Mainzer Regisseur sorgt mit Verfilmung des Hanau-Attentats für Entsetzen

Der Regisseur Uwe Boll will das rassistische Attentat in Hanau vom 19. Februar 2020 verfilmen. Die Angehörigen der Opfer und die Stadt Hanau wenden sich in einem offenen Brief an den Filmemacher.

Mainzer Regisseur sorgt mit Verfilmung des Hanau-Attentats für Entsetzen

Vor gut einem Jahr erschoss der 43-jährige Deutsche Tobias R. in Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven, bevor er vermutlich seine Mutter und schließlich sich selbst tötete. Die Tat sorgte bundesweit für Entsetzen und große Anteilnahme. Der Regisseur Uwe Boll, der in Mainz und Kanada lebt, will das Attentat jetzt verfilmen, worüber die BILD-Zeitung vor Kurzem berichtete. Die Angehörigen der Opfer und die Stadt Hanau zeigen sich fassungslos darüber und bitten ihn in einem gemeinsamen offenen Brief darum, den Dreh einzustellen.

„Unter dem Deckmäntelchen der Aufklärung und Kunst nutzen Sie das unbeschreibliche Leid der Opfer und ihrer Angehörigen, um Ihren Wunsch nach Publicity zu befriedigen.“ - Angehörige und Stadt

„Wir alle – die Familien der Opfer, der Magistrat sowie die Stadtverordnetenvorsteherin und die Fraktionen – fordern Sie mit Nachdruck auf, die Vorbereitungen sofort einzustellen und auf die Dreharbeiten zur Realisierung dieses Films zu verzichten“, heißt es in dem Brief, der auch von Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky unterzeichnet wurde. „Unter dem Deckmäntelchen der Aufklärung und Kunst nutzen Sie das unbeschreibliche Leid der Opfer und ihrer Angehörigen, um Ihren Wunsch nach Publicity und die blutrünstige Sensationsgier Ihres Publikums zu befriedigen.“ Boll habe im Vorfeld außerdem weder Kontakt mit den Opfer-Familien noch mit der Stadtverwaltung aufgenommen.

Stadt und Opfer-Familien erklärten in dem Brief weiter, das Attentat des 19. Februars 2020 habe „viele Wunden gerissen“ – in den betroffenen Familien, in der ganzen Stadtgesellschaft. „Die Stadt ist seither nicht mehr dieselbe und wir alle tun unser Bestes, um die Ereignisse angemessen zu verarbeiten. Es übersteigt unsere Vorstellungskraft, welche Geisteshaltung notwendig ist, um den gewaltsamen Tod von neun Mitmenschen in einer Art und Weise filmisch umzusetzen, die nach Ihren eigenen Worten zu hart für die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ist“, so die Stadt und die Angehörigen in dem Schreiben mit Blick auf ein Zitat Bolls in der „Bild“.

Für den Fall der Umsetzung des Projekts forderten sie Boll auf, „die Persönlichkeitsrechte der Angehörigen, deren Pietätsempfinden und die fortwirkende Menschenwürde der Verstorbenen zu beachten“. Andernfalls wurden juristische Schritte angekündigt. „Wir werden gemeinsam alle Hebel in Bewegung setzen, um dieser Verzerrung der schrecklichen Ereignisse vom 19. Februar 2020 entgegenzutreten.“

Boll verteidigt seinen Film

Der Regisseur selbst verteidigte sein Vorhaben am Freitagabend gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Er stehe damit auf der Seite der Opfer und wolle zu der geforderten Aufklärung der Ereignisse beitragen. Es sei nachvollziehbar, wenn das Thema emotional belastend sei. Er sei auch der Auffassung, „dass der Film nicht unbedingt von den Familien der Opfer angesehen werden sollte“, so Boll.

Der Anschlag habe aber wieder verdeutlicht, welche Gefahren der wachsende Rechtsextremismus und zunehmende Verschwörungstheorien bergen, deshalb sei es wichtig, das Thema aufzugreifen. Außerdem sagte Boll der dpa, er habe zuvor Kontakt mit der Bildungsinitiative Ferhat Unvar aufgenommen. Von dort habe er aber signalisiert bekommen, dass man von dem Projekt Abstand nehme. Unvar gehörte zu den Todesopfern des Anschlags, die Bildungsinitiative hatte seine Mutter gegründet. Der Film sei bereits gedreht und dürfte in einigen Monaten fertiggestellt sein.

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