Ist der sechsspurige Ausbau der A643 in Mainz tatsächlich notwendig?

Nach Fertigstellung der Schiersteiner Brücke soll der umstrittene sechsspurige Autobahnausbau durch Mainzer Naturschutzgebiete weiter vorangetrieben werden. Naturschutzverbände und Politiker fordern Alternativen.

Ist der sechsspurige Ausbau der A643 in Mainz tatsächlich notwendig?

Erst am Mittwoch hatte die Autobahn GmbH bekannt gegeben, dass sich der Bau der Schiersteiner Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden weiter verzögern wird (wir berichteten).

Gleichzeitig werden die Stimmen von Naturschützern und einigen Mainzer Parteien wieder laut, den weiteren sechsspurigen Ausbau in Richtung Gonsenheim und Mombach auszusetzen. Denn zwischen der Anschlussstelle Mombach und dem Autobahndreieck durchläuft die Autobahn die Naturschutzgebiete Mainzer Sand und Lennebergwald.

„Wissing will offensichtlich mit Gewalt einen sechsspurigen Ausbau der A643 durch den Mainzer Sand durchsetzen“, sagt Heinz Hesping, Sprecher des Mainzer Bündnisses „Nix in den (Mainzer) Sand setzen“, dem unter anderem Naturschutzverbände und lokale Parteigruppierungen angehören. Das widerspreche den Vereinbarungen im Koalitionsvertrag. Dieser sehe beim Thema Fernstraßen einen Fokus auf „Erhalt und Sanierung“ vor – und damit nicht Neu- und Ausbau.

Tatsächlicher Bedarf sei nicht überprüft

Bisher, so Hesping, habe es noch keine Überprüfung des Bedarfs gegeben. In einem Interview mit der Allgemeinen Zeitung hatte der rheinland-pfälzische Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) gesagt, dass der sechsspurige Ausbau auf dieser Strecke für ihn weiterhin „Priorität“ habe. Hesping fordert unter anderem zu prüfen, ob der Verkehrsfluss durch den Neubau der Schiersteiner Brücke, des Schiersteiner Kreuzes und der Salzbachtalbrücke bereits ausreichend gewährleistet sei. „Wenn der Verkehrsminister dann immer noch glaubt, ein sechsspuriger Ausbau der A643 sei zu wünschen, so soll er ihn im Bereich des Mainzer Sandes unter die Erde verlegen“, so Hesping. „Die Natur ist wichtiger als hemmungsloser Straßenausbau.“

„Die Region verträgt diesen Ausbau nicht mehr“ – Christian Kanka und Dr. Eckart Lensch

Auch Christian Kanka, Vorstandsmitglied der SPD und Ortsvorsteher von Mainz-Mombach, ist gegen den sechsspurigen Autobahnausbau. „Die Argumente sind ausgetauscht, die Sachlage ist klar: die Region verträgt diesen Ausbau nicht mehr“, so Kanka in einer gemeinsamen Erklärung mit dem kommissarischen SPD-Vorsitzenden Dr. Eckart Lensch. Mainz sei als Teil des Rhein-Main-Gebiets eines der leistungsstärksten Wirtschaftsräume in Europa, so Lensch. „Mobilität ist hierbei ein Grundpfeiler des Erfolgs. Dies gilt es, stetig zu verbessern. Aber es muss ein Gleichgewicht zwischen Mensch und Umwelt gewahrt bleiben. Das gilt insbesondere mit Blick auf die Tatsache, dass die A643 ein Naturschutzgebiet von europäischem Rang durchschneidet.“

So seien die Ausbaupläne für die A643 überholt. „Inzwischen ist die Entwicklung weitergegangen, und es wird immer klarer, dass in der Mobilitätspolitik der Schwerpunkt auf dem Ausbau des Schienenverkehrs für Personen und Güter liegen muss“, so Lensch. Eine „kluge Alternative“, so Kanka, sei die Ertüchtigung und temporäre Nutzung der Standstreifen als weitere Fahrspuren – eine Technik, die im Rhein-Main-Gebiet bereits vielerorts angewandt werde. „Jeder weitere Zentimeter bebautes Naturschutzgebiet bedeutet weniger Raum für eine einzigartige Landschaft. Eine Landschaft, die mit ihren seltenen Pflanzen und Tieren geschützt werden muss.“

Hintergrund:

Der Mainzer Sand, der sich an den Lennebergwald anschließt, ist seit 1939 auf nationaler Ebene als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Auch gehört er zum europäischen Natura 2000-Netzwerk und ist als FFH- (Fauna-Flora-Habitat) und EU-Vogelschutzgebiet geschützt.

Als Überbleibsel der nacheiszeitlichen Steppenlandschaft beherbergt er etliche seltene und geschützte Pflanzen, deren Zusammensetzung in Europa einzigartig ist. Darunter zählen die Sand-Silberscharte, das Adonisröschen, das blaugrüne Schillergras und die Sand-Lotwurz. Auch bedrohte Tiere wie der Wiedehopf wurden hier bereits gesichtet.

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