kann ein positiver Test bei einem vermeintlich gesunden Menschen, dennoch richtig sein.

Der deutsche Infektionsschutz sagt zudem: „Je seltener eine Erkrankung ist und je ungezielter getestet wird, umso höher sind die Anforderungen an die Empfindlichkeit (Sensitivität) und die Zielgenauigkeit (Spezifität). Bei einer korrekten Durchführung der Tests und einer fachkundigen Beurteilung geht das Robert Koch-Institut von einer sehr geringen Zahl falsch-positiver Befunde aus, die die Einschätzung der Lage nicht verfälscht.“

Wer und was steckt dahinter?

Das Impressum des Flyers verweist auf den Hals-Nasen-Ohren-Arzt Dr. Bodo Schiffmann. In Sinsheim führt der Spezialist für Schwindelanfälle eine Privatklinik, die erst am Mittwoch von der Polizei durchsucht wurde. Der Grund dafür war, dass Schiffmann während der Pandemie falsche Atteste ausgestellt haben soll, die Menschen von der Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasen-Schutz-Maske freistellen.

Seit Beginn der Pandemie ist Schiffmann auf Demonstrationen in ganz Deutschland unterwegs und versteht sich als Aktivist der „Querdenker“-Bewegung. Auf dem YouTube-Kanal von Schiffmann folgen ihm über 165.000 Menschen. Doch handelt es sich bei Schiffmann wirklich um einen Verschwörungstheoretiker?

Der Psychologe Roland Imhoff ist Professor für Sozial- und Rechtsphilosophie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und hat sich unter anderem mit Verschwörungsmentalität eingängig auseinandergesetzt. Anhand des Flyers erkenne Imhoff keine Hinweise, die darauf deuten, dass Schiffmann sich wie ein Verschwörungstheoretiker verhält. Auch die Definitionen der Sensitivität und Spezifität seien richtig. Für den Psychologen scheint es so, als hätte Schiffmann die Auffassung, dass das Coronavirus ungefährlich sei. „Aus dieser Meinung heraus hat er die verfügbaren Informationen ausgewählt und unter diesem Aspekt betrachtet.“

Dieses Verhalten ist laut dem Psychologen nichts Ungewöhnliches. Ein solches Handeln, auch „motivierte Kognition“ genannt, ist laut ihm ein „alltäglicher Prozess in nahezu allen Lebensbereichen“. Die meisten Menschen überprüfen nicht mit Gegenbeweisen, ob ihre Überzeugungen wirklich richtig sind. Stattdessen suchen sie nach Dingen, die ihre Meinung bestätigen, so Imhoff.

Sind solche Flyer überhaupt erlaubt?

Der Polizei in Mainz war bisher nicht bekannt, dass solche Flyer verteilt wurden. Verboten ist das Verteilen der Flugblätter ebenfalls nicht, wie Polizeipressesprecherin Anna Dexheimer sagt. „Da in Deutschland die Meinungsfreiheit herrscht, handelt es sich hierbei um keine Straftat.“ Wäre der Inhalt der Flyer aber ein Aufruf zu Gewalt oder mit rassistischem Gedankengut behaftet, so sei es durchaus etwas, das strafrechtlich verfolgt werden müsse.

Auf Anfrage von Merkurist meldete sich Schiffmann und stellte klar, dass er selbst diese Flyer weder eingeworfen noch zugesendet hat. Der Inhalt dieser Flugblätter stammt allerdings durchaus von ihm, wie er bestätigt. „Die medizinischen und anderen Informationen zu der Covid-19-Erkrankung, die sie erhalten haben, wurden von mir inhaltlich überprüft und freigegeben.“ Zudem merkt er an, dass jeder diese Daten und Vorlagen unverändert herunterladen kann. Schiffmann empfiehlt den Briefkasten entsprechend zu kennzeichnen, falls man keine Werbung und Informationsflyer wünscht.

„Bitte keine Werbung!“-Hinweis schützt auch vor „Informations“-Flyern

Die Menschen, die diese Flugzettel in Mainzer Briefkästen verteilen, nennen sich Freiheitsboten und verstehen sich als Anhänger Schiffmanns. Der Arzt merkt jedoch an, die meisten seiner Anhänger nicht persönlich zu kennen. Die Freiheitsboten organisieren sich über Telegramgruppen in ganz Deutschland und verteilen „regelmäßig neue professionelle Flugblätter und Infozettel für Deine Spaziergänge“, wie es auf deren Website heißt. Auf dieser Website finden sich außer den Flyern auch die von Schiffmann erwähnten „Spielregeln“, die scheinbar „bei einigen Freiheitsboten zu Irritation“ führen, wie Schiffmann sagt.

Diese Spielregeln erklären, dass ein Hinweis wie „Bitte keine Werbung“ oder ähnliches ausdrücklich vermitteln, dass auch keine Flugblätter erwünscht sind. Werden trotzdem welche eingeworfen, handelt es sich um rechtswidrige Werbung, die laut der Website gegen das Eigentumsrecht und das Besitzrecht verstößt. Wer also keinerlei Infomaterial und weitere Flyer erhalten möchte, ist mit einem solchen Hinweis am Briefkasten vor dieser Art der Werbung geschützt.

Abgesehen davon, dass die Flugblätter keine aktuellen Informationen enthalten und die Infektionszahlen enorm steigen, liefert der Flyer keinerlei fundierte oder wissenschaftliche Quellen. Einzig eine veraltete Grafik mit Daten des Robert-Koch-Instituts, ein Link der Seite Statistikguru.de und ein Verweis auf Wikipedia (ohne Angabe des Links) begründen das Flugblatt. Im Vergleich finden sich in den Quellen des Robert-Koch-Instituts 280 wissenschaftliche Publikationen auf der Informationsseite über das Coronavirus. Der deutsche Infektionsschutz der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat eine Seite zusammengestellt, die hilft, verlässliche Informationen zu erkennen und sie von unverlässlichen abzugrenzen. (pk/df)

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