„Verheerende“ Parksituation in der Neustadt? Was Autofahrern jetzt droht

Wohin mit meinem Auto? Diese Frage stellen sich täglich Hunderte Autofahrer, wenn sie in der Mainzer Neustadt auf Parkplatzsuche sind. Parkplätze sind dort Mangelware. Haben also Autos hier auf lange Sicht überhaupt eine Zukunft?

„Verheerende“ Parksituation in der Neustadt? Was Autofahrern jetzt droht

Die Stadt Mainz rüstet sich für die Zukunft und will für seine Einwohner immer lebenswerter werden. Das spiegelt sich auch zunehmend häufiger in der Neugestaltung des öffentlichen Straßenraums wider. Vor allem Radfahrer und Fußgänger sollen hier bevorzugt werden. Autofahrer müssen deswegen damit rechnen, dass ihre Parkplätze nun immer häufiger wegfallen. Ein ohnehin schwieriges Terrain für Autofahrer ist die Mainzer Neustadt. In den engen Straßen müssen Autobesitzer oft mehrere Runden drehen, um einen freien Stellplatz zu finden. Einem, dem diese ganze Situation missfällt, ist Leser Daniel. Er spricht von einer „verheerenden Parksituation“ vor Ort und fragt, „warum die Autobesitzer so leiden müssen“.

Parkplatz-Problem wird sich verschärfen

Neustadt-Ortsvorsteher Christoph Hand (Grüne) weiß, dass (kostenlose) Parkplätze in seinem Stadtteil ein „Reizthema“ sind, wie er gegenüber Merkurist sagt. Ihm sei bewusst, dass im Moment aufgrund von Baustellen viele Stellplätze temporär wegfallen. Dafür komme es nun zu Lockerungen beim Anwohnerparken im Bereich N1 und N2: Dort dürfen Autofahrer ihr Fahrzeug nun teilweise den ganzen Tag stehenlassen. Zudem werde sehr wahrscheinlich das Anwohnerparken in den Abschnitten N5 und N6 kommen, da dieser Bereich von Auswärtigen häufig nur als Park und Ride-Standort genutzt werde.

Dennoch gehe die Entwicklung in der Neustadt dahin, dass man das Auto eher abschafft, sagt Hand. „Die Anwohner wollen keinen Parksuchverkehr mehr, die Menschen wollen Lebensqualität in ihrem Stadtteil.“ Bei 30.000 Einwohnern gebe es rund 7500 gemeldete Pkw in der Neustadt. Der öffentliche Raum gehöre somit zu großen Teilen dem Auto. „Aber das ist nicht zukunftsfähig.“ Die große Mehrheit der Leute wünsche sich einen größeren Anteil vom öffentlichen Raum, der auch extrem knapp sei. „Die Menschen wollen einen Mehrwert, wie beispielsweise die Nutzung des Raums für die Außengastro“, sagt Hand. Wer in die Neustadt zieht, könne nicht erwarten, dass er einen kostenlosen Autostellplatz vor der Haustür bekommt oder seinen Pkw im öffentlichen Raum abstellen kann.

Dementsprechend müssten sich Autofahrer eben einen Stellplatz mieten, der zu den allgemeinen Mobilitätskosten dann noch hinzukomme. „Wir haben noch viel Parkraum unter den Gebäuden beziehungsweise Quartiersgaragen, da stehen aktuell etwa 340 Stellplätze leer“, sagt Hand. Das Argument einiger Autofahrer, man zahle sowieso schon 60 Euro fürs Parken vor Ort, stimme da nicht ganz. Das Parken im öffentlichen Raum - mit Ausnahme der Parkplätze, für die man sich stundenweise einen Parkschein ziehen muss - bleibe kostenlos. Die 60 Euro für einen Anwohnerparkausweis seien hingegen reine Verwaltungsgebühren für das Ausstellen des Dokuments. Abgesehen davon sei bei vielen aber schon die Bereitschaft da, ihr Mobilitätsverhalten grundsätzlich zu ändern, sagt Hand. So gebe es beispielsweise Carsharing-Angebote, Leihfahrräder und einen guten ÖPNV in der Neustadt. Und wie Hand sagt, müssen Autofahrer damit rechnen, dass der Parkraum in Zukunft noch weiter reduziert werde.

Parkraum wird verknappt, verteuert, abgeschafft

Ähnlich beurteilt der Mobilitätsexperte Prof. Dr. Andreas Knie* die Situation in den deutschen Großstädten. Die Autofahrer müssten ihr Verhalten ändern, das sei nicht mehr verhandelbar. „Wir müssen die Zahl der Fahrzeuge zurückschrauben, um die Klimaziele zu erreichen“, sagt er gegenüber Merkurist. Der gewonnene Raum könne dann für die Außengastronomie, Spielgeräte sowie Flächen für Fußgänger und Radfahrer genutzt werden. Der öffentliche Parkraum werde also zunächst verknappt, dann verteuert und schließlich abgeschafft, sagt Knie.

In der Vergangenheit seien die Städte sehr autofahrerfreundlich gewesen. Das werde sich nun ändern. „Stellplätze sind tote Fläche und die Fläche somit nicht brauchbar.“ Man brauche nun vor allem eine Verhaltensänderung, was die Mobilität angeht. Damit diese auch gelingt, müsse der ÖPNV attraktiver werden. „Hier muss eine ‘A-bis B-Verbindung’ angeboten werden. Das heißt: Ich muss von der Tür weg zu meinem Ziel gebracht werden.“ Dafür müsse es Taxi-Dienste, Pooling-Dienste oder Carsharing-Angebote geben, damit man schnell von A nach B kommt. Mit Bahnen und Bussen allein, das habe die Pandemie deutlich gezeigt, sind die Leute nicht mehr zufrieden. Die Idee, einen tonnen-schweren Bus in höherer Taktung fahren zu lassen, wirke dabei eher aus der Zeit gefallen, so Knie. Wer aber in Zukunft in Großstädten nicht auf sein Auto verzichten möchte, der müsse sich eben einen privaten Stellplatz suchen. Kostenloser öffentlicher Parkraum werde wohl über kurz oder lang verschwinden.

*Prof. Dr. Andreas Knie arbeitet am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und ist Professor für Soziologie an der TU Berlin.

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