Jochen Rindt: Der Mainzer Formel-1-Weltmeister

Jochen Rindt, der einzige posthume Formel-1-Weltmeister, ist gebürtiger Mainzer. Doch die Verbindung ist enger als gedacht: Das Erbe einer Gewürzmühle aus Mainz finanzierte seinen Weg in den Motorsport. Heute vor 56 Jahren starb er bei einem Unfall.

Jochen Rindt: Der Mainzer Formel-1-Weltmeister

Am Samstagnachmittag (5. September) fahren die wohl besten Rennfahrer der Welt im italienischen Monza wieder auf der Formel-1-Strecke Autodromo Nazionale Monza. So war es auch am 5. September 1970, als Jochen Rindt als Führender der Formel-1-Meisterschaft in seinem Lotus das Abschlusstraining auf dem Kurs aufnahm. Es sollten die letzten Minuten im Leben des 28-Jährigen sein.

Seinen größten Erfolg, den Gewinn der Formel-1-WM 1970, erlebte Rindt nicht mehr. Er, der für einen Hype rund um die Formel 1 im deutschsprachigen Raum sorgte, und selbst dem großen Niki Lauda später als Vorbild diente, wie er mehrfach zu Lebzeiten betonte.

Vielen Menschen ist die Formel-1-Legende Jochen Rindt vor allem als Österreicher in Erinnerung, was wohl nicht nur durch die Tatsache begründet sein dürfte, dass Rind mit steierischem Dialekt sprach. Er fuhr auch mit einer österreichischen Renn-Lizenz, doch die deutsche Staatsbürgerschaft gab Rindt nie ab.

Geboren wurde er nämlich im April 1942 in der Mainzer Kaiserstraße 55. Und bis zu seinem Tod hatte Rindt noch einen großen Bezug zu seiner Heimatstadt. Sein Vater, Karl Rindt, war Inhaber der Mainzer Gewürzmühle „Klein & Rindt“, die ihren Sitz in der Rheinallee 96 hatte. Die Geschichte der Familie nahm jedoch eine dramatische Wendung: Im August 1943, als Jochen nur 15 Monate alt war, kamen seine Eltern bei einem Bombenangriff in Hamburg ums Leben. Daraufhin wuchs der Junge bei seinen Großeltern im österreichischen Graz auf.

Vom Erbe zum ersten Rennwagen

Bei Betriebsversammlungen oder Vorstandssitzungen wurde er von einem richterlichen Vormund vertreten. Von Zeit zu Zeit reiste sein Großvater, Dr. Hugo Martinowitz, mit ihm nach Mainz, um nach dem Rechten zu sehen. Teilweise wohnte Rindt in der Jakobsbergstraße, wo sich auch der Firmensitz befand. In der Ausstellung „Jochen Rindt – Mainzer Spuren“ aus dem Jahr 2012 wurde die Anekdote beschrieben, dass Rindt nach einem Skiunfall, der ihn vorübergehend bewegungsunfähig machte, ein VW Käfer inklusive Chauffeur aus Mainz geschickt wurde. „Jochen fand allerdings nur den Käfer gut. Den Chauffeur wurde er auf ganz galante Weise los. Der Käfer wurde für illegale Wettrennen zweckentfremdet“, hieß es in der Ausstellung.

1963 verkaufte Jochen Rindt die Gewürzmühle. Mit dem Erlös finanzierte er seinen ersten eigenen Rennwagen, einen gebrauchten Cooper Formel Junior. Auch später hielt er eine Verbindung zur lokalen Motorsportszene aufrecht und wurde Mitglied im Motor-Sport-Club Mainz-Finthen.

Der tragische Tod in Monza

1970 steuerte Rindt auf den großen Triumph zu. Vier Rennen vor Ende der Saison standen seine Chancen im Kampf um den WM-Titel sehr gut. Doch am Tag vor dem Grand Prix von Monza kam es zur Katastrophe. Auf dem damals schon als Highspeed-Strecke bekannten Kurs in Italien befand sich Rindt auf der Anfahrt zur legendären Parabolica-Kurve, als er den Rennwagen des Neuseeländers Denis Hulme mit Vollgas überholte.

Was dann passierte, konnte bis heute nie abschließend geklärt werden. Es gilt jedoch als wahrscheinlich, dass die Bremswelle an Rindts Lotus brach. Sein Wagen knallte gegen die Leitplanke, drehte sich weiter, berührte noch mehrfach die Streckenbegrenzung und kam schließlich zum Stehen. Das Auto war stark zerstört, unter anderem ragten Rindts Beine nun ins Freie. Unklar ist bis heute, ob Rindt zu diesem Zeitpunkt schon gestorben war, oder ob er im Krankenwagen auf dem Weg in Mailänder Klinik starb.

Tragisch wie auch sinnbildlich für diese Zeit in der Formel 1: Womöglich hätte Jochen Rindt den schweren Unfall überleben können. Wohl aus Angst, sich nach einem Feuer in Folge eines Unfalls nicht aus seinem Fahrzeug befreien zu können, hatte der Rennfahrer seine Sicherheitsgurte nicht richtig angelegt. Genau das wurde ihm wahrscheinlich zum Verhängnis.

Keiner seiner Konkurrenten war in den folgenden Rennen in der Lage, Rindts massiven Vorsprung in der Fahrer-WM noch aufzuholen. Nach dem vorletzten Saison-Lauf in Kanada war klar: Der verstorbene Jochen Rindt aus Mainz ist der Formel-1-Weltmeister 1970. Bis heute ist Rindt der einzige Fahrer der Formel-1-Geschichte, der nach seinem Tod Weltmeister wurde.

Späte Wiederentdeckung und Gedenkorte

Erst Jahrzehnte später wurde die enge Verbindung Rindts zu Mainz wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt, maßgeblich durch die Journalistin Ann-Iren Ossenbrink. Ihre Recherchen mündeten 2012 in der Ausstellung „Jochen Rindt – Mainzer Spuren“ im Rathaus, die vom Mainzer Automobil-Club und dem Stadtarchiv organisiert wurde.

Heute erinnern mehrere Orte in Mainz an den berühmten Sohn der Stadt. Im Favorite Parkhotel, dem damaligen Clublokal des Mainzer Automobil-Clubs, wurden 2016 eine Gedenktafel und eine Stele eingeweiht. Zudem schuf der Mainzer Bildhauer Karlheinz Oswald 2015 eine Bronze-Büste des Rennfahrers. Wo früher die Gewürzmühle der Rindts war, steht heute ein Neubau des „Erdal“-Unternehmens. Eine Gedenktafel oder ähnliches gibt es dort jedoch nicht.

Dafür erinnerte Udo Jürgens, einer von Rindts besten Freunden, an den Mainzer Weltmeister. In dem Lied „Der Champion“ heißt es unter anderem: „Sieg, Niederlage oder Tod. Nur die drei Chancen kennt dein Spiel. Auf eine davon rast du zu, in Richtung Ziel.“