So qualvoll starb die Mainzer Leichtathletin Birgit Dressel

Die Mainzer Leichtathletin Birgit Dressel starb 1987 an den Folgen von Doping und Medikamentenmissbrauch. Heute wäre sie 60 Jahre alt geworden. So qualvoll starb die Mainzerin.

So qualvoll starb die Mainzer Leichtathletin Birgit Dressel

Ein dreitägiges Martyrium „unter unsäglichen Schmerzen“: So beschrieb der „Spiegel“ die letzten Tage der Leichtathletin Birgit Dressel. Im Alter von nur 26 Jahren starb Dressel am 10. April 1987 in Mainz. Heute, am 4. Mai 2020, wäre sie 60 Jahre alt geworden. Dass sie nicht einmal halb so alt wurde, lag an einem unerbittlichen System aus Leistungsdruck und Medikamentenmissbrauch.

Die in Bremen geborene Dressel war eine der besten deutschen Siebenkämpferinnen, startete für den USC Mainz unter anderem bei den Olympischen Sommerspielen 1984 in Los Angeles. Noch kurz vor ihrem Tod 1987 hielt sie die deutsche Jahresbestleistung im Siebenkampf. Ihre nächsten Ziele waren Anfang September die Leichtathletik-WM in Rom, im Jahr darauf die Olympischen Spiele in Seoul.

Nicht nur hartes Training

Dressel war ehrgeizig. „Weiter trainieren, härter arbeiten. Auch wenn's schwerfällt. Es geht um die greifbar nahen Rekorde, um Geld, Ruhm, Meistertitel und den ruhigen, wohlversorgten Lebensabend“, schrieb der „Spiegel“ über die Sportlerin. „Das Paar Birgit Dressel und Thomas Kohlbacher will ja nicht für alle Zeiten in der kleinen Mainzer Mansardenwohnung, An den Platzäckern 3, hängenbleiben.“ Kohlbacher war Trainer und Freund von Dressel.

Doch nicht nur hartes Training sollte Dressel bei den Wettkämpfen helfen. „Birgit Dressel geht zu ihrem Arzneischrank und legt sich die Pillen zurecht, wie jeden Tag. Es sind neun Tabletten und Dragees, dazu eine Trinkampulle“, heißt es weiter im „Spiegel“. „Birgit Dressel schluckt sie alle runter, auch das ‘Megagrisevit’. Es ist ein Anabolikum, steht auf der Liste der verbotenen Dopingsubstanzen.“ Später kam noch ein weiteres Anabolikum dazu.

Das Ergebnis: „Von weitem und von hinten sieht sie schon fast aus wie ein Mann“, heißt es im „Spiegel“. Am 8. April 1987 hatte Dressel beim Kugelstoßtraining plötzlich heftige Schmerzen am linken Lendenwirbel. Sie ging zunächst zu einem Mainzer Orthopäden. „Er scheitert - wie die mehr als zwei Dutzend Ärzte, Oberärzte und Professoren, Vertreter von sechs medizinischen Spezialdisziplinen der Mainzer Universitätskliniken, die sich zwei Tage später um die prominente Sportlerin bemühen werden“, so der „Spiegel“. Am Morgen ihres Todestages habe sie „wehenartige Schmerzen“ gehabt, gegen 13 Uhr nur noch „gewimmert vor Schmerzen“.

Vater macht Medizinern schwere Vorwürfe

Dressel starb am Freitag, den 10. April. Ihr Vater sagte damals: „Für mich ist klar: Birgit ist ein Opfer der Pharmaindustrie. Sie haben nicht versucht, meiner Tochter zu helfen, sie haben sie gequält.“ Dressel und ihr Trainer Kohlbacher hatten laut SWR bei der Einlieferung in die Klinik nicht angegeben, dass sie so viele Medikamente und Injektionen bekommen hatte. „Die über die Einnahmen nicht informierten Ärzte behandelten die großen Schmerzen mit hohen Dosen eines Schmerzmittels. Das führte zu einem multiplen Organversagen und tödlichen Schock.“

Das rechtsmedizinische Gutachten zu Birgit Dressels Tod ist laut „Spiegel“ ein „Dokument des Schreckens“. Dressel sei eine chronisch kranke Frau gewesen, mit Hunderten von Arzneimitteln vollgepumpt. „Der Sport hatte sie längst zum Krüppel gemacht, ihre Gelenke zerstört, die inneren Organe vor der Zeit zerschlissen.“ In der Draiser Wohnung von Dressel und Kohlbacher beschlagnahmte die Kripo später 40 verschiedene Medikamentenpackungen.

Vertuscht und verdrängt

Nach Dressels Tod wurde vieles vertuscht und verdrängt. Der Heidelberger Anti-Doping-Kämpfer Gerhard Treutlein sagte später gegenüber dem SWR: „Alles ist im Sand verlaufen. Es hat viele gegeben, die es ignoriert haben, andere, die es unter den Tisch kehren wollten.“ Zwar habe es Untersuchungen gegeben, zum Prozess sei es aber nie gekommen. Der damalige Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes Helmut Meyer habe noch gesagt: „Birgit Dressels Tod hat mit Doping nichts zu tun.“

Immerhin scheint sich dieses Bewusstsein geändert zu haben. Zum 30. Todestag Dressels sagte Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes: „Der Tod von Birgit Dressel vor 30 Jahren bleibt bis heute eine der größten Tragödien des deutschen Sports.“

Birgit Dressel fand ihre letzte Ruhestätte auf dem Hauptfriedhof in Mainz. (mm)

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