Lieferengpässe: Mainzer Einzelhändler beginnen zu hamstern

In Deutschland werden die Waren knapp, viele Rohstoffe und Produkte können nicht geliefert werden. Grund sind die Pandemie, die Lockdowns und die Produktionsbeschränkungen. Müssen wir nun mit leeren Regalen rechnen?

Lieferengpässe: Mainzer Einzelhändler beginnen zu hamstern

Sie bestellen, was sie noch bekommen können, füllen ihre Lager, decken sich ein: Viele Mainzer Geschäftsinhaber und Händler leiden unter Lieferengpässen. Und das kurz vor Weihnachten, der Zeit des höchsten Jahresumsatzes. Tatsächlich müssen wir damit rechnen, bestimmte Produkte gar nicht mehr zu bekommen.

Die Gründe dafür sind vielschichtig und hängen vor allem mit der Pandemie und den weltweiten Maßnahmen zusammen: Der Lockdown in Vietnam etwa hat dazu geführt, dass Kleidung nicht mehr produziert werden konnte. Seit nach den Lockdowns die globale Nachfrage wieder anzieht, fehlen Kapazitäten, LKW-Fahrer sind nicht nur in Großbritannien Mangelware. Transporte verteuern sich, in Asien stauen sich die Container. In den Paketlagern kann teilweise nur die Hälfte ausgeliefert werden. Und so müssen auch Mainzer Geschäfte befürchten, manche Produkte gar nicht mehr zu bekommen. Wir haben mit einigen Händlern gesprochen, wie die aktuelle Lage ist.

Fahrräder

„Alles ist derzeit knapp: Fahrräder, Zubehör, Schaltgeber, Bremszüge,…“ Alexander Heimann von den Mainzer Radgebern klingt hektisch, als er davon berichtet, wie sein Alltag momentan aussieht. Braucht er ein Ersatzteil, muss er inzwischen mehrfach bei den Lieferanten nachfragen, oft wochenlang. „Sonst haben wir immer eine E-Mail geschrieben, und die Teile waren zwei Tage später da. Nun müssen wir sehen, ob wir die Waren überhaupt bekommen.“

Auch für die Lieferanten seien der Aufwand und die Personalkosten dadurch enorm gestiegen, daher würden die Produkte teurer, so Heimann. Bei einigen Fahrradmarken kann die Wartezeit bis zu einem Jahr betragen, bei Ersatzteilen bis zu mehreren Monaten. Heimann empfiehlt, flexibel zu sein, etwa was Farbe und Marke betrifft, und sich frühzeitig zu informieren. Einzige Ausnahme seien Kinderfahrräder: „Da haben wir vorgesorgt und eine große Anzahl an unterschiedlichen Modellen und Größen vorbestellt.“ Allerdings könne es immer sein, dass Fahrräder wegen kurzfristiger Lieferengpässe der Zulieferer nicht pünktlich verfügbar seien. 2023 oder 2024 rechnet er damit, das sich die Lage „ein bisschen beruhigt haben wird.“

Haushaltsgeräte

Kritisch ist es auch bei Haushaltsgeräten. „Lieferverzögerungen betragen mehrere Wochen und sogar Monate“, berichtet Jens Dengler, Inhaber von Rocker Service e.K. in der Neustadt. Schuld an den Verzögerungen seien vornehmlich fehlende Logistikkapazitäten sowie Störungen in den Lieferketten von Vorlieferanten, „insbesondere im Bereich der Halbleiter und Chips.“ – also vor allem bei den elektrotechnischen Teilen. Rocker sei dennoch „durchgehend lieferfähig und ausreichend bevorratet“, da sie ihre Lagerhaltung deutlich erweitert haben, auch für das Weihnachtsgeschäft und darüber hinaus – wenn auch manchmal mit einer Alternative statt des ursprünglich gewünschten Geräts.

Ein Produzent von Halbleitern hat seinen Sitz ganz in der Nähe, in Bodenheim. Dr. Heiner Flocke, der Geschäftsführer der iC-Haus GmbH, spricht sogar davon, dass sich die Produktion einiger Halbleiter um bis zu 30 Wochen verzögere. Die Ursache dafür liegt noch weiter davor: Vorlieferanten und Dienstleister bringen nur verzögert die Rohstoffe herbei, die Fabriken seien ausgelastet. Derzeit seien Rohstoffe Mangelware. Gleichzeitig bestehe ein erhöhter Marktbedarf. „Auch unsere Produktion ist voll ausgelastet, Planung und Logistik sind extrem gefordert“, so Flocke. Der Chip-Mangel werde noch weit im nächsten Jahr anhalten, erwartet er. „Eventuell wird die Nachfrage der Verarbeiter sinken, da Materialien fehlen, verbunden mit einem weltweiten Abschwung.“

Möbel und Bau

„Die Situation hat zu einem Ungleichgewicht in der globalen Warenversorgung geführt, von dem auch IKEA betroffen ist“, meldet das schwedische Möbelhaus auf seiner Webseite. Grund für die Engpässe sei auch hier das „vergangene Pandemiejahr“. Weltweit gebe es Engpässe bei Transporten auf dem Seeweg, Häfen seien überlastet, Rohstoffe nicht verfügbar, die Nachfrage nach bestimmten Produkten „historisch hoch“.

Beim Mainzer Bau-Fachhändlers Köbig hat man die Erfahrung gemacht, dass es immer wieder zu Ausfällen komme und damit verbunden zu Baustopps. Knapp würden vor allem Kunststoffprodukte sowie Produkte, für die Kunststoffe benötigt würden, berichtet Julian Schäfer aus dem Vertrieb bei Köbig. „Auch Importe aus Asien und Nordamerika sind derzeit schwer zu bekommen, und es kommt zu hohen Lieferzeiten und hohen Lieferkosten.“ Lieferketten aus Asien würden immer wieder abreißen, die Frachtkosten seien gestiegen. Viele Baustoffhändler hätten zu kämpfen und müssten auch Kundenaufträge ablehnen, so Schäfer. Köbig könne aber dank einer „guten Einkaufsstrategie“ und „guten Geschäftsbeziehungen“ in den meisten Fällen diese Engpässe überbrücken und sei bei den meisten Produkten lieferfähig.

Bücher

Verteuerte Transporte und Personalmangel haben auch auf die Papierbranche empfindliche Auswirkungen: Druckereien fehlt ihre Grundlage, die Verlage befürchten, bereits im Dezember keine zweiten Auflagen mehr herstellen zu können. Er solle auf jeden Fall schon jetzt mehr bestellen, wird Cliff Kilian, einer der Geschäftsführer der Buchhandlung Shakespeare und So in der Gaustraße, aufgefordert. Den Vertreibern von Büchern mangele es an Personal, der Großhandel habe kaum Fahrer und Lagermitarbeiter.

„Es wird immer schwieriger, Bücher pünktlich zu bekommen. Bei Nachdrucken und Beststellern kann die Lieferzeit momentan zehn Tage dauern“, so Kilian. „Englische Bücher sind besonders schwierig.“ Zudem werde die Logistik immer teurer, die Kosten steigen für die Händler. Das Problem, fürchtet er, wird auch in Zukunft weiter bestehen. Mit Blick auf die Weihnachtszeit empfiehlt er, nicht erst zehn Tage vorher das Buchgeschenk zu besorgen, denn er ist sehr sicher, dass dann Vieles nicht mehr vorhanden ist. „Was jetzt noch da ist, sollte man kaufen.“

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