100 Windräder pro Jahr: Ist das machbar?

Bis zum Jahr 2030 soll Rheinland-Pfalz seinen Stromverbrauch zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien decken, so das ambitionierte Ziel der Landesregierung. Unter welchen Voraussetzungen ist das machbar? Wir haben Experten dazu befragt.

100 Windräder pro Jahr: Ist das machbar?

Der gesamte Strom in Rheinland-Pfalz soll innerhalb der nächsten acht Jahre aus regenerativen Quellen stammen – also aus erneuerbaren Energien gewonnen werden. An diesem Ziel hält die Landesregierung weiter fest. Der wesentliche Anteil (zwei Drittel) soll aus Windkraft erzeugt werden, etwa ein Drittel aus Photovoltaik. Wasserkraft spiele demnach künftig mit fünf Prozent eine eher geringe Rolle.

Erneuerbare Energien wie Windenergie, Solarenergie und Wasserkraft seien, „anders als fossile Energieträger (Kohle, Erdöl, und Erdgas), nahezu unerschöpflich und verursachen keine Klima schädlichen Treibhausgase“, so die Energieagentur Rheinland-Pfalz, die als Dienstleister Kommunen und Unternehmen bei der Umsetzung von Energie- und Klimaschutzkonzepten unterstützt. Im „Energiepark Mainz“ in Hechtsheim etwa wird seit dem Jahr 2015 mit Hilfe von Strom aus Windenergie Wasserstoff hergestellt. Dieser wiederum wird zum Beispiel für die neuen Brennstoffzellenbusse in Mainz und Wiesbaden genutzt (wir berichteten). Auch die Stadt Mainz will ein besseres Klima schaffen und bis 2035 klimaneutral sein (wir berichteten).

Wie im Koalitionsvertrag festgeschrieben, sollen in Rheinland-Pfalz 500 Megawatt Photovoltaik und 500 Megawatt Windkraft pro Jahr ausgebaut werden – eine Verdopplung der installierten Leistung bei Windkraft. Gleichzeitig soll durch sogenanntes Repowering, also dass alte und leistungsschwache Anlagen durch neue ersetzt werden, die Zahl der Anlagen an einem Standort gegebenenfalls auch in Form einer Einzelanlage reduziert werden. Wie der SWR ausgerechnet hat, müssten, will man dieses Ziel erreichen, jährlich 100 neue Windräder gebaut werden.

100 neue Windräder jährlich – ist das machbar?

Doch ist dieses Ziel überhaupt erreichbar? Was sagen die Experten dazu? Wir haben dazu bei Dr. Jörn Parplies und Marcus Krebs nachgefragt. Beide arbeiten bei dem Unternehmen wiwi consult, bei der Windenergie-Pionier Matthias Willenbacher als Gesellschafter fungiert. Als Projektentwickler agieren die Mitarbeiter von wiwi consult im Bereich der erneuerbaren Energien: Sie pachten, kaufen und erschließen etwa geeignete Flächen für Solar- und Windenenergieanlagen und übernehmen bestehende Anlagen. Auch Parplies und Krebs treibt das Ziel an, dass die Energieversorgung schnellstmöglich auf 100 Prozent erneuerbare Energien umgestellt wird.

„Es geht bisher weiterhin politisch zu langsam“, sagt Prokurist Marcus Krebs. „Auf allen Ebenen muss der politische Handlungswille erhöht werden.“ Das Ziel der Landesregierung sei „natürlich ein deutlicher Fortschritt und die benötigte Mindestmenge“, so Jörn Parplies, Leiter Projektentwicklung. Doch seien vor allem die Vorgänge in den Behörden bisher viel zu langsam und oft wenig effizient. So müsse auch die Politik die Voraussetzungen dafür schaffen, vor allem „auf den Planungs- und Genehmigungsebenen“.

„Alle Verfahren müssen schnell digitalisiert werden, die Behörden müssen schnell personell und fachlich ausgestattet werden“ – Dr. Jörn Parplies

Das bedeute konkret: Das Planungsrecht müsse vereinfacht werden, die Verfahren zu den vorbereitenden Bauleitplänen (FNP) schneller und einfacher vonstatten gehen. „Alle Verfahren müssen schnell digitalisiert werden, die Behörden müssen schnell personell und fachlich ausgestattet werden, um eine deutlich größere Anzahl an Verfahren parallel abwickeln zu können“, so Parplies.

Geplant sind Mindestabstände von 900 Metern

Wichtig sei, einheitliche Leitfäden und Richtlinien zu schaffen. „Die Behörden sollten zudem ihre Verfahrensfristen konsequent einhalten.“ Gemäß Koalitionsvertrag der Landesregierung sollen neue Mindestabstände zu Wohngebieten von 900 Metern gelten, beim Repowering sollen diese um weitere 20 Prozent reduziert werden. Windräder in Kernzonen von Naturparken sollen weiterhin ausgeschlossen werden. Doch konkret festgeschrieben sind diese Ziele bisher nicht. „Sie können also in der Praxis weiterhin nicht angewendet werden“, so Krebs.

Nach dieser Regelung seien prinzipiell für den Ausbau der Windenergie besonders diese Flächen geeignet, „bei denen die neuen, verringerten Siedlungsabstände noch unbebaut sind und keine offensichtlichen harten Restriktionen vorliegen“, sagt Parplies. Auch er würde Repowering immer bevorzugen, um alte und akzeptierte Flächen zu nutzen. Doch auch hier müssten die Anforderungen weiter vereinfacht werden. „Der Zeitverlust zum Beispiel für Gutachten ist oft immens hoch, hinzu kommen die hohen Kosten, bevor man überhaupt über einen Antrag an einem schon seit Jahrzehnten bebauten Standort reden darf“, so Krebs. „Das ist vielfach nicht nachvollziehbar.“

Seit Monaten werde über eine „neue, einfach umzusetzende Regelung zum reduzierten Baulastradius um eine Windenergieanlage gesprochen“, mahnt Krebs an – ohne dass es auch schnell zu einer pragmatischen Regelung komme. „Das ist von der Handlungskomplexität her eine Kleinigkeit – wenn das jedoch schon Monate in Anspruch nimmt, wie soll das bei komplexen Themen laufen?“

Auch müssten Kommunen und Verbandsgemeinden klarere Vorgaben zum Ausbau bekommen. „Viele Verbandsgemeinden scheuen sich vor aufwändigen Fortschreibungen ihrer Bauleitpläne, in die sie in den zurückliegenden Jahren viel Zeit und Arbeit reingesteckt haben – hier müssen einfache planungsrechtliche Alternativen aufgezeigt werden, um nicht so viel Zeit zu verlieren“, so Krebs.

Hinweis: Matthias Willenbacher ist seit Anfang 2021 auch Inhaber von Merkurist.

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