Aerosol-Experte nimmt Maskenpflicht am Rheinufer auseinander

Seit Dienstag müssen in Mainz nicht nur die Geschäfte wieder schließen. Es gilt jetzt auch eine Maskenpflicht am Rheinufer. Und das sorgt für heftige Kritik.

Aerosol-Experte nimmt Maskenpflicht am Rheinufer auseinander

Steigende Corona-Inzidenzen in Deutschland, Rheinland-Pfalz und Mainz: Wie beim Bund-Länder-Gipfel am 3. März vereinbart, reagiert die Stadt Mainz mit Verschärfungen auf die neuen Zahlen. Weil die Sieben-Tage-Inzidenz seit Tagen über dem Wert von 50 liegt, wird der Einzelhandel wieder geschlossen. Nur Termin-Shopping ist jetzt noch möglich. Doch die Stadt Mainz geht noch weiter: So wurde etwa die Maskenpflicht im Freien auch auf das Rheinufer (südliche Eisenbahnbrücke bis Fußgängerbrücke am Zollhafen) ausgeweitet und gilt dort von 12 bis 22 Uhr. Eine Entscheidung, die viele nicht verstehen können.

„Herr Ebling, das ist wissenschaftlicher Nonsens“, schreibt etwa Leser André in seinem Snip direkt an den Oberbürgermeister. Die Meinungen der anderen Leser gehen auseinander, teilweise wird die Entscheidung der Stadt auch verteidigt. „Masken im Freien sind nahezu egal, wenn Abstand gehalten wird. Schaut euch das Rheinufer am Wochenende mal an. Wenn ihr Leute eure Gesichter ineinander steckt, ist es es egal, ob ihr drin oder draußen seid“, findet User Pico.

Gegenstimmen aus der Politik

Auch die Mainzer Politik steht nicht geschlossen hinter der Maskenpflicht am Rheinufer. Für die Partei Volt ist sie sogar „kontraproduktiv“. Die Partei schreibt: „Ein erhöhtes Risiko zur Infektion mit dem Coronavirus im Freien besteht nur dann, wenn Mindestabstände nicht eingehalten werden können oder es zu Gruppenansammlungen mit Gesprächssituationen kommt.“ Diese Ansammlungen seien jedoch bereits durch Kontaktbeschränkungen begrenzt. Lediglich an einzelnen Bereichen, wo Abstände nicht eingehalten werden können, sei eine Maskenpflicht sinnvoll. Durch die Maskenpflicht gingen die Menschen jetzt auf den Bürgersteigen der Neu- und Altstadt joggen oder spazieren, wo man sich viel näher komme als am Rhein.

Ähnlich sieht es auch der Aerosol-Experte Dr. Gerhard Scheuch, der zuletzt bei Stern TV mit SPD-Politiker Karl Lauterbach über Ansteckungen im Freien diskutierte. Gegenüber Merkurist sagt er: „Eine Maskenpflicht am Rheinufer bringt keinen Vorteil, hat aber möglicherweise einen gegenteiligen Effekt.“ Wolle man die Pandemie effektiv bekämpfen, müsse man nämlich dafür sorgen, dass sich die Menschen draußen aufhalten und nicht in Innenräumen. Eine Maskenpflicht im Freien könne dafür sorgen, dass die Menschen seltener rausgehen.

Keine Infektions-Cluster im Freien

Die Hauptübertragung von Coronaviren finde über Aerosole statt. „Die verwehen im Freien sofort“, so Scheuch. Eine Übertragung könne es nur geben, wenn man sich fünf bis 15 Minuten dicht gegenüberstehe. „Doch auch dann ist nur eine Eins-zu-Eins-Übertragung möglich, nicht ein Cluster wie in Innenräumen.“

Scheuch nennt als Beispiel einen bekannten Fall, bei dem eine Person im Aufzug 71 weitere Menschen angesteckt hat – ohne direkten Kontakt. „In Innenräumen konzentriert sich die Aerosol-Wolke auf und bleibt im Raum stehen. Wenn Sie als Infizierter vier Stunden lang in einem Büro sitzen und ausatmen, sind Hundertmillionen Viren in der Luft. Und dann kann es in einem schlecht belüfteten Raum gut sein, dass die Putzkolonne, die zwei Stunden nach Ihnen den Raum betritt, sich noch ansteckt.“ RKI-Chef Lothar Wieler sage deshalb immer wieder „Lüften, lüften, lüften“. Schon deshalb seien Maßnahmen wie eine Ausgangssperre oder eine Maskenpflicht im Freien unsinnig. Scheuch sagt: „Man macht Maßnahmen, um etwas zu verhindern, das es nicht gibt.“

„So effektiv wie Zaubersprüche aufsagen“

Scheuch schätzt, dass 99,9 Prozent der Ansteckungen in Innenräumen stattfänden. Die Vergangenheit habe gezeigt, dass sich bei Großdemos und Fußballspielen mit Zuschauern kaum Menschen draußen angesteckt hätten. „Das ging erst im Herbst wieder los, als die Menschen mehr drinnen waren.“ Laut Scheuch hätte sogar der Rosenmontagszug in Mainz stattfinden können. „Vorausgesetzt man hätte die Kneipen geschlossen.“ Ähnlich sei es in der Außengastronomie: „Die Übertragungen finden nicht draußen, sondern in schlecht gelüfteten Toiletten statt.“

Doch warum entscheidet sich die Politik dann für Maßnahmen wie eine Maskenpflicht im Freien? Scheuch sagt: „Solche Regeln kann man natürlich gut kontrollieren.“ Zudem glaube er, dass Aktionismus dahinter stecke. Ausgangssperren gebe es etwa nur, weil die Politik private Zusammenkünfte verhindern wolle. „Aber dann sollen sie es auch so benennen.“

Der Aerosol-Experte hofft, dass die Politik in Zukunft effektivere Maßnahmen treffen werde. Und das heiße: sich auf Innenräume konzentrieren. „Dort gilt: Lüften, Maske tragen, Anzahl der Personen minimieren, Raumluftfilter einsetzen“, so Scheuch. Stattdessen konzentriere man sich derzeit auf Maßnahmen wie Kugelschreiber im Wahlbüro zu desinfizieren. „Das ist für die Pandemiebekämpfung ungefähr so effektiv wie Zaubersprüche aufsagen.“

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