Aerosol-Experte: „Maske im Freien ist Unsinn“

Er gilt als deutscher „Aerosol-Papst“: Dr. Gerhard Scheuch. Der Physiker hat eine klare Meinung zur Gefahr, sich mit Corona im Freien anzustecken. Außerdem gibt er Tipps für Innenräume.

Aerosol-Experte: „Maske im Freien ist Unsinn“

Frühlingswetter im Februar: Die steigenden Temperaturen am Wochenende haben trotz Pandemie wieder Tausende Mainzer ans Rheinufer und in die Innenstadt gelockt. Der Mindestabstand von 1,5 Metern wurde dabei oft nicht eingehalten, wie die Mainzer Polizei berichtete. Doch könnten die vollen Straßen bald für steigende Zahlen sorgen?

Der Gemündener Aerosol-Experte* Dr. Gerhard Scheuch hat diese Befürchtung nicht. „Die Ansteckungsgefahr im Freien liegt bei 0“, sagte er in einem Interview mit NTV. Deshalb seien Tätigkeiten wie Spazierengehen, Joggen oder Skifahren kein Problem. Auch gegenüber Merkurist rät der Experte dazu, gerade jetzt Zeit im Freien zu verbringen.

„Inzidenz im Sommer wird sich Null annähern“

Doch heißt das im Umkehrschluss, dass das bessere Wetter im Frühling und Sommer für sinkende Fallzahlen sorgen wird? „Ich kann das nur aus der Sicht des Aerosolforschers beantworten und bin kein Epidemiologe. Ich schätze, dass die Zahlen im Sommer sich wieder der Inzidenz von 0 annähern werden“, so Scheuch gegenüber Merkurist. „Das war auch im letzten Jahr schon der Fall. Selbst die Lockerungen im Mai hatten überhaupt keinen Einfluss auf das Infektionsgeschehen.“

Denn im Sommer kämen unterschiedliche Phänomene zusammen. Scheuch erklärt: „Erstens: Man ist öfters im Freien. Zweitens: Die Luftfeuchtigkeit ist in einem Bereich, den die Viren als Aerosole nicht mögen. Drittens: UV-Licht überleben die Viren nur wenige Minuten. Und viertens: Das Immunsystem des Menschen ist stärker.“

„Maske im Freien unsinnig“

Deshalb halte er die Maskenpflicht im Freien, wie sie auch in Teilen der Mainzer Innenstadt gilt, für „unsinnig“. „Da im Freien die Ansteckungsgefahr mindestens um einen Faktor 100 geringer ist als drinnen, halte ich die Maske im Freien generell für Unsinn“, so Scheuch. „Nur dann, wenn man sich längere Zeit gegenüber steht und sich nicht ausweichen kann und einen Abstand von 1,5 Metern nicht einhalten kann, machen Masken Sinn.“ Mit „längerer Zeit“ sind etwa 5 bis 15 Minuten gemeint, wie Scheuch gegenüber NTV erklärte. Diese Zeit könnte sich bei der britischen Mutation B.1.1.7 auf etwa drei bis zehn Minuten verkürzen.

„Mutationen ändern fast nichts an Ansteckung im Freien“

Ansonsten würden die Varianten so gut wie nichts an der Ansteckungswahrscheinlichkeit im Freien ändern. Scheuch sagt gegenüber Merkurist: „Die britische und alle bisher bekannten Mutanten nutzen den gleichen Ansteckungsweg und lassen sich so auch bekämpfen.“

Lockerungen im Frühjahr sieht Scheuch mit den richtigen Maßnahmen deshalb nicht als große Gefahr an. „Die Außengastronomie ist nicht gefährlich. Beim Einzelhandel gilt es, die Maßnahmen von Innenräumen zu beachten: Lüften, Anzahl der Personen minimieren, Raumluftfilter und Masken.“ Diese Regeln würden generell für alle Innenräume gelten. Zudem solle man die Zeit eines Treffens möglichst minimieren und immer den größtmöglichen Raum für ein Treffen wählen.

Positionspapier der Gesellschaft für Aerosolforschung

Die Gesellschaft für Aerosolforschung kommt in einem Positionspapier zur gleichen Auffassung wie Scheuch. Dort heißt es unter anderem: „Draußen im Freien finden Infektionen über Aerosole nahezu nicht statt. In Räumen ist das Lüften wesentlich. Auch für die Raumgröße ausreichend dimensionierte Luftreiniger können die Konzentration von Partikeln und Viren in der Raumluft signifikant senken.“

*Dr. Gerhard Scheuch ist Physiker mit langjähriger Erfahrung in der Inhalationstherapie und Aerosoltechnologie. Er ist Experte bei der EMEA (European Medicines Agency) und Berater pharmazeutischer Unternehmen.

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