Eine neue Forschungsgruppe unter der Leitung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) will Verschwörungstheorien aus einer bisher wenig beachteten Perspektive beleuchten. Statt sich nur auf die negativen Folgen zu konzentrieren, untersucht das Projekt, welche Funktionen solche Überzeugungen für Einzelne, Gruppen und die Gesellschaft haben können. Wie die Universität mitteilt, fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) das Vorhaben in den kommenden vier Jahren mit rund vier Millionen Euro.
„Verschwörungstheorien werden bislang vor allem mit Blick auf ihre negativen Folgen untersucht“, erklärt Prof. Dr. Roland Imhoff, der die neue Forschungsgruppe koordiniert und an der JGU die Abteilung für Sozial- und Rechtspsychologie leitet. „Wir wollen diese Perspektive erweitern und systematisch fragen, welche psychologischen, sozialen oder gesellschaftlichen Funktionen sie unter bestimmten Bedingungen erfüllen können.“
Politik, soziale Medien und psychologische Motive
Für das Projekt mit dem Titel „Jenseits des Wahnsinns: Die Analyse von Verschwörungsüberzeugungen unter Berücksichtigung von deren Vorteilen“ arbeiten Forscher aus der Psychologie und der Kommunikationswissenschaft zusammen. Außer der JGU sind sieben weitere Einrichtungen aus Deutschland und Dänemark beteiligt, darunter die Universitäten Jena und München sowie das Leibniz-Institut für Psychologie in Trier.
Inhaltlich konzentriert sich die Gruppe auf drei Bereiche: die Rolle von Verschwörungstheorien in der Politik, ihre Verbreitung in sozialen Medien und die psychologischen Motive dahinter, wie etwa das Streben nach Kontrolle oder einfachen Erklärungen. Dabei gehen die Forscher davon aus, dass mögliche Vorteile und die bekannten negativen Folgen kein Widerspruch sein müssen. „Was für Einzelne kurzfristig Orientierung, Zugehörigkeit oder das Gefühl von Kontrolle vermittelt, kann langfristig Misstrauen, gesellschaftliche Spaltung oder Radikalisierung fördern“, so Imhoff.
Verschwörungsglaube bei Jugendlichen im Fokus
Das Mainzer Teilprojekt, das rund 1,2 Millionen Euro der Fördersumme erhält, widmet sich speziell der Entwicklung von verschwörungstheoretischen Weltbildern im Jugendalter. Durch Studien in Schulen und Familien wollen die Wissenschaftler besser verstehen, was Jugendliche dazu bewegt, die Welt als von geheimen Mächten gelenkt zu betrachten.
Laut Imhoff könnten bestimmte positive Erfahrungen dabei eine Rolle spielen. Dazu zähle etwa „das Gefühl, das Weltgeschehen besser zu verstehen, einen Erkenntnisvorsprung gegenüber Gleichaltrigen zu haben, von ihnen als einzigartig wahrgenommen zu werden, innerfamiliäre Konflikte zu vermeiden oder sich in der Haltung bestätigt zu fühlen, dass man Autoritäten nicht trauen kann“. Solche Erlebnisse könnten dazu beitragen, dass Verschwörungstheorien für Jugendliche attraktiv werden und sich verfestigen.