Sie gelten als ausgestorben: Typen. Der Gattung Viri genuini, also der echten Typen. Aber besonders tot war die Art im Fußball, wo Heranwachsende in verzweifelten Fällen für Aufmerksamkeit sogar zur Eckfahne greifen müssen oder alternde Männchen, die aus dem Relevanzrahmen gefallen sind, den medialen Brunftruf praktizieren.
In dieser Saison wurde die Art jedoch erstmals wieder mehrfach gesichtet. Zuletzt in Hamburg, auf dem Kiez am Millerntor. So mancher Jungspund bezeichnet sich gerne als Macher, was Phillip Tietz allerdings am Wochenende gemacht hat, verdient sich das Prädikat der Tat auch tatsächlich. Der Mann der Tat hat malocht – für Mainz 05 im Abstiegskampf.
Tietz hat eine Saison gedreht – nicht nur für Mainz 05, sondern auch für sich selbst. Er kam aus einer schwierigen Phase beim FC Augsburg, Fragen nach der Bundesligatauglichkeit standen im Raum und auch in Mainz waren mit seiner Verpflichtung die Fragezeichen groß. Kolportierte vier Millionen für einen Ersatzspieler, das klang viel. Woher also das Selbstbewusstsein kam, dass er nach Mainz mitbrachte, ist sein Geheimnis – aber es muss der Schnorro sein.
Tietzis Freude und Freundlichkeit, sein Auftreten, sein Äußeres – bei Mainz 05 mag man Charaktere, die ausdrucksstark, ehrlich und demütig sind. Nach dem eigenen Klassenerhalt St. Pauli nur das Beste zu wünschen, dem Kiez-Club Mut zuzureden und die Bedeutung der Hamburger in der Bundesliga zu betonen, zeugt von Reflexion und Wahrnehmung, die über die Seitenlinie hinaus reicht.
Phillip Tietz war nicht der Unterschiedsspieler, er war der Unterschiedsmensch. Er ist der Beweis, dass Kultur Menschen bewegt. Eine Kultur der kleinen Dinge, wie ein kindliches Kichern in einem Interview, ehrliche Tränen auf dem Platz nach Stuttgart – die die Verantwortung bei sich selbst suchen – und ein Wettrennen mit der eigenen Tochter in der Stadt. In Zeiten, in denen sich Fußballer als Marken und modisch perfekte Social Media Stars mit englischen Postings inszenieren, gibt Phillipp Tietz mir was Echtes. Danke für die Wahrhaftigkeit, Tietzi. Das nächste Bier geht auf mich und dein Name wird auf meinem nächsten Trikot stehen.
Über den Autor
Jan Budde ist Mitbegründer und Moderator des Hinterhofsänger-Talks, dem Mainz 05-Podcast.
Über die Fan-Kolumne
Was ist gerade Thema bei Fußball-Fans in Mainz und Umgebung? In der Fan-Kolumne berichten Felicitas Budde, Christoph Kessel, Sebastian Schneider und Alex Schulz im Wechsel, was sie gerade rund um Mainz 05, den Fußball allgemein oder gesellschaftspolitisch bewegt.