Brauchen wir die Maskenpflicht noch?

Brauchen wir noch eine Maskenpflicht für Geimpfte und Genesene? Oder sollten direkt alle Maßnahmen aufgehoben werden wie in anderen europäischen Ländern? Wir haben Experten zu dem Thema befragt.

Brauchen wir die Maskenpflicht noch?

Wer in Dänemark oder in Großbritannien einkaufen geht oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln fährt, sieht sie nur noch selten: Masken. Denn in beiden Ländern wurden sämtliche Corona-Regeln aufgehoben. Auch eine Maskenpflicht gibt es entsprechend nicht mehr. In Deutschland sieht es anders aus: In vielen Bereichen gibt es die Pflicht noch, teilweise unterscheiden sich die Länder bei ihren Regeln. In Rheinland-Pfalz muss beispielsweise noch im Supermarkt, im ÖPNV oder im Einzelhandel Maske getragen werden. Doch ist das noch verhältnismäßig?

Ein Merkurist-Leser macht sich in seinem Snip zumindest für eine Aufhebung der Maskenpflicht für Geimpfte und Genesene stark. Ein weiterer User findet das schwierig umzusetzen. „Wie soll man das kontrollieren und vor allem wer soll das machen?“, fragt er. Andere User wollen einen „Freedom Day“ für alle, wie es das Vereinigte Königreich vorgemacht hat.

Doch was sagen Experten? Wir haben den Virologen Dr. Martin Stürmer, den Aerosolforscher Dr. Gerhard Scheuch und die Mainzer Anwältin Jessica Hamed gefragt, ob sie eine Aufhebung der Maskenpflicht richtig fänden. Am Ende des Artikels erfahrt ihr, was das Land Rheinland-Pfalz dazu sagt.

Das sagt der Virologe

Der Virologe Dr. Martin Stürmer vom Frankfurter „IMD Labor“ ist einer der bekanntesten Corona-Erklärer des Landes und trat schon mehrfach in TV-Talkshows zu dem Thema auf. Er hält eine Maskenpflicht zum jetzigen Zeitpunkt „auf jeden Fall für verhältnismäßig“, da weder Genesene noch Geimpfte getestet würden. „Zusätzlich ist das Infektionsgeschehen relativ hoch und wird noch zunehmen, und die Impfquote ist noch zu niedrig, daher besteht von diesen ausgehend eine gewisse Ansteckungsgefahr mit dem Risiko von größeren Ausbrüchen, vor allem in Innenräumen“, so Stürmer gegenüber Merkurist.

Die Rückkehr zu Normalität mit einer allgemeinen Aufhebung der Maskenpflicht sollte laut Stürmer ab dem Zeitpunkt in Angriff genommen werden, „wenn wir so gut wie jedem in Deutschland eine Impfung anbieten können, also auch den unter 12-Jährigen“.

Eine Aufhebung der Maskenpflicht nur für bestimmte Gruppen hält Stürmer nicht für umsetzbar. „Ich sehe kaum Möglichkeiten, eine Maskenpflicht nur für nicht Geimpfte bzw. nicht Genesene im Alltag umzusetzen, vor allem im ÖPNV oder beim Einkaufen.“

Das sagt der Aerosolexperte

Der Physiker Dr. Gerhard Scheuch gilt als einer der weltweit führenden Aerosol-Experten. Auch in der Corona-Pandemie erklärt er in den Medien, wie sich Aerosole im Raum verteilen. Eine Maskenpflicht sei unter bestimmten Umständen durchaus noch sinnvoll, sagt Scheuch, da auch Genesene und Geimpfte infektiös sein können: „Zum Beispiel in engen unbelüfteten Räumen, in denen mehrere Personen zusammenkommen. Unsinnig ist sie sicherlich in großen Hallen, im Freien oder in Situationen, in denen wir einen Raum nur sehr kurz betreten.“

Durch neueste Publikationen wisse man, dass Geimpfte und Genesene genauso ansteckend seien wie Ungeimpfte, aber über einen viel kürzeren Zeitraum. „Dadurch ist natürlich die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung, die von diesen Personen ausgeht, geringer. Wenn man aber auf einen dieser Personen zum falschen Zeitpunkt trifft, ist die Infektiosität nahezu genauso hoch, als wenn die Person nicht geimpft wäre“, so Scheuch.

Einen Zeitpunkt, an dem man die Maskenpflicht aufheben müsse, sei schwer zu definieren. „Aus meiner Sicht sollte man die Maskenpflicht vielleicht durch eine freiwillige Masken-Empfehlung ersetzen, wenn die Inzidenzen einen bestimmten Wert unterschreiten“, so Scheuch. Dieser Wert sei aber von der Politik festzulegen. „Denn je niedriger die Inzidenz, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit auf einen Infizierten zu treffen.“

Auch Scheuch hält eine Maskenpflicht nur für nicht-immunisierte Personen für nicht praktikabel. „Wer soll das bitte kontrollieren?“, so Scheuch.

Das sagt die Juristin

Die Mainzer Anwältin Jessica Hamed sorgte im April mit einem Eilantrag dafür, dass die Ausgangssperre in Mainz aufgehoben wurde (wir berichteten). Für Hamed ist auch eine unterschiedliche Behandlung von Geimpften und Ungeimpften „juristisch nicht begründbar“, da Geimpfte ebenfalls in relevanter Weise zum Infektionsgeschehen beitrügen. Hamed sagt: „Problematisch ist bei Geimpften zusätzlich, dass sie sich deutlich seltener testen lassen und gleichzeitig weniger Hygienemaßnahmen einhalten (müssen) und so eher eine Infektion auftritt, die zugleich eher unerfasst bleibt als bei Ungeimpften.“

Hamed sagt klar: „Wir brauchen spätestens ab jetzt keine Maskenpflicht mehr.“ Aufgrund des hohen Immunisierungsgrades in unserer Gesellschaft durch Impfungen und durchgemachte Infektionen sei eine Überlastung der Intensivstationen unwahrscheinlich. „Die Aufrechterhaltung von Maßnahmen wie der Maskenpflicht im Einzelhandel oder im Restaurant ist zum Individualschutz offensichtlich nicht mehr verhältnismäßig, denn es bestehen diverse Möglichkeiten, bei einem erhöhten Sicherheitsbedürfnis das Risiko eigenverantwortlich zu reduzieren.“ In Dänemark sei es auch nicht zu einer Überlastung des Gesundheitssystems gekommen, obwohl man die Maskenpflicht bereits Anfang Juni fast in Gänze aufgehoben hatte, also zu einem Zeitpunkt, zu dem weit weniger Menschen als jetzt in Deutschland vollständig geimpft waren, nämlich lediglich 24,8 Prozent der Bevölkerung. Anfang September hob Dänemark die letzten Maßnahmen auf.

Abgesehen von rechtlichen Bedenken sei eine Aufhebung der Maskenpflicht nur für Geimpfte und Genesene auch praktisch nicht umsetzbar, so Hamed. „Eine Überprüfung des Immunisierungsstatus etwa durch Ladenpersonal ist weder zumutbar noch sinnvoll und gesellschaftlich auch nicht wünschenswert.“ Gesundheitsdaten preiszugeben dürfe nicht noch mehr zur „Normalität“ werden. „Das kann und darf kein Dauerzustand werden und diese massive Freiheitsbeschränkung sollte bei jedem Menschen ein Störgefühl auslösen.“ Zudem wäre die Aufhebung der Maskenpflicht nur für Geimpfte und Genesene auch als weitere Stigmatisierung Ungeimpfter abzulehnen.

Das plant das Land Rheinland-Pfalz

Ein Sprecher des rheinland-pfälzischen Gesundheitsministerium schreibt auf Merkurist-Anfrage, dass die Maskenpflicht bereits in einigen Bereichen zurück genommen wurde. So entfällt sie meist dort, wo neben Geimpften, Genesenen und Kindern bis 11 Jahre nur ein bestimmtes Kontingent nicht-immunisierter Personen gleichzeitig anwesend ist. Das ist zum Beispiel in der Gastronomie, in Kinos und Theatern der Fall. „Bei der Ausrichtung von Veranstaltungen gilt die Maskenpflicht überdies nur optional; der Veranstalter oder die Veranstalterin kann wählen, ob die Maskenpflicht oder das Abstandsgebot für die Veranstaltung gelten soll. Zudem entfällt die Maskenpflicht in vielen Bereichen, sobald Personen einen festen Platz einnehmen“, so der Sprecher.

Aber: Der Anteil der nicht-immunen Bevölkerung sei immer noch groß. Der Sprecher sagt: „Das Tragen einer Maske verringert das Risiko der Übertragung des Coronavirus und ist dabei vergleichsweise wenig eingriffsintensiv. Die Maskenpflicht in bestimmten Bereichen stellt daher nach wie vor eine erforderliche und verhältnismäßige Maßnahme zur Eindämmung der Übertragung des Coronavirus dar.“ Auch für geimpfte und genesene Personen bestehe weiterhin ein Restrisiko einer Infektion und einer Erkrankung an Covid-19. „Deshalb gilt die Maskenpflicht zur Gewährung bestmöglichen Infektionsschutzes auch für diese Personengruppe zunächst weiter.“

Die rheinland-pfälzische Landesregierung prüfe fortlaufend, ob Corona-Bekämpfungsmaßnahmen wie die Maskenpflicht angesichts des Impffortschritts und des Infektionsgeschehens noch erforderlich und verhältnismäßig seien. „Damit eine Rückkehr zur Normalität möglich ist, müsste die Impfquote aller Erwachsenen auf mehr als 90 Prozent steigen“, so der Sprecher des Gesundheitsministeriums. „Dann werden zwar weiter Menschen an Covid-19 erkranken, aber nicht mehr so viele und nicht mehr mit so schweren Verläufen.“

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