OB-Kandidat Lukas Haker: „Ich wohne noch bei meinen Eltern“

Zur kommenden OB-Wahl schickt die Satirepartei „Die PARTEI Mainz“ einen ungewöhnlichen Kandidaten ins Rennen: Der Wiesbadener Lukas Haker soll es richten. Welche Ziele er als OB verfolgen würde, verrät Haker im Merkurist-Interview.

OB-Kandidat Lukas Haker: „Ich wohne noch bei meinen Eltern“

Wenn er nicht gerade für „Die PARTEI“ in der Wiesbadener Stadtverordnetenversammlung sitzt, macht er eine Ausbildung zum Erzieher. Nun will der Wiesbadener Lukas Haker (23) jedoch in Mainz durchstarten. Im Merkurist-Interview verrät Haker, welche Ziele er als Mainzer Oberbürgermeister verfolgen würde.

Merkurist: Herr Haker, wie kam es denn dazu, dass Sie jetzt ausgerechnet als Wiesbadener für das Amt des Mainzer Oberbürgermeisters kandidieren?

Lukas Haker: Ich habe mich beworben, weil ich gehört habe, dass es hier drüben eine Ausschreibung von der PARTEI gibt. Mir wurde gesagt: Hier könntest du nach der Macht greifen und auch den Kreisverband übernehmen. Bei meiner Bewerbung habe ich dann behauptet, ich sei halt einfach der Beste, weil ich nicht von dort komme und den besten objektiven Blick habe.

Sie sind schon vor fünf Jahren in die Partei eingetreten. Damals waren Sie 18 Jahre alt. Was hat Sie dazu bewogen, so früh in die Politik einzusteigen? Und warum ausgerechnet in Die PARTEI?

Das hängt zusammen mit meiner ersten Bundestagswahl, da war ich ja gerade 18. Ich war sehr schnell ernüchtert, was für eine furchtbare Auswahl wir in der Parteienlandschaft haben und bin am Ende zum Schluss gekommen, dass Die PARTEI die einzige Partei ist, die vertretbare Positionen hat.

Welche Positionen genau haben Sie bei der PARTEI überzeugt?

Ich glaube, das Größte war zu dem Zeitpunkt die Dönerpreisbremse. Da haben Döner 6 Euro oder so gekostet, das war schon ein bisschen viel. Und ich hatte nicht das Gefühl, dass andere Parteien großartig was machen wollen, um den Lebensunterhalt zu senken, erst recht für junge Menschen.

In Wiesbaden sitzen Sie für Die PARTEI in der Stadtverordnetenversammlung. Laut ihrem Profil gehört „Autofahrer ärgern“ dort zu Ihren Themenfeldern. Steckt dahinter nur einer der für Ihre Partei üblichen Witze oder doch eine ernsthafte Agenda?

Ich glaube, es gibt beim Thema Auto keine andere Stadt in Deutschland, die so lächerlich ist wie Wiesbaden. Wir haben eine Wählergemeinschaft, die heißt einfach „Pro Auto“ und setzt sich nur für Interessen von Autofahrer*innen ein. Wobei, ich glaube nicht mal, dass da Autofahrerinnen dabei sind. Das sind ausschließlich alte weiße Männer, die da in fetten Karren durch die Stadt cruisen. Wir haben uns am ersten Tag direkt verliebt. Seitdem versuche ich, ihnen so gut wie möglich Paroli zu bieten.

„Ich bin sehr erstaunt, dass hier sowas wie eine Straßenbahn funktioniert.“

Haben Sie denn auch ein Verkehrskonzept, das Sie als Oberbürgermeister in Mainz verfolgen würden?

Ich bin sehr erstaunt, dass hier sowas wie eine Straßenbahn funktioniert. Das möchte ich natürlich weiter ausbauen, erst recht über die Brücken. Aber nur in Richtung Wiesbaden. Und sonst verfolgen wir innerhalb von Innenstädten eigentlich ein ganz anderes System, nämlich die innenfreie Autostadt. Wenn die Leute versuchen, in die Stadt reinzukommen, wird sich beschwert, dass überall Fahrradfahrer und Fußgänger sind. Wenn wir einfach alle Straßen wieder aufmachen, so wie in den 50ern und 40ern, ist das kein Problem mehr. Dann kommen auch die Leute aus den Mainzer Vororten in die Stadt und können wieder einkaufen, wenn sie direkt in den Geschäften parken können.

Vor einiger Zeit wurde in der Mainzer Innenstadt vielerorts Tempo 30 eingeführt. Würden Sie das dann auch wieder abschaffen?

Ich habe in Wiesbaden versucht, einen Antrag zu stellen, der Tempo 100 innerhalb von Städten legitimiert. Die FDP hat das lustigerweise abgelehnt. Ich glaube, das Problem war für die, dass es trotzdem immer noch eine Tempobeschränkung gibt. Ich habe aber gehört, dass die FDP hier in Mainz viel lustiger drauf ist und andauernd besoffen im Stadtrat sitzt. Ich glaube, mit deren Hilfe kann ich das immerhin schaffen.

Wie könnte man die Mainzer Innenstadt denn noch attraktiver gestalten – abgesehen von Parkmöglichkeiten direkt im Geschäft?

Hier drüben trinkt man doch sowas wie eine Weißweinschorle oder so furchtbares Zeug. In Wiesbaden haben wir versucht, das immer mehr umzusetzen. Wir haben viele Stadtfeste, und das ist auch was, was ich hier drüben in Mainz bewirken will. Den regionalen Anbau fördern, regionalen Konsum fördern. Das ist eine Sache, wo viele Leute zusammenkommen und sich dann halb betrunken in irgendwelche Geschäfte stopfen und Sachen mitgehen lassen. Das und ein einfacher Anfahrtsweg sind die zwei wichtigen Dinge, die eine attraktive Innenstadt braucht.

Also noch weitere Straßenfeste neben den zahlreichen Festen, die es in Mainz ohnehin schon gibt?

Auf jeden Fall. Warum sollte man nicht jedes Wochenende einen Grund haben zum Saufen?

Das gibt es ja schon durch das Marktfrühstück.

Ja, aber schaffen es die Studenten, so früh auf zu sein?

Normalerweise schon.

Dann kenne ich mich mit den Mainzern vielleicht doch nicht so gut aus. Jedenfalls mit den Mainzer Studenten. In Wiesbaden schlafen wir am Wochenende wesentlich länger und müssen den Rausch vom Freitag ausschlafen.

„Ich möchte AKK wieder an Mainz angliedern lassen.“

In Ihrer Bewerbung als Oberbürgermeisterkandidat für Die PARTEI sollten Sie ja auch ein Projekt angeben, das Sie in Mainz umsetzen wollen. Was war das bei Ihnen?

Es gibt zwei schöne Bauprojekte, die ich habe. Einerseits möchte ich eine Mauer entlang des Rheinufers bauen. Ich habe gehört, das soll irgendwie verschönert werden. Verschönerungen sind so was von 1920. Mainz braucht doch ohnehin Wohnungen, also könnten wir einfach einen riesengroßen Häuserblock entlang des Rheins bauen. Zum anderen möchte ich AKK wieder an Mainz angliedern lassen. Vor knapp 20 Jahren hat der Bundestag ein Gesetz erlassen, was ermöglicht, dass Städte oder Stadtteile mit bis zu 50.000 Einwohnern ein Referendum starten können, um das Bundesland beziehungsweise die Stadt wechseln zu können. Und das wurde explizit für AKK erlassen. Laut einer Bürgerbefragung wollte ein Großteil der Bevölkerung das auch. Mainz hatte aber nicht das Geld, die Stadtteile zurückzukaufen. Durch Biontech hätte Mainz jetzt das Geld. Ausnahmsweise.

Würden Sie die Biontech-Gelder auch noch in andere Bereiche investieren?

Man kann noch so schöne Dinge bauen wie ein paar Luxuswohnungen um irgendwelche Steinbrüche. Und ein Kurhaus fehlt noch. Es gibt am Stadtrand irgendwelche Flächen von Biontech, die jetzt frei geworden sind. Da wollte ich ein Kurhaus hinbauen, denn das fehlt in dieser Stadt noch für eine ordentliche Landeshauptstadt.

„Ich wohne noch bei meinen Eltern zu Hause und die bezahlen einfach die Miete.“

Wie sieht es denn mit Konzepten für bezahlbaren Wohnraum aus? Gerade vor dem Hintergrund der Energiekrise und der steigenden Inflation ist das Thema ja besonders aktuell, nicht zuletzt für junge Menschen wie Sie.

Ich empfehle, das zu machen, was ich mache. Ich wohne noch bei meinen Eltern zu Hause und die bezahlen einfach die Miete.

Und wenn das nicht geht? Nicht alle haben die Möglichkeit, bei ihren Eltern zu bleiben.

Ich glaube nicht, dass das ein großes Problem ist. Also jedenfalls kenne ich das nicht aus Wiesbaden.

In Mainz schon. Sollten Sie tatsächlich Oberbürgermeister werden, wäre das vielleicht ein Thema, das man angehen sollte.

Ja, das wäre gut. Ich werde mich dann einfach an alte CDU-Möglichkeiten halten, irgendwelche heruntergekommenen alten Gebäude nicht zu sanieren, bis sie im Prinzip nur noch aus Wänden bestehen. Und dann gibt es immerhin die Möglichkeit, ein Dach über dem Kopf zu haben.

Nochmal zur Energiekrise: Was würden Sie denn als Mainzer Oberbürgermeister tun, um Privatpersonen und Unternehmen zu unterstützen? Hätten Sie auch ein Notfallkonzept?

Kurzfristig würde ich versuchen, einfach jegliche fossilen Brennstoffe so schnell wie möglich zu verbrennen. Denn dann sind sie nicht mehr da und dann können nicht mehr die Umwelt verpesten. Je schneller wir das schaffen, umso mehr Energie haben wir zurzeit. Ich weiß, dass wir als Mainz und Wiesbaden zusammen eigentlich dieselbe Energiequelle haben, nämlich die Kraftwerke am Rhein. Und die bauen nur auf fossile Brennstoffe. Wenn wir nicht mehr genug fossile Brennstoffe haben, die wir verbrennen können, ist der Markt gezwungen, Alternativen aufzubauen.

Ein anderes wichtiges Thema, auch gerade sehr aktuell mit der Weltklimakonferenz in Ägypten: Gibt es denn Klimaschutzkonzepte, die Sie direkt in Mainz umsetzen würden?

Ich glaube, das große Problem ist immer noch die Energie. Mainz hat nicht den großen Vorteil wie Wiesbaden, auf Quellen gebaut zu sein und warme Keller zu haben. Deshalb werden hier noch sehr viele andere Energierohstoffe verbrannt. Da Alternativen zu schaffen, vielleicht Gas aus Gärstoffen vom Wein oder so, wäre eine Möglichkeit.

Auf den Plakaten und in den sozialen Medien der PARTEI findet man ja sehr viele provokative Formulierungen, die satirisch auf Themen wie Feminismus, Inklusion und Diversität anspielen. So jetzt auch bei der Suche nach dem Oberbürgermeisterkandidaten. Da stand m/w/d für „männlich, weiß, deutsch“. Sind solche Themen tatsächlich ein wichtiger Teil ihrer politischen Agenda oder ist es in erster Linie Provokation, so etwas zu veröffentlichen?

Ich muss sagen, ich mache das nur, um zu provozieren. Zum Beispiel im Feminismus: Ich glaube, Gendern ist das größte Problem unserer Gesellschaft. Es erhitzt nur die Gemüter. Wir sehen ja auch gerade an Leuten wie Olaf Scholz oder Queen Charles, dass immer mehr Männer Berufe von Frauen erledigen müssen. Und das ist ein sehr großes Problem in unserer Gesellschaft.

Letzte Frage: Sie haben die Chance, der jüngste Oberbürgermeister zu werden, den Mainz jemals hatte. Viele Menschen in Ihrem Alter haben jedoch sehr damit zu kämpfen, überhaupt von der Politik gehört zu werden. Haben Sie auch schon mal den Vorwurf gehört, dass es nicht sinnvoller wäre, ernsthafte Politik für junge Leute zu machen, statt sich in einer Satire-Partei zu engagieren?

Ich glaube, die Zeiten zurzeit sind zu ernst, um mit irgendwelchen komischen Wahnvorstellungen in die Politik zu gehen. Mit Satire treffe ich einfach auf die richtigen Leute. Das Internet zeigt zurzeit sehr gut, wie die Mainzer Bevölkerung auf meine Kandidatur reagiert. Und ich erfreue mich jeden Tag zu lesen, dass ich doch als älter geschätzt werde als ich bin, nämlich 24.

Danke für das Gespräch, Lukas Haker.

Das Interview führten Amy-Sophie Lipp und Veronika Dyks.

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