Sexuelle Belästigung: „Es ist wichtig, sich mit den Betroffenen zu solidarisieren“

Auch in Mainz ist sexuelle Belästigung ein großes Thema. Wer ist am häufigsten betroffen und was muss sich in Mainz ändern? Wir haben mit Anette Diehl vom Frauennotruf, Melina von „Catcalls of Mainz“ und der Polizei gesprochen.

Sexuelle Belästigung: „Es ist wichtig, sich mit den Betroffenen zu solidarisieren“

„Mit den Temperaturen steigt die Anzahl sexueller Belästigungen – auch in Mainz“ – mit diesem Snip hat Leserin Martha eine Diskussion ausgelöst. Ein Hauptpunkt dabei: Wann fängt sexuelle Belästigung an? Es entstanden teilweise lange Diskussionen – über subjektive Erfahrungen und objektive Fakten. Viele führten ins Nichts, andere brachten dem ein oder anderen aber auch neue Sichtweisen.

„Obwohl sie sich unwohl fühlen oder manchmal deshalb sogar nicht rausgehen, definieren es viele nicht als Übergriff, weil es für sie einfach Alltag ist.“ - Anette Diehl, Frauennotruf

Fragt man Anette Diehl, Trauma-Fachberaterin beim Mainzer Frauennotruf, dann sind es unter anderem offene Gespräche, die die Gesellschaft beim Thema sexuelle Belästigung braucht. „Wir müssen mehr darüber sprechen“, sagt sie. Das Team des Frauennotrufs berät Frauen und Mädchen, die sexualisierte Gewalt erleben oder erfahren haben. Meist geht es dabei um Missbrauch in der Kindheit, Vergewaltigungen oder um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz sowie in der Schule. „Manchmal wird dabei auch über sexuelle Belästigung auf der Straße gesprochen. Das Schlimme dabei: Obwohl sie sich unwohl fühlen, die Straßenseite wechseln oder manchmal deshalb sogar nicht rausgehen, definieren es viele nicht als Übergriff, weil es für sie einfach Alltag ist.“

Frauen sind häufiger betroffen

Erst 2016 wurde der Straftatbestand der sexuellen Belästigung nach § 184i StGB neu ins Strafgesetzbuch aufgenommen. Anders als der sexuelle Missbrauch und die sexuelle Nötigung war die sexuelle Belästigung in Deutschland bis dahin nicht ausdrücklich strafbar. „Grapschen“ war zum Beispiel in den meisten Fällen kein Straftatbestand. Nach dem neuen Gesetz macht sich jetzt strafbar, wer eine andere Person „in sexuell bestimmter Weise körperlich berührt und dadurch belästigt“.

Besonders häufig von sexueller Belästigung betroffen seien Frauen, Männer, die weiblicher aussehen und Transpersonen, sagt Anette Diehl. Auch die Mainzer Polizei bestätigt, dass Frauen häufiger betroffen sind als Männer. Seit 2019 hat die Polizei 130 Strafanzeigen wegen sexueller Belästigung erfasst. Männer seien in den meisten bekannten Fällen die Täter. Gerade wenn es auf der Straße passiert und man den Täter nicht kennt, sei es aber oft schwer, ihn zu identifizieren. „In solchen Fällen ist es am besten, wenn man direkt bei uns anruft“, sagt Polizeipressesprecher Matthias Bockius. „Dann können wir sofort vorbeikommen und handeln.“ Wichtig sei es, sich zu merken, wie die Person aussah oder mit welchen Menschen sie unterwegs war.

Catcalling auch in Mainz ein Problem

Verbale sexuelle Belästigung, auch Catcalling genannt, ist in Deutschland auch nach der Sexualstrafrechtsreform nicht strafbar. Nur wenn die Äußerung eine Beleidigung darstellt, fällt sie unter den Tatbestand der sexuellen Belästigung. Ein Sonderfall ist die Belästigung am Arbeitsplatz. Dort gelten die Sondervorschriften des „Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes“. Wer körperlich oder verbal belästigt wird, hat ein Beschwerderecht. Vorgesetzte müssen die Beschwerde prüfen und Maßnahmen ergreifen, damit sich die Belästigung nicht wiederholt. Das kann bis zur fristlosen Kündigung führen.

Dass sich, auch wenn verbale Belästigungen auf der Straße nicht strafbar ist, trotzdem etwas ändern muss, wollen die Aktivistinnen der Instagram-Seite „Catcalls of Mainz“ deutlich machen. Sie sammeln Erlebnisse von Betroffenen und schreiben sie mit Kreide auf den Boden des Ortes, an dem es passiert ist. Über Instagram machen sie auf die Vorfälle aufmerksam. Auch sie erreichen vor allem Nachrichten von weiblich gelesenen Personen.

Mehr Fälle im Sommer

Im Sommer steigen die Fälle an. „Oft sind diese mit der Kommentierung des Körpers oder der Klamotten verbunden, wie ‘Geile Schenkel’ oder ‘Trag mal einen BH’“, sagt Melina, eine der Aktivistinnen von „Catcalls of Mainz“. „Dabei muss ganz klar gesagt werden, dass sexuelle Belästigung durch nichts gerechtfertigt werden kann und dass Sommerkleidung natürlich keine Aufforderung zum Catcalling ist.“ Auch bei der Polizei werden im Sommer mehr Fälle sexueller Belästigung angezeigt. Eine Ausnahme sei die Fastnachtszeit. Aber: „Sexuelle Belästigung findet in jeder Jahreszeit statt“, sagt Melina. Auch im Winter bekämen die Aktivistinnen täglich Nachrichten von Betroffenen. Immer wieder seien darunter auch Fälle, die angezeigt werden könnten.

„Es fallen oft Sätze wie: ‘Selbst Schuld, wenn du dich so anziehst oder nachts alleine rumläufst’. Das macht uns sehr wütend.“ - Melina, Catcalls of Mainz

„Für Betroffene ist es oftmals sehr schwierig über ihre Erfahrungen zu sprechen. Zudem reagieren viele Menschen auch noch mit Victim Blaming und geben der betroffenen Person die Schuld“, sagt Melina. „Es fallen dann oft Sätze wie: ‘Selbst Schuld, wenn du dich so anziehst oder nachts alleine rumläufst’. Das macht uns sehr wütend. Denn Schuld haben immer nur die Täter*innen.“ Das kennt auch Anette Diehl vom Frauennotruf. Oft fielen auch Aussagen wie „Stell dich nicht so an“ oder „Es war doch nur nett gemeint.“

„Es kommt aber nicht auf die Intention der handelnden Person an, sondern es kommt darauf an, wie ist es für die Person ist, die diese Handlung erreicht“, sagt Diehl. Wer unsicher ist, wie er jemanden respektvoll ansprechen kann, könne sich beispielsweise mit anderen austauschen oder auf Info-Veranstaltungen gehen.

Unterstützung für Betroffene

Egal um welche Art der Belästigung es sich handelt – sowohl Anette Diehl als auch Melina von „Catcalls of Mainz“ finden, das Thema brauche mehr Aufmerksamkeit. „Wir wünschen uns, dass die Mainzer*innen das Problem erkennen und nicht wegschauen, wenn sie Catcalling beobachten“, sagt Melina. „Es ist wichtig sich mit den Betroffenen zu solidarisieren und unter Umständen auch einzuschreiten.“ Die Täter solle man zurechtweisen und ihnen erklären, warum ihr Verhalten problematisch ist.

„Wir müssen weiter öffentlich aufklären und die Betroffenen von sexueller Belästigung empowern.“ Anette Diehl

Der Frauennotruf unterstützt Betroffene. Auch anonym. Manchmal helfe es, nur darüber zu reden. In anderen Fällen begleitet das Team die Betroffenen auch zur Polizei oder zum Arbeitgeber. Außerdem startet der Frauennotruf immer wieder Kampagnen, um auf sexuelle Belästigung aufmerksam zu machen. Beispielsweise mit Plakaten, die unter anderem auf Partys und Veranstaltungen aufgehängt werden sollen, um klarzumachen, dass sexuelle Belästigung dort nicht geduldet wird. Aktuell läuft außerdem eine Kampagne gegen toxische Männlichkeit, bei der sich Männer gegen Sexismus aussprechen. „Wir müssen weiter öffentlich aufklären und die Betroffenen von sexueller Belästigung empowern“, sagt Anette Diehl. „Damit es eben nicht mehr ‘normal’ oder Alltag ist.“

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