Ausbau der A643: Werden die Planungen im Naturschutzgebiet ausgesetzt?

Die Autobahn A643 soll auf sechs Spuren erweitert werden – so der Plan. Nach den Verzögerungen auf der Schiersteiner Brücke fordern nun Naturschützer und einige Parteien wieder, die Ausbaupläne im Bereich des Mainzer Sands auszusetzen.

Ausbau der A643: Werden die Planungen im Naturschutzgebiet ausgesetzt?

Hohes Verkehrsaufkommen, mehr Pendler zwischen Mainz und Wiesbaden: Die A643 zwischen der Schiersteiner Brücke und der Anschlussstelle Gonsenheim soll auf sechs Spuren erweitert werden, angefangen bei der Schiersteiner Brücke bis zur Anschlussstelle Mombach.

Doch gegen einen Teil des Ausbaus gibt es seit vielen Jahren heftige Kritik. Denn zwischen der Anschlussstelle Mombach und dem Autobahndreieck durchläuft die Autobahn die Naturschutzgebiete Mainzer Sand und Lennebergwald. „Auf den Ausbau durch den Mainzer Sand und den Lennebergwald sollte zunächst grundsätzlich verzichtet werden“, heißt es nun von Seiten des Mainzer Bündnisses „Nix in den (Mainzer) Sand setzen“, dem unter anderem Naturschutzverbände und Parteigruppierungen angehören. Dazu solle nach Fertigstellung der Schiersteiner Brücke der Anschluss an die Vorlandbrücke „optimiert“ werden, also der Abschnitt der Autobahn, der vom Land auf die Brücke selbst führt.

Die acht Kilometer lange A643 wurde in den 1960er Jahren gebaut, als Teil des Mainzer Autobahnrings. Damals errichtete man sie mitten durch das Naturschutzgebiet des Mainzer Sands. In verschiedenen Teilabschnitten wird sie nun von vier auf sechs Spuren erweitert. Spatenstich zum Ausbau der A 643 zwischen dem Autobahndreieck Mainz und dem Schiersteiner Kreuz war im September 2013. Nachdem die Schiersteiner Brücke fertig gestellt sein wird (wir berichteten), folgt der Ausbau zwischen Mombach und Gonsenheim. Das Planfeststellungsverfahren ist eingeleitet, parallel dazu holt das Land Rheinland-Pfalz bei der EU eine Stellungnahme ein, „die aufgrund des Eingriffs in das Naturschutzgebiet Mainzer Sand erforderlich ist“, so der Landesbetrieb Mobilität. Der Antrag wurde bei der EU-Kommission bereits im Januar 2020 gestellt.

Planungen neu überdenken

Wenn die Arbeiten an der Schiersteiner Brücke, dem Schiersteiner Kreuz und der Salzbachtalbrücke abgeschlossen sind, solle abgewartet werden, ob ein weiterer Ausbau überhaupt noch sinnvoll sei, schreibt Heinz Hesping, Sprecher des Bündnisses, in einer aktuellen Pressemitteilung. Ein wichtiger Aspekt sei auch das veränderte Mobilitätsverhalten der Menschen. Da weder die Planungsbehörden bislang das Planfeststellungsverfahrens geprüft noch die europäische Ebene „offensichtlich noch nicht Stellung genommen“ haben, sei jetzt der „richtige Zeitpunkt für die Bundesebene, an die Planungsbehörden das Signal zu geben, die Planungen neu zu überdenken“, so Hesping.

Bereits seit vielen Jahren schlagen die Mitglieder des Bündnisses eine so genannte „4+2-Lösung“ als Alternative vor, also den Standstreifen je nach Verkehrsaufkommen freizugeben. „Die 4+2-Lösung ist nicht nur umweltverträglicher, sondern auch weitaus kostengünstiger und angesichts des zu erwartenden Verkehrsaufkommens völlig ausreichend“, heißt es von Seiten des Bündnisses. Gemessen am Verkehrsaufkommen sei es zwar auf der Schiersteiner Brücke notwendig, auf sechs Spuren zu erweitern, auf den darauf folgenden Abschnitten sei das Verkehrsaufkommen jedoch weitaus geringer.

Mainzer Politiker sind uneins

Auch die Mainzer Grünen und die SPD sprechen sich wieder gegen den sechsspurigen Ausbau aus: „Dass das Bundesverkehrsministerium dieses Vorhaben vor Jahren vom Tisch gewischt hat, stellt sich mehr und mehr als Fehler heraus“, so der kommissarische Vorsitzende Dr. Eckart Lensch „Die Freigabe der Standstreifen ist eine im Rhein-Main-Gebiet erprobte Technik, wie die Beispiele der A3, der A5 oder der A63 zeigen. Nichts spricht dagegen, sie auch an der A643 anzuwenden.“

Die CDU hingegen machte diese Woche mit einem Twitter-Post Furore. „Tofu kommt nicht mit der Straßenbahn in den Supermarkt. A643 ausbauen!“, heißt es in dem Tweet (wir berichteten). „SPD und Grüne wollen einfach nicht wahrhaben, dass die Mobilität auch zukünftig in Mainz eine große Rolle spielen wird“, so der CDU-Fraktionsvorsitzende Hannsgeorg Schönig. Stattdessen plädiert Schönig dafür, Ausgleiche durch beispielsweise eine Überlandbrücke zu schaffen. Auch im Verkehrsministerium sieht man Bedarf an einem Ausbau: „Das Rhein-Main-Gebiet ist eine wachsende und sich wirtschaftlich dynamisch entwickelnde Region“, sagte Pressesprecher Carsten Zillmann gegenüber der Allgemeinen Zeitung (AZ). „Wir wollen, dass die Berufspendlerinnen und Berufspendler, die Betriebe sowie die Bürgerinnen und Bürger gut und zügig von A nach B kommen.“

Hintergrund:

Der Mainzer Sand, der sich an den Lennebergwald anschließt, ist seit 1939 auf nationaler Ebene als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Auch gehört er zum europäischen Natura 2000 Netzwerk und ist als FFH- (Fauna-Flora-Habitat) und EU-Vogelschutzgebiet geschützt.

Als Überbleibsel der nacheiszeitlichen Steppenlandschaft beherbergt er etliche seltene und geschützte Pflanzen, deren Zusammensetzung in Europa einzigartig ist. Darunter zählen die Sand-Silberscharte, das Adonisröschen, das blaugrüne Schillergras und die Sand-Lotwurz. Auch bedrohte Tiere wie der Wiedehopf wurden hier bereits gesichtet.

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