Häftling erinnert sich: So war es im Mainzer Gefängnis

Vor einigen Wochen berichtete Merkurist über die frühere Justizvollzuganstalt (JVA) Mainz, die sich mitten in der Stadt befand. Jetzt erzählt ein früherer Häftling: So war meine Zeit im Mainzer Gefängnis.

Häftling erinnert sich: So war es im Mainzer Gefängnis

Dunkel, beengt und schmutzig: So erinnerte sich der Justizvollzugsbeamte Hans-Peter W. an das ehemalige Gefängnis in der Mainzer Altstadt (wir berichteten). „Einfach eine bedrückende Atmosphäre.“ Anfang des 20. Jahrhunderts war die Mainzer Haftanstalt gebaut worden und wurde in den letzten Jahrzehnten vor ihrer Schließung in erster Linie als Untersuchungsgefängnis genutzt – noch bis zum Jahr 2002.

Etwa 260 Gefangene saßen gleichzeitig in U-Haft oder in kurzer Strafhaft. Zudem gab es jeweils einen Trakt für Frauen und Jugendliche. Für die Gefangenen bedeutete der Knastalltag in Mainz: eine Stunde Hofgang und 23 Stunden in der Zelle sitzen. „Es gab ein Bett, ein Klo, ein Waschbecken und einen Spind. Dazu ein Fenster in etwa 1,70 Meter Höhe – da war nicht viel mit rausschauen“, so der Beamte W. Doch wie erlebten Häftlinge das Mainzer Gefängnis?

Friedensaktivist saß drei Mal ein

Der Friedensaktivist Hermann Theisen (heute 56) saß Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre gleich drei Mal im Mainzer Gefängnis. Durch Zufall entdeckte er vor einigen Wochen den Merkurist-Artikel über die ehemalige JVA und fühlte sich an seine Haftzeit zurückerinnert. „Der Grund für die Gefängnisaufenthalte war in allen Fällen mein friedenspolitisches Engagement“, so Theisen gegenüber Merkurist.

Ende der 80er-Jahre sei er, damals Mitte 20, politisiert worden. Damals studierte der Bad Kreuznacher Soziale Arbeit in Darmstadt. „Die großen Themen waren die atomare Hochrüstung und Reaktorunfälle wie in Tschernobyl.“ Theisen schloss sich der Friedensbewegung an. Auch im Hunsrück, in der Nähe von Hasselbach, waren US-Raketen stationiert. Bei einer Demo an der Militärbasis im Mai 1988 beteiligte sich Theisen zum ersten Mal an einer Sitzblockade. „Gewalt war aber nie ein Thema. Wir haben Polizisten, Staatsanwälte und Richter immer als Menschen respektiert.“

Per Lautsprecher wurden die Blockierer damals von der Polizei zum Aufstehen aufgefordert. Wie viele andere auch weigerte sich Theisen, erst kurz bevor er hätte weggetragen werden müssen, stand er auf und ließ sich von zwei Polizisten abführen. Es folgte ein Ermittlungsverfahren wegen Nötigung. 1989 wurde Theisen vom Amtsgericht Simmern schließlich zu einer Geldstrafe verurteilt. Weil er diese nicht zahlen wollte und auch nichts zum Pfänden hatte, musste er stattdessen für 30 Tage ins Gefängnis. „Etwa 200 Demonstranten wurden damals auf verschiedene Gefängnisse verteilt, ich landete in Mainz.“

Haftzeit beginnt wie im Film

Und für Theisen begann die Haftzeit wie im Film: „Es hieß sofort: Zieh dich aus. Dann wurde man abgeduscht und musste die Knastkleidung anziehen.“ Außerdem wurde ein kleiner Koffer durchsucht, den er mitgebracht hatte. „Man hat da schon ein Gefühl dafür bekommen, was es heißt, einem Apparat ausgeliefert zu sein.“

Nur zweimal die Woche habe er im Gefängnis duschen können – gleichzeitig mit sechs bis acht anderen Häftlingen in offenen Kabinen. „Da lag dann ein Stapel mit weißen Feinrippunterhosen. Man schnappte sich eine und wusste auch gar nicht, ob es die richtige Größe ist“, erinnert sich Theisen. Auch über die Unterwäsche musste er immer das gleiche anziehen: „Ein Blaumann war die Knastkleidung, dazu dicke Wollsocken und schwarze Arbeitsschuhe – im Hochsommer.“

Auch die Essensausgabe sei immer nach dem gleichen Schema abgelaufen. „Dann hieß es Zelle auf und der Schließer sagte ‘Steh auf, sonst gibt es nichts.’ Man hielt seine Porzellanschüssel hin, die dann ein anderer Häftling mit einer Kelle befüllte.“ Aus den Nachbarzellen habe Theisen immer wieder direkt danach die Klospülung gehört. „Manche wollten offensichtlich nichts essen. Obwohl ich das Essen gar nicht so schlimm in Erinnerung habe.“

Softporno anschauen mit 30 Männern

Einmal in der Woche gab es eine „Fernsehstunde“ im Mainzer Gefängnis. Das hieß: 30 Männer wurden zusammen in einen Raum gesperrt und rauchten Zigaretten. „Und dabei lief ein Softporno. Ich kann mich noch heute an einen der Filmtitel erinnern: ‘Nackte Liebe in heißem Sand’“, so Theisen.

Die Mitgefangenen hat er nicht als besonders aggressiv in Erinnerung. „Im Gegenteil: Die meisten haben lethargisch auf das Ende ihrer Haftzeit gewartet.“ Der Grund dafür sei wohl gewesen, dass fast alle Häftlinge nur kurz in Mainz inhaftiert waren. Theisen kann sich nur noch an einen Mithäftling genauer erinnern: ein Mann Anfang 20, der wegen versuchten Mordes einsaß. „Er hatte mehrmals versucht, den Freund seiner Ex-Lebensgefährtin umzubringen. Er hoffte, dass er nach Jugendstrafrecht verurteilt wird und nach drei Jahren wieder raus kommt. Schlimmstenfalls wäre er in der Psychiatrie gelandet – mit offenem Ende. Ich weiß aber nicht, zu was er letztlich verurteilt wurde.“

Auch Theisen hat das Mainzer Gefängnis als alt, dunkel und schmutzig in Erinnerung. Dennoch konnte er seine Haftzeit durchaus produktiv nutzen: „Ich habe die meiste Zeit gelesen und an meinen Hausarbeiten für die Uni gearbeitet.“ Nach der Haftzeit schrieb er sogar seine Diplomarbeit über die Sozialarbeit im Strafvollzug. „Es gab einen Sozialarbeiter für mehr als 250 Häftlinge – wie will man da soziale Arbeit machen?“

Noch zwei Mal im Mainzer Gefängnis

Auch nach dem Ende seiner Haftzeit engagierte sich Theisen weiter politisch. Nach einer Sitzblockade vor einem Atomwaffenlager auf der schwäbischen Alb musste er im Winter 1990/91 ein weiteres Mal in die Mainzer JVA, diesmal allerdings nur sechs Tage lang. „Im Sommer war es im Gefängnis sehr heiß gewesen, im Winter extrem kalt – und man hatte jeweils die gleichen Klamotten an.“

Wiederum nur wenige Monate später, im Frühjahr 1991, ging es für Theisen zum dritten Mal ins Mainzer Gefängnis – weil er mit Flugblättern angeblich zu Straftaten aufgefordert hatte. Wieder musste er in die JVA, weil er sich weigerte, die Geldstrafe zu zahlen, und in seiner Studentenwohnung keine pfändbaren Sachen hatte. Ein Gerichtsvollzieher vollstreckte den Haftbefehl. Dabei kam es zu einer menschlichen Geste: Theisen wusste noch von seinen vorherigen Knastaufenthalten, dass er einen Tauchsieder mit in die Zelle nehmen durfte, um sich heißes Wasser für Tee und Kaffee zu machen. Doch er hatte keinen mehr zu Hause, den er mitnehmen konnte. „Der Gerichtsvollzieher sagte dann: ‘Ich müsste zu Hause noch einen haben.’ Er fuhr uns erst zu sich, holte den Tauchsieder und brachte mich dann ins Gefängnis. Das war eine sehr nette Geste.“

Dritte Haftzeit endet abrupt

Theisens dritter Gefängnisaufenthalt endete schon nach zwei Tagen. Nachdem er Briefe an den grünen Landtagsabgeordneten Michael Henke und das Komitee für Grundrechte und Demokratie geschrieben hatte, kam am nächsten Tag ein Oberstaatsanwalt zu ihm ins Gefängnis: „Herr Theisen, ich bin gekommen, um Ihnen mitteilen, dass die Erzwingungshaft aufgehoben wird und von Amtswegen ein Gnadenverfahren eingeleitet wird.“ Doch warum? Theisen sagt: „Die Rechtsprechung hatte sich mittlerweile geändert. Was uns vorgeworfen wurde, war nicht mehr strafbar.“ Theisen bekam eine Haftentschädigung von 40 Mark – und später noch 600 Euro für seine erste Zeit im Mainzer Gefängnis.

Die Gefängnisaufenthalte in der Mainzer JVA brachten ihn keineswegs von seinem politischen Engagement ab: Bis heute ist Theisen, der seit 25 Jahren im Sozialdienst in einem Krankenhaus arbeitet, in der Friedensbewegung aktiv. „Seitdem gab es immer wieder Strafverfahren, manchmal habe ich auch Geldstrafen bezahlt oder die Strafen abgearbeitet. Im Gefängnis saß ich aber nie wieder.“ Dass die Mainzer JVA 2002 aufgelöst wurde, bekam er eher zufällig mit. „Es war wenig überraschend, weil das Gefängnis ja damals schon völlig veraltet war.“ Trotz seines schwierigen Verhältnisses zur deutschen Justiz kommt er zu einem versöhnlichen Fazit. „Ein Urteil durchläuft bei uns mehrere Instanzen. Es gibt zwar immer wieder einzelne Fehlurteile und manchmal auch kleinere juristische Skandale, aber: Wir haben insgesamt ein überwiegend gut funktionierendes Rechtssystem, wofür uns viele Menschen aus anderen Teilen der Erde sehr beneiden.“ (pk)

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